Mehr als eine warme Mahlzeit
Es begann mit einem eiskalten Herbst im Jahr 1998. Wohnungslose Menschen kamen damals in den Gottesdienst der Christuskirche. Sigrid Duhm-Jäckel, Gründerin der Essensausgabe, fragte sie, warum sie da seien. Die Antwort: „Wir kommen, um uns aufzuwärmen.“ In der Nähe der Kirche gab es damals eine Übernachtungsstation. Nachts konnten Menschen dort Schutz finden, tagsüber mussten sie wieder hinaus – auch bei Frost. Für Sigrid Duhm-Jäckel, mittlerweile Pastorin im Ruhestand, war das ein Widerspruch zu dem, was sie in der Kirche verkündete: Nächstenliebe, Wärme, Geborgenheit und die Liebe Gottes.
„Da muss man doch etwas tun“, dachte sie sich. Sie sagt diesen Satz wie selbstverständlich. Es ist die Haltung, aus der vor fast 28 Jahren die Suppenküche an der Christuskirche in Leer entstanden ist und die ihr Engagement bis heute trägt.
Duhm-Jäckel spricht mit Wärme von den Menschen, die sonntags zur Suppenküche kommen. Zugleich wählt sie ihre Worte präzise. Sie spricht nicht von „Bedürftigen“ oder „Fällen“, sondern von Gästen. „Sie sind Gäste an unserem Tisch“, so formuliert sie es. Für sie ist das keine sprachliche Feinheit, sondern eine Frage der Würde.
Am ersten Advent 1998 öffnete deshalb die Suppenküche an der Christuskirche erstmals ihre Türen. Es gab 50 Portionen Erbsensuppe, fünf Gäste und einen gedeckten Tisch mit Blumen und Kerzen. Die Gäste sollten nicht einfach satt werden. Sie sollten sich willkommen fühlen. Eine Besucherin habe sich damals besonders darüber gefreut, bedient zu werden und Gastlichkeit zu erfahren, erinnert sich die heute 74-Jährige. Die fünf Gäste kamen fortan jeden Sonntag wieder und viele weitere dazu.
Heute ist aus der Idee ein fester Ort der Unterstützung und Begegnung geworden. Durchschnittlich kommen 70 bis 90 Menschen zur Suppenküche. Viele sind wohnungslos, andere leben mit sehr wenig Geld, mit psychischen Belastungen, einer Suchterkrankung oder Einsamkeit. Auch Altersarmut sei deutlich spürbar, sagt Duhm-Jäckel.
Sie erzählt von diesen Entwicklungen, ohne zu beschönigen, aber auch ohne über Menschen zu urteilen. Für sie sind es vor allem Lebensgeschichten. Menschen können durch Trennung, Arbeitsplatzverlust, Krankheit, traumatische Erfahrungen oder Sucht aus der Bahn geraten. Viele Menschen fielen auf den ersten Blick nicht als arm auf. Erst im Gespräch bemerke man, wie groß die Not oft sei.
Gäste statt Bedürftige
Die Menschen, die sonntags kommen, heißen in der Suppenküche bewusst Gäste. Für Duhm-Jäckel ist Gott der Gastgeber; die Ehrenamtlichen geben Zeit, Arbeit und Aufmerksamkeit weiter. Wenn sie davon erzählt, wird deutlich, wie grundlegend diese Wortwahl für sie ist. Sie möchte Menschen nicht über ihre Not definieren. Ein gedeckter Tisch, Blumen und Kerzen, ein gutes Essen und Zeit für ein Gespräch: „All das gehört für mich zur Barmherzigkeit. Sie beginnt nicht erst bei der Versorgung, sondern bei der Frage, wie ein Mensch angesehen wird.“
Diese Haltung zeigt sich im Kleinen. Es geht um ein gutes Essen, nicht um eine möglichst billige Sättigung. Es geht um einen freundlich gedeckten Tisch, um ein Gespräch und um die Frage, wie es jemandem geht. Wenn ein Gast über längere Zeit fehlt, fällt das auf. Andere fragen dann: „Wo bist du denn? Ich habe dich wochenlang nicht gesehen.“
Für Menschen, die allein leben, kann das entscheidend sein. Eine Besucherin schilderte Duhm-Jäckel einmal, sie habe keinen Appetit, wenn sie sonntags allein vor ihrem Teller sitze und niemanden zum Reden habe. In der Suppenküche treffe sie Menschen. Einsamkeit sei ebenfalls ein Stück Armut, sagt die frühere Pastorin. Orte der Begegnung seien deshalb unverzichtbar.
