Alte Zeltplanen werden zu Fackeln, CDs zu Spindeln und ein Acker verwandelt sich in eine kleine Zeltstadt. Tausende Pfadfinder aus Deutschland und der Welt sind zum VCP-Bundeslager ins niedersächsische Almke bei Wolfsburg gereist.
Wolfsburg, Kassel. Dicht an dicht stehen schwarze Zelte, an den Seilen dazwischen hängen Handtücher zum Trocknen. Auf den fünf Meter hohen Holzpfählen wehen bunte Fahnen. Dazwischen herrscht geschäftiges Treiben: Mehr als 5.000 Jugendliche haben auf einem Feld bei Wolfsburg ein riesiges Zeltlager errichtet. Bis zum Sonnabend (8. August) findet im niedersächsischen Almke das Bundeslager des Verbands Christlicher Pfadfinder*innen statt.
In einem Zelt sitzen morgens etwa zehn Jugendliche in einem Kreis, in der Mitte steht ein Topf mit heißem Wachs. Der 15-jährige Clemens fischt konzentriert mit großen weißen Handschuhen ein getränktes Stoffstück aus dem Topf und wickelt es um einen Stock. So wird aus altem Zeltstoff später eine Fackel.
„Anpacken“ und Naturverbundenheit
Clemens, gekleidet im blauen T-Shirt mit der Lilie als Symbol der internationalen Bewegung, ist wie viele schon seit seiner Kindheit bei den Pfadfindern. „Ich finde es schön, dass wir alle das gleiche Mindset haben“, sagt er lächelnd. Das gemeinsame „Anpacken“ gehöre genauso dazu wie die Naturverbundenheit.
Auch die 24-jährige Johanna Krtecek aus Sachsen ist mit ihrem beigefarbenen Hemd und den farbigen Halstüchern schon von Weitem als Pfadfinderin zu erkennen. Seit mehr als 16 Jahren engagiert sie sich in dem Verband. Natürlich zähle das Engagement für Hilfsbedürftige dazu, aber die Pfadfinderbewegung mache vor allem aus, dass viele hier „Soft Skills“ wie Teamfähigkeit fürs Leben lernten, sagt sie, während sie um sich blickt. „Das macht viele hier zu ganz guten Menschen.“
Teilnehmer auch aus Hongkong oder Simbabwe
In den zehn Tagen können die Jugendlichen, von denen ein Teil auch aus anderen Ländern wie der Ukraine, Hongkong oder Simbabwe angereist sind, zwischen 1.000 verschiedenen Workshops wählen, die Themen dafür schlagen sie oft selbst vor, sagt Krtecek. So reichen die Angebote vom Singen feministischer Lieder oder dem Lernen von unterschiedlichen Seil-Knoten bis hin zu Diskussionen über Rechtsextremismus und Demokratie.
Außerdem lege der Verband viel Wert auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Minderjährigen, sagt Krtecek. Alle Teilnehmer ab 16 Jahren müssen neben einer verpflichtenden Präventions-Schulung – unter anderem zum Umgang im Team, den eigenen Grenzen und sexualisierter Gewalt – auch ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. Manche Zelte, wie auch die „Lagerkirche“, sind bewusst als Raum der Ruhe gestaltet, sodass die Teilnehmer auch Rückzugsorte finden.
Durch das schwarze Zelt der aus Strohballen und Decken improvisierten Kirche weht selbst bei Temperaturen um die 30 Grad noch eine kühlende Brise. Täglich gibt es dort Angebote der Seelsorge oder auch einen „Segen-to-go“. Davor haben die Jugendlichen aus Baumstämmen einen „Kirchturm“ mit eigener Glocke aufgebaut. Etwas weiter entfernt ragt ein Leuchtturm weit über die Zeltspitzen hinaus. Auf dem von Bauern angemieteten Ackerland haben die angereisten „Stämme“ – so bezeichnen sich die einzelnen Orts- oder Regionalgruppen – typische Wahrzeichen für die einzelnen Bundesländer errichtet.
Im Schatten des Leuchtturms findet ein weiterer Workshop statt. Jugendliche üben das Spinnen von Wollgarn. Die Handspindel ist aus einem Stock und einer CD gefertigt. „Wenn man den Dreh raus hat, geht es eigentlich wie von selbst“, sagt die 17-jährige Ella aus Rheinland-Pfalz und muss selbst etwas über ihren Wortwitz lachen. Sie ist schon das zweite Mal beim Bundeslager dabei, das alle vier Jahre stattfindet.
„Familie fürs Leben“
Sachen mit der Hand zu machen sei „generell cool“, begründet sie ihre Wahl für diesen Workshop, während sie die neue Wolle zwischen ihren Fingern glatt streicht. Den Wollfaden will sie später zum Häkeln verwenden. Auch nach Jahren treffe sie beim Bundeslager alte Bekannte wieder, sagt die junge Frau, die sich in ihr Halstuch auch einige Sicherheitsnadeln und andere Buttons gesteckt hat. „Man findet wirklich eine Familie fürs Leben.“
Der Zusammenhalt zeigt sich auch, als in der Nacht zum Mittwoch die Zelte wegen eines starken Unwetters zeitweise geräumt und die rund 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in sichere Unterkünfte auf dem Platz gebracht werden müssen. Nach rund einer Stunde seien sie unversehrt in ihre Zelte zurückgekehrt, teilt der Verband am Morgen mit.