Ein geschützter Raum, um Ideen zu entwickeln

Viele Entscheidungen der Landessynode werden in den Synodalgruppen vorbereitet
Ein großer Saal mit vielen Menschen
Bild: Jens Schulze

Mehr als 50 Jahre gab es in der hannoverschen Landessynode zwei Lager – die einen galten als eher konservativ, die anderen als liberal. Solche klaren Gegensätze gebe es heute nicht mehr, sagen Insider. Dennoch geht nun eine dritte Gruppe an den Start.

In der Landessynode der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers gibt es seit mehr als 50 Jahren zwei Synodalgruppen, die Gruppe Offene Kirche (GOK) und die Gruppe Lebendig.Vielfältig.Kirche. (LVK). Jetzt kommt eine dritte Gruppe dazu: „Kirche in Bewegung“ nennt sich der neue Zusammenschluss. Vergleichbar sind die Gruppen mit Fraktionen in Parlamenten wie dem Landtag.

Die Aufgaben der Gruppen sind in der Geschäftsordnung der Landessynode geregelt (§ 19). Dort heißt es: „Die Synodalgruppen wirken bei der Vorbereitung der Beratungen der Landessynode mit. Sie organisieren die Information ihrer Mitglieder und Gäste über die Verhandlungsgegenstände der Landessynode. (…) Die Synodalgruppen sollen über die Benennung von Mitgliedern, Vorsitzenden und stellvertretenden Vorsitzenden der Ausschüsse und von Mitgliedern für andere Gremien beraten, die von der Landessynode durch Wahlen zu besetzen sind. Dabei haben sie auf einen wirksamen Minderheitenschutz zu achten und auch Mitglieder der Landessynode angemessen zu berücksichtigen, die sich keiner Gruppe angeschlossen haben.“

Es besteht also keine Pflicht, sich einer Gruppe anzuschließen. In der vergangenen Wahlperiode gab es jedoch kein Mitglied ohne Gruppenzugehörigkeit, da sie ein wichtiger Ort des Informationsaustausches und der Meinungsbildung sind. Dazu heißt es in der Geschäftsordnung: „Den Synodalgruppen ist während der Tagungen der Landessynode Zeit für ihre Arbeit einzuräumen.“

Frühere Gegensätze sind überholt

Die frühere Unterscheidung der Gruppen in „konservativ“ (LVK) und „liberal“ (GOK) ist heute nach Ansicht vieler Synodaler überholt. „Historisch gab es lange einen Gegensatz zwischen GOK und LVK um Fragen des Amtsverständnisses und der Lebensführung. Diese Gegensätze sind längst aufgelöst“, sagt LVK-Mitglied Corinna Engelmann. Die LVK verstehe sich als Gesprächskreis, sagt die Pastorin aus dem Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld. „Ziel des Gesprächs ist es nicht, eine gemeinsame Meinung oder Gruppenmeinung zu bilden, sondern es jedem einzelnen Mitglied zu ermöglichen, die eigene Meinung mit anderen Perspektiven zu messen und selbst zu reflektieren.“

Ähnlich sieht es Ruben Grüssing, Vorsitzender der GOK, die in der vergangenen Wahlperiode die Mehrheit stellte: „Wir verstehen uns als Zusammenschluss von Synodalen, die Kirche transparent, beteiligungsorientiert und offen für ökumenische Zusammenarbeit gestalten wollen – mit klarer Haltung in gesellschaftlichen Fragen und der Bereitschaft, notwendige Veränderungen mutig anzugehen.“ Die GOK stehe für eine Kirche, die im evangelischen Glauben verwurzelt sei und zugleich offen auf Gesellschaft und Zukunftsfragen zugehe. „Wir wollen Bewährtes achten und gleichzeitig neue Wege ermöglichen; besonders dort, wo sich Strukturen verändern müssen“, sagt Grüssing, ehrenamtliches Mitglied aus dem Kirchenkreis Rhauderfehn.