Demokratie beginnt mit Hinsehen
Was hat eine Suppenküche mit Demokratie zu tun? Für Sigrid Duhm-Jäckel ist die Antwort klar: „Zur Demokratie gehört, Menschen nicht auszugrenzen und keinen Hass zu verbreiten.“ Demokratie lebe davon, dass Menschen Verantwortung füreinander übernehmen und andere nicht auf ihre Armut, ihre Erkrankung, ihre Herkunft oder ihren Lebensweg reduzieren.
Die Suppenküche macht Armut sichtbar und verändert damit die Perspektive derjenigen, die helfen. Mitarbeitende sagten ihr immer wieder: „Ich wusste gar nicht, dass es so viel Armut gibt.“ Wer regelmäßig vor Ort ist, begegnet nicht einer anonymen Gruppe, sondern Individuen mit Namen, Sorgen, Fähigkeiten und Geschichten.
Ein Erlebnis mit einem Kindergarten beschreibt diese Veränderung besonders deutlich. Kinder sammelten zum Erntedankfest Lebensmittel, aus denen Suppe gekocht wurde. Anschließend verteilten sie sie in der Suppenküche. Ein Vater war zunächst dagegen, dass sein Sohn dorthin gehe. Der Junge wollte jedoch unbedingt mitmachen. Eine Erzieherin überzeugte den Vater mitzukommen. Dieser sagte danach: „Ich habe einen ganz anderen Blick auf diese Menschen bekommen. Ich sehe sie jetzt mit anderen Augen.“
Genau darin liegt eine demokratische Kraft: Begegnung durchbricht das Reden über „die anderen“. Sie schafft Verständnis, ohne Probleme zu beschönigen, und verhindert, dass Menschen unsichtbar werden. „Es ist leicht, von ,denen da‘ zu sprechen“, sagt Duhm-Jäckel. „Aber das sind Menschen wie wir: mit Sorgen, Nöten und Lebensgeschichten.“
Hilfe auf Augenhöhe
Die Theologin unterscheidet klar zwischen Mitleid und Solidarität. Mitleid könne gut gemeint sein, sagt sie, werde aber problematisch, wenn es Menschen bevormunde. Solidarität beginne mit einer einfachen Frage: „Was brauchst du?“ Sie verlangt, zuzuhören und dem anderen die Freiheit zu lassen, Hilfe anzunehmen oder abzulehnen.
Das prägt auch die Essensausgabe. Ein zu voll geschöpfter Teller könne gut gemeint sein, aber dennoch die Würde verletzen, wenn jemand ihn nicht aufessen könne und Essen weggeworfen werde. Insbesondere Menschen, die etwa aus einem Methadonprogramm kommen, könnten oft nicht viel essen. Solidarität heißt deshalb: zuhören, nachfragen und die Bedürfnisse des Gegenübers ernst nehmen.
Zur Würde gehört aber auch, alltägliche Bedürfnisse wahrzunehmen. Die Suppenküche verteilt gelegentlich gut erhaltene Kleidung, darunter Schuhe, Mützen, Schals und Jacken. Auch gespendete Bücher werden verteilt. Sobald ein Tisch mit den Sachen im Gemeindehaus steht, ist er schnell leer. Der Bedarf sei groß, berichtet Duhm-Jäckel. Viele Menschen, die sonntags kommen, seien äußerlich nicht sofort als arm zu erkennen. Doch über Wochen werde sichtbar, dass sie immer dieselbe Kleidung tragen und an vielem sparen müssen.
Aktuell stricken Frauen in Leer und bundesweit Socken, damit die Besucherinnen und Besucher der Suppenküche im Winter heiße Füße haben. „Die sind natürlich heiß begehrt“, so Duhm-Jäckel.
Erstmals wurde auch kostenlose Fußpflege angeboten. Zwei Fußpflegerinnen, Mutter und Tochter, engagierten sich dafür ehrenamtlich. Viele Gäste nahmen das Angebot dankbar an. Eine Frau sagte anschließend: „Das war wie eine Wellnessstunde für mich.“ Die Fußpflege soll möglichst regelmäßig angeboten werden. Auch darin zeigt sich, worum es der Suppenküche geht: nicht nur darum, den dringendsten Mangel zu lindern, sondern Menschen Aufmerksamkeit, Respekt und ein Stück Wohlbefinden zu schenken.
