Ein Aufbruch ins „vertraute Unbekannte“

Generalkonvent: 140 Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker treffen sich in Hildesheim
Viele Menschen singen in einer Kirche. Eine als Frau lesbare Person dirigiert, eine andere spielt am Flügel.
Bild: Lothar Veit

Wenn Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker zusammenkommen, wird nicht nur diskutiert, sondern auch auf höchstem Niveau musiziert. Das wird in einer veränderten Kirche so bleiben, wie der Generalkonvent in Hildesheim zeigte.

„Kirchenmusik in Transformation“ – das klingt maximal spröde. Aber wenn sich die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker der Landeskirche zu einer zweitägigen Vollversammlung („Generalkonvent“) treffen, feiern sie auch Gottesdienst. Und dann ziehen sie im wahrsten Sinne des Wortes alle Register. Wechselnde Organisten und Pianistinnen, ein Bläserensemble aus Landesposaunenwarten, eine Band und ein 140 Stimmen starker Chor – das klingt maximal feierlich!

Unter dem Leitgedanken „Zukunft gestalten – Kirchenmusik in Transformation“ kamen am 1. und 2. September 140 von 150 hauptberuflichen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker der Landeskirche Hannovers im Michaeliskloster in Hildesheim zusammen. Der Generalkonvent findet alle vier Jahre statt und versteht sich als Begegnungs- und Austauschort für die gesamte Kirchenmusik der Landeskirche.

„In der Musik werden Menschen empfänglich für eine Dimension, die über ihre normale Welt- und Selbstwahrnehmung hinausgeht“, sagte Landesbischof Ralf Meister in seiner Predigt. „Deshalb nennt Martin Luther die Kirchenmusik eine Gabe Gottes.“ Musik habe vielen Menschen auch durch die Corona-Zeit geholfen. Vor vier Jahren waren diese Eindrücke noch ganz frisch: Gottesdienste wanderten ins Digitale, Chöre und Ensembles mussten pausieren. Inzwischen kann in den Kirchen wieder ohne Abstand, Masken und andere Einschränkungen musiziert werden.

Auch sonst hat sich in jüngster Zeit viel getan. Immer mehr Kantorinnen und Kantoren mit popmusikalischer Ausbildung bereichern das Gemeindeleben. Bei der Tagung im Michaeliskloster standen verschiedene Stile bruchlos nebeneinander oder wurden geschickt kombiniert. Doch vor allem ging es den hauptberuflich Musizierenden um die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit. Sie diskutierten über das Selbstverständnis ihrer Berufsgruppe, über Fragen der Ausbildung, der Finanzierung und über lästige Begleiterscheinungen wie das Umsatzsteuerrecht.

Und wenn von Transformation die Rede ist, geht es nicht nur um den gesellschaftlichen Wandel und Traditionsabbruch – um den auch –, sondern insbesondere um die über allem schwebenden Sparzwänge. Bis 2035 werden die finanziellen Mittel der Landeskirche um mindestens 30 Prozent sinken. Wie sich das konkret auswirkt, wird Gegenstand der Beratungen der Landessynode im November sein.

Lars Hillebold, Direktor des Michaelisklosters, griff das metaphorisch anhand einer „ganzen Note“ in einem Musikstück auf. Diese könne man nicht einfach um 30 Prozent kürzen, man müsse dann womöglich das ganze Stück neu komponieren. Landesbischof Ralf Meister bestätigte, dass die Kirche vor einer herausfordernden Situation stehe, machte den Anwesenden aber zugleich Mut: „Kirchenmusik wird auch zukünftig ein zentraler Bestandteil unserer Verkündigung sein“, sagte er. „Wir erleben die Attraktivität der Kirchenmusik in überfüllten Konzerten. Und zugleich ist sie in der Lage, jeden Gottesdienst zu einem Erlebnis zu machen.“

„Kirchenmusik wird auch zukünftig ein zentraler Bestandteil unserer Verkündigung sein.“
Landesbischof Ralf Meister

Für Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel geht vom Generalkonvent bei aller Sorge eine Aufbruchstimmung aus: „Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker wollen ihre Kompetenz stärker in die Veränderungsprozesse unserer Kirche einbringen, denn zum professionellen Singen und Musizieren gehört auch das Sagen“, so sein erstes Resümee. „Dafür braucht es Teams, in denen unterschiedliche musikalische Profile zusammenwirken, und regionale Vernetzung auch über Gemeinde- und Kirchenkreisgrenzen hinweg.“ Von der Kirchenleitung erhoffen sich die Musikerinnen und Musiker eine landeskirchliche Perspektive auf zukünftige Stellenplanungen, Entlastung durch einheitliche und klare Verwaltungsprozesse sowie Entwicklungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel durch gezielte Personalberatung auch für Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker.

Es sei ein Aufbruch ins „vertraute Unbekannte“, sagte Dippel. Er nehme von der Zusammenkunft mit, dass die Mitarbeitenden aus einer starken Profession heraus „die Zukunft der Kirche nicht nur zum Klingen bringen, sondern aktiv mitgestalten wollen“.


Zur Kirchenmusik in der Landeskirche Hannovers

Rund 52.000 Menschen musizieren regelmäßig in der Landeskirche Hannovers. Sie tun dies in mehr als 2.300 Gruppen: in Kinder- und Jugendchören, Kantoreien und Kammerchören, Ensembles, Bands sowie in gut 260 Gospel- und Popchören. In 550 Posaunenchören musizieren mehr als 8.000 Personen. Für den Wohlklang im Gottesdienst und darüber hinaus sorgen rund 3.000 Mitwirkende an Orgel, Klavier, Keyboard oder anderen Instrumenten. Davon sind rund 150 hauptberufliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker. Unterstützt werden sie von 1.900 nebenberuflichen und 960 ehrenamtlich tätigen Mitwirkenden in den Gemeinden.

Lothar Veit | EMA