„Manche reden kaum – aber sie singen“

Das Mitsingfestival der Landeskirche ist auch in Kliniken und Seniorenzentren zu Gast
Mehrere ältere Menschen und eine Pflegerin singen gemeinsam.
Bild: Lothar Veit

Singen ist gesund für Alt und Jung – das ist erwiesen. Gerade bei betagten Menschen kann das gemeinsame Musizieren ungeahnte Kräfte und Erinnerungen wecken. Deshalb ist das Mitsingfestival der Landeskirche auch in 25 Krankenhäusern und Seniorenheimen zu Gast.

Im Foyer der Seniorenresidenz Bennigsen ist kein Durchkommen. In der Cafeteria sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner dicht an dicht. Und auch die Gitarrengruppe „Doppelpunkt“ benötigt ein wenig Platz. Wer mit dem Rollator von A nach B möchte, muss ordentlich zirkeln. „Wer singt, blüht auf!“ singt die Gitarrengruppe, den Mottosong des ersten Mitsingfestivals der Landeskirche. „Wer singt, blüht auf – das stimmt wirklich“, sagt eine Bewohnerin.

Birgit Lukow, Leiterin der Gitarrengruppe der St.-Andreas-Gemeinde Springe, führt durch den Nachmittag unter dem Titel „Lieder über Frühling und die Liebe“. Welches ist der einzige Monat, der es ins Evangelische Gesangbuch geschafft hat? „Der Mai“, kommt es aus mehreren Richtungen und schon stimmen alle das Lied „Wie lieblich ist der Maien“ an. Oft beginnt Lukow ihre Ansagen mit einer kleinen Quizfrage oder einem Requisit. Das aktiviert die Erinnerung der Seniorinnen und Senioren. Warum wohl hat eine Dame der Gitarrengruppe einen Westernhut auf? Weil sie einen Cowboy als Mann will. Alle kennen den Schlager von Gitte Haenning.

Eine als Frau lesbare Person mit einer Gitarre spricht zu Publikum.
Bild: Lothar Veit
Birgit Lukow, Leiterin der Gitarrengruppe „Doppelpunkt“, hat früher selbst in Seniorenheimen gearbeitet.
Eine als Mann lesbare ältere Person spielt in einem Sessel Gitarre. An dem Sessel lehnt ein gerahmtes Foto von ihm mit Gitarre.
Bild: Lothar Veit
Es funktioniert noch: Bei diesem Senior werden Erinnerungen an musikalische Zeiten wach.

Das Mitsingfestival spielt sich nicht nur in Kirchen und Gemeindehäusern ab, sondern auch in 25 Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Seniorenresidenzen und Hospizen. Singen macht den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur Spaß, sondern hat nachweislich positive gesundheitliche Effekte, etwa für Menschen mit Demenz. Lieder aus der Kindheit und Jugend sind tief im Langzeitgedächtnis verankert. Singen aktiviert Gehirnregionen, die bei Demenz oft lange erhalten bleiben, darunter Bereiche für Emotionen, Sprache und Motorik, und fördert die Ausschüttung von Glückshormonen. Selbst bei fortgeschrittener Demenz können Betroffene bekannte Lieder mitsingen – das stärkt das Selbstwertgefühl, reduziert Ängste, animiert zu Bewegungen und ermöglicht soziale Teilhabe.

Viele brauchen keinen Text

„Singen geht immer“, sagt Sandra Offenbach, Leiterin des Sozialen Dienstes der Nordik-Care-Seniorenresidenz in Bennigsen. „Manche hier sind sehr unkommunikativ. Sie reden kaum und sind nicht orientiert – aber sie singen.“ Viele bräuchten keinen Text. Sie können die alten Schlager, Volks- und Kirchenlieder auswendig. „Und sie lächeln“, sagt Offenbach. „Das Gesicht verändert sich, es entspannt sich.“

Die Gruppe „Doppelpunkt“, die Mitglieder sind selbst im besten Alter zwischen 60 und 91 Jahren, spielt und singt „Geh aus, mein Herz“, „Im schönsten Wiesengrunde“ und „Kein schöner Land“. Ein Bewohner wird etwas unruhig, schlängelt sich durch die Allee der Rollatoren zum Fahrstuhl und kommt kurz darauf mit einem gerahmten Foto wieder. Es zeigt ihn selbst beim Gitarrespielen. Er leiht sich aus der Gruppe ein Instrument und greift ein paar Akkorde. „Ich wollte mal ausprobieren, ob es noch geht“, sagt er.

