Haltung zeigen heißt, sich aus der schweigenden Masse herauszuwagen

Kirche zwischen Polarisierung und Rechtsextremismus: Fachtag des Sprengels Lüneburg über Haltung, Rechtsextremismus und Bündnisse

Rechtsextreme und demokratiefeindliche Strömungen gewinnen an Einfluss – auch im kirchlichen und gesellschaftlichen Umfeld. Wie können Kirchengemeinden, Kirchenkreise und kirchliche Einrichtungen damit umgehen? Wie lassen sich Menschenwürde, Zusammenhalt und Nächstenliebe überzeugend vertreten, ohne den Dialog vorschnell aufzugeben? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Fachtagung „Haltung zeigen. Bündnisse stärken. Kirche in Zeiten von Rechtsextremismus und politischer Polarisierung“ am Samstag, 26. September 2026, im VERDO Kultur- und Tagungszentrum in Hitzacker.

Der Sprengel Lüneburg lädt gemeinsam mit den Kirchenkreisen Lüneburg, Lüchow-Dannenberg und Uelzen kirchliche Verantwortungsträger:innen, Haupt- und Ehrenamtliche sowie zivilgesellschaftliche Bündnispartner:innen ein. Die Veranstaltung beginnt um 12 Uhr; bereits ab 11.30 Uhr ist Gelegenheit zum Ankommen und zur Begegnung

Regionalbischöfin Marianne Gorka über Kirche in Zeiten politischer Polarisierung, die Bedeutung von Bündnissen und den Mut zur Auseinandersetzung

Bild: Jens Schulze
Regionalbischöfin Marianne Gorka

Veranstaltungsinfos:

Die Veranstaltung wird durch die Hanns-Lilje-Stiftung gefördert.

Termin: Samstag, 26. September 2026, 12–18 Uhr 

Ort: VERDO – Kultur- und Tagungszentrum, Dr.-Helmut-Meyer-Weg 1, 29456 Hitzacker 

Teilnahme: Eintritt frei, Anmeldung wird erbeten

Warum braucht es gerade jetzt einen Fachtag zu Rechtsextremismus und politischer Polarisierung?

Marianne Gorka: Weil wir merken, dass gesellschaftliche Spannungen und Polarisierungen auch vor unseren Kirchentüren nicht haltmachen. Gemeinden, Kirchenkreise und kirchliche Einrichtungen stehen vor ganz konkreten Fragen: Wie gehen wir mit menschenfeindlichen Positionen um? Wo ziehen wir Grenzen? Und wie bleiben wir zugleich ansprechbar und dialogfähig? Wir wollen diese Fragen nicht abstrakt diskutieren, sondern Erfahrungen teilen, Dilemmata sichtbar machen und ganz praktisch schauen: Was hilft uns im Alltag? Der Fachtag soll Mut machen, Orientierung geben und Menschen miteinander ins Gespräch bringen über ihre Fragen, aber auch über Unterstützungsangebote und gute Erfahrungen, die es ja auch gibt.

Sie haben den Fachtag mit „Haltung zeigen. Bündnisse stärken.“ überschrieben. Was bedeutet Haltung zeigen für Sie?

Gorka: Haltung zu zeigen heißt für mich zunächst, klar für die Würde jedes Menschen und für unsere Demokratie einzustehen. Sie basiert auf einer vor allem freiheitlichen (oder: freiheitlich-demokratischen) Grundordung, die uns nicht verloren gehen darf. Wenn dagegen aber menschenfeindliche oder rechtsextreme Positionen lauter werden, dürfen wir nicht schweigen. Gleichzeitig bedeutet Haltung nicht, dass wir jede Auseinandersetzung abbrechen. Im Gegenteil: Wir müssen genau hinsehen, widersprechen, wo Grenzen überschritten werden, und trotzdem im Gespräch bleiben, wo das möglich ist. Und manchmal bedeutet Haltung auch, sich aus der schweigenden Masse herauszuwagen und deutlich zu sagen: Hier machen wir nicht mit.

Warum ist es Ihnen wichtig, dabei so stark auf Bündnisse und Vernetzung zu setzen?

Marianne Gorka: Wir können diese Herausforderungen nicht allein bewältigen und müssen es auch nicht. Es gibt überall Menschen und Initiativen, die sich für Demokratie, Menschenwürde und gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren. Der Fachtag bringt ganz unterschiedliche Perspektiven zusammen – aus Kirche, Politik und Zivilgesellschaft. Ich wünsche mir, dass daraus konkrete Verbindungen entstehen, dass wir voneinander lernen, uns gegenseitig stärken und auch nach dem Fachtag wissen, wen wir ansprechen können, wenn es schwierig wird. Gerade mit Blick auf die kommenden Kommunal- und Landtagswahlen möchten wir zeigen: der Schutz unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung (s.o.) ist eine gemeinschaftliche Aufgabe, Die bewältigen wir am besten gemeinsam. Dafür ist es wichtig, dass wir uns jetzt zusammen gut aufstellen.