Die Gäste sind dabei nicht nur Empfängerinnen und Empfänger. Manche helfen beim Aufräumen, fegen den Saal oder reinigen die Tische. Ein iranischer Flüchtling, der in Deutschland Christ geworden ist und nicht in sein Herkunftsland zurückkehren kann, sagt über seinen Einsatz: „Für mich ist das Gottesdienst, wenn ich hier den Saal sauber mache. Ich gebe etwas zurück von dem, was ich bekomme.“ Die Suppenküche ist damit ein Ort des Gebens und Nehmens – nicht der Einteilung in Helfende und Hilfsbedürftige.
Verlässlich – auch in Krisen
Widerstand hat Sigrid Duhm-Jäckel nicht entmutigt. Als zu Beginn der Suppenküche einzelne Gemeindemitglieder drohten, dem Gottesdienst fernzubleiben, falls kirchliches Geld für die Arbeit in der Suppenküche eingesetzt würde, suchte sie andere Wege. Spenden, Kooperationen und ein wachsendes Netzwerk von Ehrenamtlichen machten die Arbeit möglich. Duhm-Jäckel blieb nicht bei der Empörung stehen, sondern organisierte Lösungen.
Dieselbe Entschlossenheit zeigte sich während der Corona-Pandemie. Als die reguläre Ausgabe zunächst nicht möglich war, war ihre Antwort schlicht: „Wir müssen es irgendwie hinkriegen.“ Das Team packte Lebensmittelpakete, verteilte Gutscheine und brachte Essen zu den Menschen nach Hause. Auch Weihnachten wurde neugestaltet – mit einem Rundparcours im Freien, Stationen mit Abstand und später einer Ausgabe durchs Fenster. Die Hilfe blieb, nur ihre Form änderte sich.
Heute tragen mehr als 40 Ehrenamtliche die Arbeit. Rund 40.000 Euro werden im Jahr benötigt. Anlassspenden, Kollekten, Serviceclubs, engagierte Einzelpersonen und kulturelle Initiativen helfen mit. So sammelte die Band Umbrella Sky bei Auftritten innerhalb von anderthalb Jahren mehr als 7.000 Euro für die Suppenküche. Auch ein Partyservice liefert Essen und unterstützt dabei die Arbeit ehrenamtlich. Der Lions-Club Ems-Leder-Jümme spendet seit mehr als 20 Jahren 100 gut gefüllte Geschenketaschen für die Weihnachtsfeier an Heiligabend in der Suppenküche.
Für ihr langjähriges Engagement erhielt Sigrid Duhm-Jäckel kürzlich das Bundesverdienstkreuz. Sie versteht die Auszeichnung nicht als persönliche Ehrung allein. „Ich teile dieses Bundesverdienstkreuz mit allen, die in der Suppenküche mitarbeiten“, sagt sie. Ohne die Menschen, die anpacken, ihre Hand reichen, zuhören und andere sehen, gäbe es diese Arbeit nicht.
„Hingehen und hinsehen“
Die Suppenküche in Leer löst nicht die Wohnungsnot. Sie kann Armut, Sucht, Einsamkeit oder psychische Krisen nicht allein beheben. Aber sie schafft einen Ort, an dem Menschen nicht allein gelassen werden: mit einer warmen Mahlzeit, Kleidung, Fußpflege, einem Gespräch und einem Platz in der Gemeinschaft. Für die Pastorin im Ruhestand ist das kein Zusatz zum Glauben, sondern dessen Konsequenz. Beten und Handeln gehörten zusammen, sagt sie. „Wer bei Gott eintaucht, taucht beim Nächsten wieder auf.“
Ihre klaren Worte beschreiben zugleich, was Demokratie im Alltag braucht: Menschen, die nicht wegsehen. Menschen, die sich nicht mit Abwertung und Ausgrenzung abfinden. Menschen, die andere nicht auf ihre Not reduzieren, sondern ihnen mit Respekt begegnen.
„Hingehen und hinsehen, beides ist wichtig“, sagt Duhm-Jäckel. An der Christuskirche in Leer wird daraus seit 1998 verlässliche Praxis. Hier bekommt Armut ein Gesicht. Vor allem aber erfahren Menschen: Sie werden gesehen. „Ihr seid angesehen, weil Gott euch sieht“, sagt Duhm-Jäckel. „Ihr seid Kinder Gottes.“ Eine demokratische Gesellschaft braucht solche Orte – Orte, an denen niemand beweisen muss, dass er oder sie dazugehören darf.