Gespanntes Warten auf das neue Gesangbuch
Welche Lieder werden im neuen evangelischen Gesangbuch stehen? Demnächst soll die Liste öffentlich gemacht werden. Doch es bleibt noch eine Menge Arbeit, bis das gedruckte Buch und die digitalen Versionen erscheinen können.
Die Spannung steigt: In Kürze soll die vorläufige Gesamt-Liederliste für das neue evangelische Gesangbuch veröffentlicht werden. Seit Advent 2025 und noch bis Ende März läuft die so genannte Erprobungsphase. In rund 600 Gemeinden in Deutschland und Österreich, davon 43 in der Landeskirche Hannovers, wird bereits regelmäßig aus einem schmalen blauen Band gesungen. Er gibt einen ersten Eindruck von Inhalt, Aufbau und Gestaltung des neuen Standard-Liederbuches für evangelische Christinnen und Christen.
Bis das Gesangbuch gedruckt in allen Gemeinden vorliegt, wird noch einige Zeit vergehen. Vor den Macherinnen und Machern liegt weiterhin viel Arbeit: Korrekturen, Rechtefragen und technische Details beispielsweise für die digitale Nutzung sind noch zu bewältigen. Im Michaeliskloster in Hildesheim trafen sich jetzt rund 50 Fachleute aus Niedersachen, Bremen und der Nordkirche, um eine erste Zwischenbilanz zu ziehen. Die fiel an einigen Punkten durchaus kritisch aus. „Wir sind nicht hierhergekommen, um uns bejubeln zu lassen“, sagte Lukas Bauer, Referent im Gesangbuch-Projektbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Man volle vielmehr die Stimmung aufnehmen und in die Auswertung einbeziehen, so der Kirchenmusiker aus Württemberg, der den Prozess von Anfang an begleitet.
Hannovers Landeskirchenmusikdirektor Benjamin Dippel ist gleichwohl hochzufrieden mit dem Verlauf der Hildesheimer Tagung: „Ich bin sehr beeindruckt von der Lebendigkeit, die während der Tagung spürbar war. Auch davon, was aus unseren Gemeinden zurückgemeldet wurde.“ Es sei erfreulich gewesen, dass viele Vertreterinnen und Vertreter aus den Erprobungsgemeinden anwesend waren und ihre Erfahrungen eingebracht haben. „Wir hatten die Möglichkeit, sehr viel Kritisches zu hören, das aber auch gut zu verarbeiten und wertschätzend mit den unterschiedlichen Meinungen umzugehen.“
Dabei ging es um Grundsätzliches, aber zugleich um viele Detailfragen: Wie dünn darf das Papier sein, damit die Rückseite nicht durchscheint? Welche Schriftgröße ist nötig, damit sie auch Ältere lesen können? In jedem Fall wird es wieder eine Großdruckausgabe geben, ebenso ist eine Ausgabe mit Akkordbezeichnungen geplant. Auch Fragen der Tonhöhe wurden kontrovers diskutiert. Gerade Ungeübte finden Gesangbuchlieder oft zu hoch. Doch wenn man sie tiefer setzt, hat dann der Bass im Kirchenchor noch eine Chance, die Töne zu treffen? Und was ist mit der vorhandenen Literatur für Orgel oder Posaunenchöre, wenn sich die Tonarten ändern?
Die Digitalversion für Profis könnte hier an vielen Stellen Abhilfe schaffen. So sollen die Lieder für Liedblätter oder Chorproben nach Belieben angepasst werden können. Doch noch sind nicht alle technischen und rechtlichen Fragen geklärt. Und auch die Preisgestaltung ist noch offen – kostenlos wird so ein Angebot nicht sein können. Für die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher soll es das Gesangbuch zusätzlich als App für Smartphone und Tablet geben. Und die neue Plattform mitsingen.de bietet schon jetzt ein breites Spektrum an Zusatzangeboten rund ums Singen aus dem Gesangbuch. Es wurde maßgeblich mitentwickelt von VISION KIRCHENMUSIK, dem Fachbereich für Musikvermittlung der Landeskirche Hannovers.
Das künftige evangelische Gesangbuch wird manche Tradition bewahren. Aber es wird auch erkennbar neu sein: Mehr als die Hälfte der Lieder stammt aus dem 20. und 21. Jahrhundert, darunter etliche aus der Worship- und Lobpreis-Szene. Im Michaeliskloster stieß dies durchaus auf Vorbehalte – nicht zuletzt, weil manche dieser Lieder mehrere Seiten im Gesangbuch umfassen und die Abläufe nicht immer einfach zu durchschauen sind. Benjamin Dippel glaubt, dass vielen zu dieser Stilistik – noch – der Bezug fehlt. „Hier brauchen wir Zeit und Vermittlung. Diese Lieder kommen in unserer norddeutschen Singtradition bislang nur wenig oder gar nicht vor.“ Das neue Gesangbuch werde aber so reichhaltig sein, dass man immer eine Wahl in der Vielfalt der Stile haben wird.
Die genannte Zahl der Lieder, die die Gesangbuch-Kommission für das neue Werk gesichtet hat, schwankte bei der Tagung zwischen 17.000 und 20.000. Davon sollen am Ende rund 550 Lieder im bundesweit einheitlichen Stammteil abgedruckt werden. Über die Liste entscheidet der Rat der EKD. Das digitale Gesangbuch soll voraussichtlich 1.500 Lieder enthalten, darunter sämtliche Regionalteile, aber auch Lieder, die es nur im Digital-Produkt gibt.
