Eine Premiere für die evangelische Kirche
Wir haben eine der beteiligten Forscherinnen gefragt, wie die Umfrage aussieht und warum man daran teilnehmen sollte.
Frau Eufinger, Sie betreuen aktuell eine Befragung zur kulturellen Diversität im Auftrag der Landeskirche. Was ist der Anlass dazu?
Veronika Eufinger: Die Landeskirche hatte Interesse daran, mehr über die kulturelle Diversität unter ihren Ehren- und Hauptamtlichen zu wissen. Daraus ergaben sich Fragen – etwa ob eine ausgeglichene Repräsentation gegeben ist und was förderlich und hinderlich dafür ist, erfolgreich eine Heimat zu finden unter den Bedingungen einer gelebten Vielfalt. Vergleichbare Untersuchungen wurden in den letzten Jahren auch in den Behörden der öffentlichen Verwaltung in Deutschland durchgeführt – für die evangelische Kirche ist es eine Premiere.
Können Sie kurz umreißen, was genau Menschen erwartet, die an der Online-Umfrage teilnehmen?
Eufinger: Wir fragen danach, welche Erfahrungen mit kultureller Vielfalt die Menschen im Rahmen ihrer kirchlichen Tätigkeit bisher gemacht haben. Dazu gehören etwa einschlägige Fortbildungen, interkulturelle Angebote ihrer Gemeinde, aber auch selbst erlebte oder beobachtete Diskriminierung. Sie haben außerdem die Möglichkeit anzugeben, ob sie auch an der zweiten Stufe unseres Projekts teilnehmen möchten. Insgesamt dauert es etwa 15 Minuten, den Fragebogen auszufüllen.
Die Umfrage läuft noch bis zum 28. Juni – warum ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen daran teilnehmen? Und was passiert anschließend mit den Antworten?
Eufinger: An unserer Befragung haben inzwischen mehr als 1.500 Menschen teilgenommen und wir möchten uns bereits jetzt bei allen Teilnehmenden ganz herzlich bedanken. Zugleich würden wir uns sehr freuen, wenn diese Zahl bis Ende des Monats nochmal deutlich nach oben geht. Für die Auswertung der Ergebnisse ist es entscheidend, dass alle möglichen Gruppen in ausreichender Anzahl teilnehmen, damit die Ergebnisse auch die Größe und Komplexität der Landeskirche adäquat abbilden. Nach Abschluss des Fragebogens werden wir die Daten auswerten und im Herbst dieses Jahres eine Reihe von Interviews mit kirchlichen Beschäftigten führen, in denen wir ausgewählte Themen vertiefen. Die zusammengefassten Resultate diskutiert dann die Frühjahrsynode 2027.
Eine Kirche für alle Menschen
Menschen aus ganz verschiedenen Kulturen sind in den Gemeinden der Landeskirche zu Hause – auch in Hannover bei Pastorin Nadia el Karsheh.
„Die Aussicht ist hoffnungsvoll“, sagt Nadia El Karsheh. Die Pastorin aus Hannover ist in Deutschland als Kind eines palästinensischen christlichen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Sie empfand auch deshalb andere Kulturen stets als bereichernd, sagt sie, und sieht sie „als Schatz und niemals als Bedrohung“. El Karsheh kümmert sich für die Landeskirche Hannovers um die Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund – und sagt, sie wisse von Schwellenängsten vieler Christinnen und Christen aus anderen Ländern. „Warum sollen wir uns damit zufriedengeben, dass wir nebeneinander und zersplittert leben anstatt miteinander in einer vielfältigen Kirche?“, fragt sie.
Der Theologin zufolge sollte genau dieses Ziel für die ganze Landeskirche gelten, denn „Vielfalt tut einfach gut, und sie kann Gemeinden verjüngen.“ Um Kirche stärker auch für Christinnen und Christen zu öffnen, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, hat Nadia El Karsheh mit Fachleuten vom Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) eine Umfrage entwickelt. Sie soll klären: Wie steht es eigentlich um die kulturelle Vielfalt in den Gemeinden? Und wie können entsprechende Schritte zu mehr Diversität aussehen? Je mehr Teilnehmende, desto besser das Bild - deshalb ruft die Landeskirche zur Teilnahme an der Online-Umfrage auf. Bis zum 28. Juni ist dies möglich.
Wie wichtig ein gelingendes Miteinander ist, zeigt eine aktuelle Studie der Bundesagentur für Arbeit: Demnach verlässt fast ein Fünftel der eingewanderten Fachkräfte Deutschland wieder, weil sie sich nicht willkommen fühlen. „Das erschüttert mich und macht mich unzufrieden“, sagt Nadia El Karsheh. „Wir als Kirche können dafür sorgen, dass sich das ändert und Menschen hier wirklich ankommen.“
Unsicherheiten, Ängste und Barrieren
Die Pastorin probiert selbst Wege dazu und ruft etwa zweisprachig aufwachsende Jugendliche in ihrer Gemeinde dazu auf, Texte auch in ihrer Heimatsprache vorzulesen. Allein den Klang anderer Sprachen zu hören - das sei interessant und wunderschön, sagt sie: „Die Idee kommt gut an in der Gemeinde“. Zugleich weiß El Karsheh um Unsicherheiten und Ängste vor Fremdheit und um die Barrieren, die zwischen Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte liegen können.
