„Theater macht uns stark für die Welt da draußen“

Zum 42. Mal treffen sich 100 junge Menschen beim Theatertreffen im Evangelischen Jugendhof Sachsenhain
Eine Gruppe junger Menschen in schwarzer Kleidung auf einer Bühne, einige davon mit Maske.
Bild: Lothar Veit

Das Theatertreffen der Evangelischen Jugend ist eine Institution. Seit mehr als 40 Jahren probieren sich Jugendliche im Sachsenhain in Verden künstlerisch aus. Viele lässt das Theater-Virus nicht mehr los.

Die Evangelische Jugend hat den Olymp erklommen – und zugleich die Bretter, die die Welt bedeuten. Seit mehr als 40 Jahren ist das Theatertreffen im Evangelischen Jugendhof Sachsenhain (Verden) ein fester Termin zu Beginn des neuen Jahres. Auch die 42. Auflage bot eine enorme Vielfalt an theatralen Darstellungsformen. Beim Abschlussabend am Sonntag gab es Poesie, Slapstick und vollen Körpereinsatz.

„Theater im Olymp – von Verden und Zentauren“ hieß das Motto in diesem Jahr. Olymp, Zeus, Hera – was hat uns das heute noch zu sagen? Leider eine Menge: Intrigen, Täuschungen und Kriege sind zeitlos, Liebe und Leidenschaft allerdings ebenso. Was in der griechischen Mythologie das Trojanische Pferd war, in dessen Bauch sich Soldaten versteckten, ist heute der Trojaner, mit dem Hacker in fremde Computer eindringen.

Rund 100 Theaterbegeisterte zwischen 14 und 27 Jahren sind in den Sachsenhain gekommen. Für ein paar Tage entrücken sie der realen Welt, und sind ihr doch auf einer anderen Ebene sehr nah. Während draußen US-Präsident Trump Venezuela angreifen lässt, gibt es auch im Evangelischen Jugendhof beklemmende Kampfszenen. Und zugleich deren Ironisierung: Da treten etwa Griechen und Trojaner mit „Schere, Stein, Papier“ so lange gegeneinander an, bis keiner mehr übrigbleibt.

„Wir tanken hier, was uns stark macht für die Welt da draußen“, sagt Tim von Kietzell, künstlerischer Leiter des Theatertreffens. Der Schauspieler und Regisseur, der sonst das Quartier-Theater in Hannover leitet, fühlt sich vor allem fürs Loben zuständig. „Der schönste Job ist es, Ermöglicher zu sein. Es ist toll, die Jugendlichen wachsen zu sehen.“

Zu Beginn des Treffens können sich die Teilnehmenden aus ganz Niedersachsen und darüber hinaus für eine Arbeitsgruppe entscheiden, beispielsweise Bewegungstheater, Stummfilm oder Schwarzlicht. Dann entwickeln sie ihre Darstellung auf der Basis des übergeordneten Themas. Was am Abschlussabend passiert, ist anfangs noch völlig offen.

Ein eingespieltes Team aus Ehrenamtlichen kümmert sich um den organisatorischen Rahmen, die pädagogische Begleitung und professionelle Bühnentechnik. Spätabends trifft man sich im liebevoll eingerichteten Theatercafé, für das Ehrenamtliche in diesem Jahr vorab 100 Stunden lang Blüten gebastelt und während der Veranstaltung 70 Kilo Pommes zubereitet haben. Hier steht auch eine Kleinkunstbühne, auf der jede und jeder sich bei einem Kurzauftritt zeigen kann. Frenetischer Applaus ist allen, die sich trauen, sicher.

Zwei als Männer lesbare Personen unterhalten sich mit einem Mikrophon auf einer Bühne.
Bild: Lothar Veit
Der künstlerische Leiter Tim von Kietzell (links) und der organisatorische Leiter Jan Franzkowiak.

„Das Theatertreffen zieht noch einmal andere junge Menschen an als andere Veranstaltungen“, sagt Landesjugendpastorin Miriam Heuermann, die selbst „so ein Theaterkind“ war und die Mischung aus Scheu und Verwandlungsdrang gut nachvollziehen kann. „Hier können Jugendliche zeigen, dass sie auch ganz anders sein können. Dafür brauchen sie einen geschützten Ort.“

Am Abschlussabend ist der emotionale Ausnahmezustand beim Team und den Teilnehmenden überall zu spüren. Viele verabreden sich schon für das nächste Jahr. Für den organisatorischen Leiter Jan Franzkowiak wird es 2027 das 33. Theatertreffen sein. Nur im ersten Jahr stand er selbst auf der Bühne, dann wechselte er in die Technik und bald in die Leitung. Für den 49-Jährigen befruchten sich Ehrenamt und Hauptberuf. In seinen Job als Projektleiter in einem mittelständischen Unternehmen in Osnabrück nimmt er die kreativen Impulse aus dem Theatertreffen mit. Und im Sachsenhain sorgt er für die organisatorische Professionalisierung der Veranstaltung. „So ein Perspektivwechsel ist sehr wichtig“, sagt Franzkowiak.

Für 2027 hat auch Landesbischof Ralf Meister seinen Besuch angekündigt. Eigentlich wollte er in diesem Jahr schon dabei sein, vereiste Straßen in Hannover vereitelten die Anreise jedoch. Er habe in den aktuellen Insta-Videos die große Energie und den Spaß der Teilnehmenden gespürt, sagt der Landesbischof in einer Videobotschaft, die am Abschlussabend ausgestrahlt wird. Meister: „Ich bin total theaterinteressiert und finde das, was hier mit so vielen Ehrenamtlichen passiert, einfach nur großartig.“

Lothar Veit