Strukturveränderungen hat sich auch die neue Gruppe „Kirche in Bewegung“ auf die Fahnen geschrieben. „Dazu gehören neue Arbeitsformen. Sie sollen familienfreundlich sein und den hohen zeitlichen Belastungen Rechnung tragen“, sagt Pastorin Franziska Baden, eine der Initiatorinnen. Der neue Zusammenschluss will zudem besonders „machtsensibel“ sein: „Wir wollen auf allen Ebenen fördern, dass über die Verteilung von Macht gesprochen wird, und auch den Blick auf unseren eigenen Umgang mit Macht schärfen.“ Weitere Schwerpunkte sind Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. Dabei soll deutlich werden, „warum wir zusammen sind und was unsere gemeinsamen Überzeugungen sind. Wir möchten den Glauben in den Mittelpunkt stellen – nicht die Verwaltung des Glaubens.“

Gruppen ermöglichen Vernetzung

Eine Gruppenmitgliedschaft halten Engelmann, Grüssing und Baden für hilfreich. Sie biete den Synodalen „einen geschützten Raum, um eigene Ideen zu entwickeln, Einwände zu testen und den Rückhalt zu finden, diese Ideen auch im Plenum einzubringen“, sagt Corinna Engelmann. Da kein Synodenmitglied Experte für alle Themen sein könne, sei der Anschluss an eine Gruppe „hochgradig sinnvoll“.

Die Mitgliedschaft sei freiwillig, alle Synodalen seien gleichberechtigt, betont Ruben Grüssing. „Die Mitgliedschaft in einer Synodalgruppe wird jedoch ausdrücklich empfohlen, weil sie Orientierung bietet, mehr Vernetzung ermöglicht und die aktive Mitwirkung an Beratungen, Wahlen und inhaltlichen Initiativen deutlich erleichtert. So entstehen gut durchdachte Positionen und häufig auch Lösungen, die im Plenum eine Mehrheit finden.“

„Insgesamt ist es für den Austausch und für die thematische Einarbeitung sinnvoll, sich einer der drei Gruppen anzuschließen“, sagt Franziska Baden, die wie Engelmann und Grüssing bereits der vorigen Landessynode angehörte. Zugleich fordert sie: „Auch Mitglieder, die sich keiner Gruppe angeschlossen haben, müssen in der Verteilung von Ämtern berücksichtigt werden.“

Zur Geschichte

Mit der „Gruppe Offene Kirche“ (GOK) erreichte die 1968er-Bewegung die Landessynode. Sie wollte das Kirchenparlament demokratisieren und politisieren und prägte zunehmend die Debatten. Bereits 1968 schlossen sich zwölf Synodenmitglieder zu einer Fraktion zusammen. 1969 veröffentlichten 16 Männer und Frauen einen Aufruf zur Gruppenbildung in der Kirche, unter ihnen so bekannte Namen wie Hartmut Badenhop, Horst Hirschler, Martin Kruse und Ernst-Gottfried Mahrenholz. Theologisch ging die GOK vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen aus: Möglichst viele Christen sollten sich am Leben der Kirche beteiligen und mitentscheiden. Nichttheologische Mitarbeiter sollten aufgewertet und Leitungsämter befristet werden. Die GOK brachte viele politische Themen in die Diskussion: Rassismus, Atomkraft, Frieden oder Homosexualität.

Die Gruppe „Lebendige Volkskirche“ (LVK, heute: Lebendig.Vielfältig.Kirche.) ging aus der „Synodalen Arbeitsgemeinschaft“ hervor, die 1970 gegründet wurde. Paradoxerweise fanden sich hier Synodenmitglieder zusammen, die von einer Gruppenbildung eigentlich gar nichts hielten, aber irgendwie auf die GOK reagieren mussten. Die Politisierung kirchlicher Arbeit widerspreche dem Wesen der Kirche, hieß es. Gott wolle nicht trennen, sondern Menschen verbinden. 1978 gab sich die Gruppe den Namen „Position ’78 – Lebendige Volkskirche“. Die Volkskirche sei für viele da, hieß es, auch für Politiker, Arbeitgeber, Banker, Polizisten und Soldaten. Eine prägende Persönlichkeit war lange Jahre der frühere Osnabrücker Landessuperintendent Gottfried Sprondel.

2026 gründet sich schließlich mit „Kirche in Bewegung“ (KIB) eine dritte Gruppe, die neue Akzente setzen will. Es brauche viel weniger „das haben wir immer schon so gemacht“, sondern mehr „mutig Neues ausprobieren“, heißt es in einer Selbstbeschreibung. Allein durch eine dritte Gruppe werde das derzeit bestehende System der Synode aufgebrochen. Sprecherinnen von „Kirche in Bewegung“ sind Franziska Baden, Wencke Breyer, Hanna Dallmeier und Christine Rinne.

Lothar Veit / EMA