Programm des Fachtages

Miteinander vernetzen, voneinander lernen und den Mut finden, gemeinsam Verantwortung übernehmen

Im Mittelpunkt der Fachtagung steht der Erfahrungsaustausch über den Umgang mit AfD-Mitgliedern und -Sympathisant:innen in kirchlichen Arbeitsfeldern. Zudem geht es um Grenzen der Zusammenarbeit und Fragen kirchlicher Loyalität sowie um konkrete Strategien im Umgang mit rechtsextremen Tendenzen in Gemeinden und Kirchenkreisen. Die Tagung will Orientierung geben, Dilemmata sichtbar machen und dazu beitragen, eine tragfähige kirchliche Haltung zu entwickeln.

Praxis, Austausch und Vernetzung

Nach der Begrüßung durch Regionalbischöfin Marianne Gorka sowie die Superintendent:innen der beteiligten Kirchenkreise spricht Prof. Dr. Christoph Goos, Vizepräsident des Landeskirchenamtes, zum Thema: „Wo betrifft uns das AfD-Thema, und welche Werkzeuge haben wir?“

Am Nachmittag folgt das Podiumsgespräch „Gemeinsam gegen politische Polarisierung“. Daran nehmen unter anderen Martin Raabe von der Gruppe beherzt, Dominique Haas, Rechtsextremismusbeauftragter des Landkreises Lüneburg, Ingrid Bergschmidt von den Omas gegen Rechts, Karl-Georg Ohse von „Kirche stärkt Demokratie“, Ruth Hoffmann, Journalistin und Autorin des Buchs „Raubzug von rechts. Familie, Freiheit, Widerstand: Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht“ sowie Felix Paul vom Team Demokratie und Frieden der Evangelischen Agentur teil. Moderiert wird das Gespräch von Wiebke Vielhauer, Pröpstin des Kirchenkreises Uelzen.

Ein Impuls aus ostdeutscher Perspektive kommt von Jana Huster, Autorin des Buchs „Flüchtige Begegnungen“ und Quartiersentwicklerin bei der OTEGAU Gera. In einer Marktphase können die Teilnehmenden anschließend mit verschiedenen Initiativen und Organisationen ins Gespräch kommen und Kontakte für die eigene Arbeit knüpfen.

Den praxisorientierten Abschluss bildet das Format „Hands on: Kurve Wustrow“. Der Workshop nimmt Situationen in den Blick, in denen rechtsextreme Aussagen im Alltag begegnen können: „Rechtsextreme Aussagen begegnen uns im Alltag an den unterschiedlichsten Stellen: bei der Arbeit, an der Bushaltestelle, bei Familienfeiern. In vielen Momenten gilt es Gesprächsgelegenheiten zu erkennen und zu nutzen – und manchmal braucht es eine schnelle Reaktion. In diesem Workshop schauen wir uns Situationen und unsere Rollen darin an und üben den Umgang mit dem Überraschungsmoment einer unerwarteten Aussage“, sagt Joel Campe von „Kurve Wustrow“

Viele Bündnispartner:innen beteiligt

Mit Informationsständen und Gesprächen beteiligen sich unter anderem Omas gegen Rechts, die Kurve Wustrow, das Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus, die Evangelische Erwachsenenbildung (EEB), die Gruppe beherzt, Kirche stärkt Demokratie, das Bündnis gegen Rechts Wendland, Bündnis Wagemut, der Rechtsextremismusbeauftragte des Landkreises Lüneburg, Bleckede blüht bunt sowie die Polizeiinspektionen Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen mit ihrem Team Aus- und Fortbildung und den Demokratiepat:innen.

Mit Blick auf die anstehenden Kommunal- und Landtagswahlen richtet die Fachtagung den Blick auch auf die Zeit danach: Wie können Kirchen vorbereitet sein, wenn sich politische Mehrheiten und gesellschaftliche Realitäten verändern – in Gremien, Teams, Nachbarschaften und Gemeinden? Die Teilnehmenden erhalten Anregungen für Leitlinien und Praxisinstrumente, die helfen sollen, Konflikte auszuhalten, Grenzen klar zu markieren und zugleich dialogfähig zu bleiben.

Anne-Katrin Schwaniz | Sprengel Lüneburg