„Manche reden kaum – aber sie singen“
Singen ist gesund für Alt und Jung – das ist erwiesen. Gerade bei betagten Menschen kann das gemeinsame Musizieren ungeahnte Kräfte und Erinnerungen wecken. Deshalb ist das Mitsingfestival der Landeskirche auch in 25 Krankenhäusern und Seniorenheimen zu Gast.
Im Foyer der Seniorenresidenz Bennigsen ist kein Durchkommen. In der Cafeteria sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner dicht an dicht. Und auch die Gitarrengruppe „Doppelpunkt“ benötigt ein wenig Platz. Wer mit dem Rollator von A nach B möchte, muss ordentlich zirkeln. „Wer singt, blüht auf!“ singt die Gitarrengruppe, den Mottosong des ersten Mitsingfestivals der Landeskirche. „Wer singt, blüht auf – das stimmt wirklich“, sagt eine Bewohnerin.
Birgit Lukow, Leiterin der Gitarrengruppe der St.-Andreas-Gemeinde Springe, führt durch den Nachmittag unter dem Titel „Lieder über Frühling und die Liebe“. Welches ist der einzige Monat, der es ins Evangelische Gesangbuch geschafft hat? „Der Mai“, kommt es aus mehreren Richtungen und schon stimmen alle das Lied „Wie lieblich ist der Maien“ an. Oft beginnt Lukow ihre Ansagen mit einer kleinen Quizfrage oder einem Requisit. Das aktiviert die Erinnerung der Seniorinnen und Senioren. Warum wohl hat eine Dame der Gitarrengruppe einen Westernhut auf? Weil sie einen Cowboy als Mann will. Alle kennen den Schlager von Gitte Haenning.
Das Mitsingfestival spielt sich nicht nur in Kirchen und Gemeindehäusern ab, sondern auch in 25 Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Seniorenresidenzen und Hospizen. Singen macht den Bewohnerinnen und Bewohnern nicht nur Spaß, sondern hat nachweislich positive gesundheitliche Effekte, etwa für Menschen mit Demenz. Lieder aus der Kindheit und Jugend sind tief im Langzeitgedächtnis verankert. Singen aktiviert Gehirnregionen, die bei Demenz oft lange erhalten bleiben, darunter Bereiche für Emotionen, Sprache und Motorik, und fördert die Ausschüttung von Glückshormonen. Selbst bei fortgeschrittener Demenz können Betroffene bekannte Lieder mitsingen – das stärkt das Selbstwertgefühl, reduziert Ängste, animiert zu Bewegungen und ermöglicht soziale Teilhabe.
Viele brauchen keinen Text
„Singen geht immer“, sagt Sandra Offenbach, Leiterin des Sozialen Dienstes der Nordik-Care-Seniorenresidenz in Bennigsen. „Manche hier sind sehr unkommunikativ. Sie reden kaum und sind nicht orientiert – aber sie singen.“ Viele bräuchten keinen Text. Sie können die alten Schlager, Volks- und Kirchenlieder auswendig. „Und sie lächeln“, sagt Offenbach. „Das Gesicht verändert sich, es entspannt sich.“
Die Gruppe „Doppelpunkt“, die Mitglieder sind selbst im besten Alter zwischen 60 und 91 Jahren, spielt und singt „Geh aus, mein Herz“, „Im schönsten Wiesengrunde“ und „Kein schöner Land“. Ein Bewohner wird etwas unruhig, schlängelt sich durch die Allee der Rollatoren zum Fahrstuhl und kommt kurz darauf mit einem gerahmten Foto wieder. Es zeigt ihn selbst beim Gitarrespielen. Er leiht sich aus der Gruppe ein Instrument und greift ein paar Akkorde. „Ich wollte mal ausprobieren, ob es noch geht“, sagt er.
Viel Liebe zum Detail
Für die 13 Gruppenmitglieder ist es nicht der erste Auftritt dieser Art. Die ehrenamtliche Leiterin Birgit Lukow war zunächst Lehrerin und hat dann wie Sandra Offenbach in der sozialen Betreuung in Seniorenheimen gearbeitet. Beide kennen sich, sie wohnen im gleichen Ort. Als eine Kirchenvorsteherin mit der Frage kam, wie man sich beim Mitsingfestival beteiligen könne, war schnell die Idee des Singens in der Seniorenresidenz geboren.
In Bennigsen beweist die Gruppe viel Liebe zum Detail. Nach der Eröffnung des Programms mit dem Festival-Song des Festivals singt sie „Wer singt, blüht auf!“ am Ende ein zweites Mal – diesmal mit allen gemeinsam. Dazu verteilen die Mitglieder an die Bewohnerinnen und Bewohner des 120-Betten-Hauses 120 selbst gebastelte Blumen aus Krepppapier. Am Ende steht nur die Frage: Wann kommt ihr wieder?