Erstmals wurde in Hildesheim die vorläufige Liederliste für den norddeutschen Regionalteil vorgestellt. Sie umfasst rund 100 Lieder, zehn davon auf plattdeutsch. Besonders berücksichtigt werden hier Autorinnen und Autoren aus Norddeutschland, Themen wie Weite, Wind und Meer sowie Lieder aus angrenzenden Ländern wie Dänemark. Benjamin Dippel: „Es ist toll zu erleben, wie sich im neu entstehenden Gesangbuchverbund Nord – mit den Landeskirchen aus Niedersachsen und Bremen sowie der Nordkirche – bereits so etwas wie eine gemeinsame Stimme in diesem Prozess entwickelt.“
Eine gewichtige Stimme wird zudem eine Ethikkommission haben, der unter anderem der frühere Michaeliskloster-Direktor Jochen Arnold angehört. Die Kommission schaut auf problematische Texte und Liedschaffende, etwa solche, die im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt stehen. „Aus alledem ergibt sich die große Frage der endgültigen Liederliste“, sagt Landeskirchenmusikdirektor Dippel. „Aber dafür brauchen wir noch ein bisschen Geduld.“
„Man spürt die unterschiedlichen Mentalitäten“
Interview mit Lukas Bauer, Referent im Projektbüro der EKD. Der Kirchenmusiker aus Württemberg begleitet den Gesangbuch-Prozess von Anfang an.
Herr Bauer, rund 50 Fachleute aus ganz Norddeutschland haben in Hildesheim anderthalb Tage über das künftige Gesangbuch diskutiert. Was nehmen Sie mit von dieser Tagung?
Lukas Bauer: Ich nehme aus dem Austausch vor allem die große Leidenschaft für das Gesangbuch mit – und die Energie, die im Raum spürbar war. Viele Menschen hatten ein starkes Bedürfnis, ihre Meinung zu teilen, miteinander ins Gespräch zu kommen und auch andere Perspektiven wahrzunehmen. Diese Vielfalt an Sichtweisen auf das neue Gesangbuch fasziniert mich immer wieder. Dabei hat jede dieser Perspektiven ihre Berechtigung, weil sie jeweils die Realität in den einzelnen Gemeinden widerspiegelt. Besonders schön war für mich auch zu erleben, dass die Erprobungsphase vor Ort tatsächlich funktioniert hat. Menschen haben erzählt, was sie in ihren Gemeinden ausprobiert haben und welche Reaktionen das ausgelöst hat. Außerdem konnten wir hier manche Kritik aufnehmen und Hintergründe erläutern. So entstand bei einigen ein neues Verständnis für die inhaltlichen Entscheidungen des Erprobungsbands.
Sie waren bereits in Süddeutschland und Österreich unterwegs. Was war dort anders?
Bauer: Ja, die verschiedenen Landeskirchen veranstalten derzeit solche Tagungen, und einige haben uns dazu eingeladen. Ich selbst war viel in Württemberg unterwegs, war unter anderem auch in Österreich und werde demnächst noch nach Frankfurt und Bayern fahren. Dabei spürt man durchaus die unterschiedlichen Mentalitäten – von den Alpen bis zur Nordsee – und begegnet auch dem einen oder anderen Klischee. Am interessantesten finde ich jedoch die besonderen Prägungen, die die einzelnen Landeskirchen ausstrahlen. Manche wirken stärker hierarchieorientiert und sind vielleicht auch etwas strukturierter. Hier im Norden habe ich zum Beispiel eine sehr offene und lebendige Gesprächskultur erlebt. Ich hatte nicht den Eindruck, dass sich jemand zurückhält oder etwas nicht sagt, nur weil vielleicht eine Oberkirchenrätin mit im Raum sitzt. Jede und jeder hat sich so eingebracht, wie es für sie oder ihn stimmig war – und das empfinde ich als ein sehr gutes Zeichen.
Sie hatten zu Beginn der Tagung gesagt, Sie wollen hier nicht bejubelt werden, sondern vor allem auch hören, wie die Stimmung ist. Welche Baustellen gibt es noch?
Bauer: Rein objektiv liegen noch viele Baustellen vor uns. Es wartet also eine Menge Arbeit: Notensatz, Korrekturen und vieles mehr. Gleichzeitig gibt es einige Punkte, die sehr kontrovers diskutiert werden und bei denen wir zu einem Ergebnis kommen müssen, das am Ende für alle Seiten tragfähig ist. Das ist eine große Herausforderung. Hier in Hildesheim war zum Beispiel das Thema Worship sehr präsent: Wie viele Worship-Lieder sollen ins Gesangbuch aufgenommen werden? In anderen Landeskirchen ist diese Diskussion dagegen längst geführt worden. Dort steht eher die kirchliche Sprache im Mittelpunkt. Manche stören sich daran, dass nicht durchgehend eine hochkirchliche Sprache verwendet wird – etwa an Begriffen wie „Lebenszeit“ statt „Kasualie“. Hier habe ich dagegen eine große Offenheit wahrgenommen. So bringt letztlich jede Landeskirche ihre eigenen Themen und Perspektiven in den Prozess ein.
Was sind die nächsten Schritte und wie ist der Zeitplan?
Bauer: Wir werden nun sehr intensiv die Erprobungsphase auswerten und auf dieser Grundlage die Lieder und Inhalte überarbeiten. Das wird etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Anschließend folgt eine gründliche redaktionelle Arbeit an allen Liedern: Welche Strophen werden aufgenommen? Welche Textfassung und welche Melodiefassung verwenden wir? Soll es Akkorde geben oder nicht? All diese Fragen müssen geklärt werden. Parallel dazu läuft die politische Abstimmung mit den verschiedenen Gremien. Unser Ziel ist es, bis Ende 2027 mit allen Synoden eine Einigung über die Einführung des neuen Gesangbuchs zu erreichen, so dass wir anschließend die Veröffentlichung vorbereiten können.