Viel Liebe zum Detail

Für die 13 Gruppenmitglieder ist es nicht der erste Auftritt dieser Art. Die ehrenamtliche Leiterin Birgit Lukow war zunächst Lehrerin und hat dann wie Sandra Offenbach in der sozialen Betreuung in Seniorenheimen gearbeitet. Beide kennen sich, sie wohnen im gleichen Ort. Als eine Kirchenvorsteherin mit der Frage kam, wie man sich beim Mitsingfestival beteiligen könne, war schnell die Idee des Singens in der Seniorenresidenz geboren.

In Bennigsen beweist die Gruppe viel Liebe zum Detail. Nach der Eröffnung des Programms mit dem Festival-Song des Festivals singt sie „Wer singt, blüht auf!“ am Ende ein zweites Mal – diesmal mit allen gemeinsam. Dazu verteilen die Mitglieder an die Bewohnerinnen und Bewohner des 120-Betten-Hauses 120 selbst gebastelte Blumen aus Krepppapier. Am Ende steht nur die Frage: Wann kommt ihr wieder?

„Die Nachfrage ist größer als je zuvor“

Oliver Perau
Bild: Maike Helbig

Einer, der sich mit Singen in Seniorenheimen auskennt, ist Oliver Perau aus Hannover. Der Sänger der Rockband „Terry Hoax“, der solo außerdem als Juliano Rossi unterwegs ist, gehört seit 2013 zum mehrfach ausgezeichneten Projekt „Klang und Leben“.

Herr Perau, Sie kennen das Rockstar-Leben und Auftritte vor tausenden Leuten. Was hat Sie bewogen, abseits der großen Bühne mit dementen Menschen zu singen?

Oliver Perau: Ich wurde damals von Rainer Schumann, dem Schlagzeuger der Furys, gefragt. Er hatte die Idee dazu, aber noch keine Band und kein musikalisches Konzept. Er fragte mich, ich brachte meinen Kumpel Lutz Krajenski und viele alte deutsche Schlager mit und los ging’s. Lutz wurde dann durch Andreas Meyer ersetzt und Rainer etwas später durch Karsten Kniep. In dieser Besetzung sind wir noch heute unterwegs. Unsere 2. Vorsitzende Beate und ich sind die beiden einzigen übriggebliebenen Gründungsmitglieder. Heute ist die Nachfrage nach Klang und Leben und die Anzahl der Konzerte, die wir im Jahr spielen, größer als je zuvor.

Auf Bildern wirken die betagten Menschen glücklich und ausgelassen. Hat das gemeinsame Singen für die Menschen auch einen nachhaltigen Effekt?

Perau: Wir bekommen oft die Rückmeldung nach unseren Konzerten, dass wir noch tagelang Thema waren. Am Anfang wurde das Ganze sogar wissenschaftlich begleitet. Fazit: Es gibt einen überaus positiven Effekt des gemeinsamen Singens auf die Stimmung, Gesundheit und Befindlichkeit des Menschen. Egal, ob dement oder nicht.  

Was denken Sie: An welche Lieder werden Sie sich noch im hohen Alter erinnern?

Perau: Ich hoffe, an alle Songs von Terry Hoax und Juliano Rossi, damit ich weiterhin Konzerte geben kann. Das lebenslange Lernen neuer Texte könnte mir dabei behilflich sein. Gedächtnistraining und Musik sind wichtige Faktoren im Schutz vor Demenz.

Lothar Veit | Evangelische Medienarbeit