Dass diese zurzeit häufig noch hoch sind, darauf weist auch Lars-Torsten Nolte hin. Als Leiter des Teams Ökumene und Religionen der Evangelischen Agentur hat auch er die Umfrage mitentwickelt.
„Noch läuft die Willkommenskultur bei uns nicht optimal, wir sind vielerorts sehr verengt“, gibt Nolte unumwunden zu. „Um zukunftsfähig aufgestellt zu sein, müssen wir uns verändern.“ In der öffentlichen Wahrnehmung von Migration drehe sich das Thema Religion in der Regel um den Islam, macht Nolte deutlich. Doch das sei ein verzerrtes Bild: „Die Debatte unterschlägt die vielen Christinnen und Christen, die zu uns kommen. Sie bilden immer noch die deutliche Mehrheit.
Zur Vielfalt verpflichtet
Nolte verweist darauf, dass zugewanderte christliche Menschen in Norddeutschland vielfach aus der ehemaligen Sowjetunion und deren Nachfolgestaaten stammten, aber auch aus Rumänien, dem Iran, arabischen Ländern, afrikanischen Staaten wie Ghana und Südafrika sowie aus asiatischen Ländern. Unter ihnen seien auch viele Studierende.
Vielfalt und Gleichberechtigung zu stärken, dazu hat sich die Landeskirche nicht nur in Artikel 2 ihrer Verfassung verpflichtet. Lars-Torsten Nolte ist überzeugt, dass in der Umsetzung dieses Zieles viel Kraft für den weiteren Weg der Kirche liegt: „Wenn es uns gelingt, aufeinander zuzugehen, steckt darin enormes Potenzial für unsere Gegenwart und Zukunft.“
„Menschen mit Migrationsgeschichte sollen bei uns mitspielen“
Pastor Michel Youssif schafft Begegnungen mit Christinnen und Christen aus anderen Ländern.
Aus dem „der und ich“ soll mehr „wir“ werden: Wenn Michel Youssif über Menschen mit Migrationsgeschichte spricht, dann geht es ihm vor allem um eines: „Wir brauchen Gemeinschaft. All die Menschen sollen nicht nur in den Fußballvereinen mitspielen, sondern auch bei uns.“
Der gebürtige Ägypter arbeitet seit 24 Jahren als Pastor in Hannover, hat dort die arabisch-deutsche evangelische Gemeinde gegründet und ist Vorsitzender der Internationalen Konferenz Christlicher Gemeinden in Niedersachsen.
In seiner Arbeit beschäftigen ihn vor allem vier Fragen: Wo sind Menschen mit Migrationsgeschichte bereits beteiligt? Wo gibt es Hindernisse? Welche Ressourcen und Gaben bringen sie mit? Und: Wie können wir voneinander lernen?
„Andere Länder, andere Sitten“ hat Youssif zum Beispiel kürzlich einen Themenabend genannt. Dabei wurden auch Missverständnisse angesprochen und Unsicherheiten im Umgang mit kirchlichen Strukturen. „Wir konnten so vieles aufklären und verstehen. Am Ende haben alle geschmunzelt und gelacht.“
Zu anderer Gelegenheit erzählten Menschen von ihren Fluchtgeschichten: ob vor vielen Jahren aus Ostpreußen oder aktuell aus dem Irak. Immer geht es Youssif darum, Begegnungen zu schaffen. Wenn Sprachbarrieren zu Herausforderungen werden, lässt der Pastor Texte übersetzen. „Zwar gibt es den Anspruch, dass die Migrantinnen und Migranten Deutsch können sollen. Aber das müssen sie zunächst lernen.“ Gemeinden können Menschen bei der Integration helfen, und seine Erfahrung zeigt: „Wer einmal diese Hilfe, diese Liebe erfahren hat, gibt sie später auch weiter.“
Sein Appell lautet daher: mehr gemeinsame Gottesdienste mit internationalen Gemeinden, mehr gemeinsame Projekte, mehr Besuche untereinander. „Die internationalen Gemeinden können Brücken bauen.“ Kirche soll schließlich Gesellschaft spiegeln – und in den vergangenen Jahren sind viele christliche Menschen aus Ägypten, Syrien, dem Iran und Irak, Afrika, Asien und Osteuropa nach Deutschland gekommen.
„Es ist wichtig, dass all diese Schwestern und Brüder bei uns vertreten sind“, sagt Youssif. „Und zwar auch als Mitspieler und Mitdenker in Leitungskreisen. Wir können voneinander lernen.“