„Spenden sammeln“ – so lässt sich der Begriff Fundraising übersetzen, und doch damit nicht komplett fassen. „Natürlich geht es um Geld“, sagt Marcus Dohm, in der Evangelischen Agentur Teamleiter Fundraising, „aber es gehört noch viel mehr dazu: Wir wollen die Menschen nicht einmalig zum Spenden bewegen, sondern es ist Beziehungsarbeit. Dass die Menschen sich gern engagieren, für etwas Gutes einsetzen – sei es mit Geld oder auch mit ihrer Zeit.“
Ob für einen neuen Spielplatz, neue Gesangbücher oder gar eine Diakonenstelle: Was über den Haushalt einer Gemeinde oder eines Kirchenkreises hinausgeht, aber sinnvoll ist, kann Ziel für eine Fundraising-Kampagne sein. „Gerade in Zeiten von knapper werdenden Kirchensteuer-Einnahmen kann das eine echte Hilfe sein – es wird sogar immer wichtiger“, so Marcus Dohm. „Fundraiser werben oft ein Vielfaches ihrer eigenen Kosten ein.“
In jedem Kirchenkreis soll es eine Ansprechpartnerin oder einen Ansprechpartner für Fundraising geben, so das Ziel der Landessynode. 2,8 Millionen Euro stehen über drei Jahre bereit, um vor allem mehr Stellen zu schaffen oder vorhandene aufzustocken. Auch zwei Ausbildungskurse gibt es. Der erste Kurs ist bereits im Dezember zu Ende gegangen, sieben neue Fundraiserinnen und Fundraiser haben in diesem Frühjahr eine Stelle angetreten und mindestens zwei weitere werden es im Sommer tun. Im Juni startet ein zweiter Kurs. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben gute Chancen, anschließend Arbeit zu finden, sagt Marcus Dohm: „Seit dem Beschluss der Landessynode gibt es 14 neue Anträge von 24 Kirchenkreisen, die bisher noch kein regelmäßiges Fundraising gemacht haben und in vier weiteren laufen Gespräche dazu. Von den 23, die schon Erfahrung haben, haben 15 Anträge gestellt, die Stellen aufzustocken.“
Auf lange Sicht erwartet Marcus Dohm, dass alle Kirchenkreise Fundraising betreiben werden. „Und wir starten ja nicht bei null: Anfang der 2000er Jahre gab es eine ähnliche Förderung zur Stellenschaffung. Fast alle Stellen von damals haben sich erhalten, wurden neu besetzt und wurden oft entfristet. Das wirkt sich klar auf das Spendeneinkommen aus, wenn die Arbeit stetig ist, Beziehungen aufgebaut sind, die Beratung immer besser wird. Ein echter Anstoß zur Beteiligung ist mehr als ein Like auf Insta, das braucht Menschen, die wissen, wie es geht, und Zeit. Aber die zu investieren, lohnt sich“, sagt Marcus Dohm.
Eine gute Geschichte erzählen
Einer, der sich quasi seit dem Abi dem Fundraising verschrieben hat, ist Timo Neumann, Fundraiser in den Kirchenkreisen Neustadt-Wunstorf und Grafschaft Schaumburg. „Förderanträge zu stellen klingt erstmal öde – aber im Kern geht es darum, bei den Menschen ein Feuer zu entfachen oder anzuheizen, dass sie sich gern für die gute Sache einbringen.“ Dazu gehöre mehr als Klinkenputzen: „Gute Geschichten zu erzählen, was man durch eine Spende ermöglicht, das Gestalten von Flyern und anderem Material und gleichzeitig auch eine ganze Menge Projektmanagement.“
Dabei sei die effizienteste Methode noch immer eine, die vor zehn oder 15 Jahren schon totgesagt war: der klassische Brief mit Überweisungsträger. „Gerade die ,Golden Ager`, also Menschen, die bereits aus dem Berufsleben heraus sind, die ausgesorgt haben, geben ihr Geld gern für etwas Sinnvolles“, sagt Timo Neumann. „Zweitens ist gerade im Ländlichen ein Brief mit einem Anliegen schnell Gesprächsthema: ,Hast Du gehört, die Gemeinde hat dies und jenes vor‘. So verbreiten sich Vorhaben, wird Interesse geweckt. Wichtig ist natürlich, dass man positiv erzählt, eine gute Geschichte, möglichst anschaulich – und dann auch dranbliebt. Das heißt: Danke sagen, vom erfolgreichen Abschluss berichten – auch in persönlichen Gesprächen. Das ist Beziehungsarbeit und Mitgliederstärkung. Es sagt: Da gibt es Menschen, die mich sehen.“
Gemeindeleben in Schwung bringen
Andererseits geht es den Fundraisern manchmal auch darum, vor zu viel Anstrengung zu schützen: „Wir hinterfragen immer die Sinnhaftigkeit: Will eine Gemeinde etwas wirklich und was bleibt für sie von der Aktion? Wenn die Dinge nicht richtig ins Rollen kommen, kann das ein Zeichen sein, dass das Ziel nicht deutlich genug ist. Die Begeisterung kommt dann, wenn die Vision klar ist.“
Es gehe um konkrete Projekte: den Unterhalt der Suppenküche, ein Sommerfest, eine Dachbegrünung, bessere Beleuchtung oder Zuschüsse zu einer Konfi-Freizeit, damit sie für die Eltern nicht unbezahlbar wird. „Für soziale Themen bekommt man Geld, da sind die Menschen offen, weil es ihnen wichtig ist“, sagt Timo Neumann. Sogar eine Stelle für eine Diakonin haben Fundraiser in Schaumburg ermöglicht. „Das Fundraising trägt die Hälfte der Stelle, die andere der Kirchenkreis – und das ermöglicht so vieles: Kinder- und Jugendarbeit, Freizeiten, Gemeindefeste, Familien-Gottesdienste, Kinder-Bibeltage – durch die Diakonin ist richtig Schwung ins Gemeindeleben gekommen und auch Menschen aus den Nachbarorten machen mit.“ Ein gutes Beispiel, wo Kirche Relevanz zeige.