„Orgeln sind die Definition von Kultur“

Zum Start der Orgelentdeckertage: Johanna und Enno Gröhn Veit erzählen, warum Orgeln so Spaß macht
Links ist eine Frau und rechts ein Mann vor einer Bar im Hintergrund.
Bild: Christian Dolle

Die hannoversche Landeskirche veranstaltet ab Samstag die 11. Orgelentdeckertage. Bis zum 9. Oktober stehen zahlreiche Konzerte, Spaziergänge und Touren auf dem Programm. Was ist so faszinierend an der Orgel?

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Was ist das besondere an der Orgel, was macht die Faszination dieses Instruments aus? Darauf sollen die 11. Orgelentdeckertage der Landeskirche Antworten geben. Schon seit vielen Jahren, zuletzt beim Jugendorgelforum in Stade, beschäftigt sich die Musikerin Johanna Gröhn Veit mit der „Königin der Instrumente“. Im Gespräch erzählt sie, was ihr am Orgeln so Spaß macht. Johanna ist studierte Kirchenmusikerin und als Sängerin in Leipzig tätig. Mit dabei ist ihr Partner Enno, der ebenfalls Organist und auch Hochschullehrer für Orgel und Kirchenmusik ist.

„Sich mit diesen Instrumenten zu beschäftigen, mit den Zeitzeugnissen, die alle einmalig sind, das ist etwas Besonderes“, sagt Johanna. „Man lernt das Instrument kennen und es zeigt einem, was gut funktioniert. Bei Stücken, die man vielleicht schon mal ganz anders eingerichtet hat und dachte ‚so passt es gut zu mir‘, merkt man am Instrument ‚wir arbeiten zusammen‚ hier passt es ganz anders‘.“

Egal wo auf der Welt man in eine Kirche gehe, um an der Orgel zu spielen, spiele man immer auf einem Unikat, bekräftigt Enno. Wenn man irgendwo aus einem Flugzeug aussteige und finde einen gleich aufgebauten Mc Donalds oder Burgerking vor, so sei das Gleichschaltung. Die Vielfalt und Einzigartigkeit aller Orgeln auf der Welt, im kleinsten Dorf oder der größten Stadt, das sei für ihn die Definition von Kultur.

„Sich mit diesen Instrumenten zu beschäftigen, mit den Zeitzeugnissen, die alle einmalig sind, das ist etwas Besonderes.“
Johanna Gröhn Veit

Eine gute Orgel mache aus, dass sie „in sich ein gutes Konzept habe“, also keine moderne Universalorgel, die alles können soll, sondern sozusagen „eine musikalische Idee“ habe, erläutern sie. „Bei romantischen Instrumenten geht es um die Melodie, das ist der Chef der Musik, und in alter Musik geht es um die Demokratie, also dass die Stimmen gleichwertig sind“, erklärt Enno, „und man kann im Instrumentenbau nicht beides gleichzeitig realisieren, das ist einfach Unsinn.“

Porträt von einer jungen Dame.
Bild: Nona Arabuli
Johanna Gröhn Veit über ihre Leidenschaft zur Kirchenmusik.

Die eine Lieblingsorgel gibt es daher gar nicht, sagt Johanna. „Meist ist es die, wo man gerade ist und sich gerade wieder frisch verliebt hat.“ Sie stellen sich also auf die Orgel ein, mit der sie gerade „zusammenarbeiten“. „Es gibt natürlich auch Orgeln, da macht man einfach seinen Dienst, weil der Funke irgendwie nicht überspringt“, räumt sie ein, „dann macht man natürlich das Beste draus, aber am schönsten ist es, wenn man beflügelt wird.“

Zur Orgel kam Johanna tatsächlich durch das Orgelforum. Sie spielte zunächst Klavier, dann habe Annegret Schönbeck sie zu Jugendorgelkursen eingeladen. „Da durften wir auch selber spielen, was ja nicht selbstverständlich ist bei solch alten Instrumenten“, erinnert sie sich, „Der Übergang war dann ziemlich cool, weil das Pedal noch dazukommt und es eine ganz andere Art ist, die Tasten zu bedienen. Fortan nahm sie Unterricht und blieb bei der Orgel, „glücklicherweise“, wie sie es heute betrachtet.

Junger Mann sitzt vor der Orgel
Bild: Nona Arabuli
Enno Gröhn Veit in seinem Element an der Orgel.

Enno spielte zuvor schon in einer Rockband E-Bass, kam erst mit 16 zur Orgel, was er als relativ spät empfindet. „Aber ich habe durch die Orgel auch zur Kirche gefunden“, fügt er hinzu. Orgel und E-Bass schließt sich für ihn grundsätzlich nicht aus, da es in der Musik immer und überall Überschneidungen gibt. „Die Trennungen zwischen den musikalischen Genres sind ja menschengemacht“, formuliert er. Er sang in der Band, spielte ansonsten auch Schlagzeug, Klavier und Saxophon – dass er all das zur Seite legte, hat vor allem zeitliche Gründe.

Ihre Stimme ist für Johanna das zweite Instrument: Das Singen ist die Profession, mit der sie ihr Geld verdient. „Ich profitiere als Sängerin davon, dass ich Organistin bin und umgekehrt“, sagt sie. Nach dem Abi traf sie den Entschluss für die Musik, genauer: die Kirchenmusik, als beruflichen Weg. „Ich sagte mir, wenn ich Kirchenmusik mache, dann kann ich alles machen, was ich jetzt gerne mache, also Singen im Chor, vielleicht sogar Chöre leiten, Orgelspielen, Konzerte konzipieren, eigener Chef im eigenen Spielplan sein und nach Möglichkeit eine Gemeinde zu haben, in der man sich gegenseitig inspirieren kann und auch Projekte starten. Das war eine richtig coole Aussicht.“

Für beide ist Kirchenmusik etwas sehr Lebendiges, nichts Verstaubtes und Museales, sondern durch ihre Erfahrungen voller Kreativität, Miteinander und immer wieder auch neuer Ideen.

Orgelentdeckertage

Zum elften Mal laden die Orgelentdeckertage in der ganzen Landeskirche Hannovers dazu ein, das UNESCO-Welterbe Orgel kennenzulernen. Vom 26. September bis 9. Oktober 2026 werden wieder mehr als 6.000 vor allem junge Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den mitwirkenden Kirchen erwartet.

An mehr als 70 Orten in Niedersachsen laden Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker Kinder, Jugendliche und Erwachsene ein, die Orgel zu entdecken. Auf dem Programm stehen Orgelführungen, Orgel- und Pfeifenbau-Workshops, Konzerte und weitere Veranstaltungsformate.

Die Orgelentdeckertage haben sich seit 2016 zu einem der deutschlandweit erfolgreichsten Projekte für Kirchenmusikvermittlung entwickelt: Rund 1.000 Veranstaltungen gab es seit der Premiere und über 32.000 Besucherinnen und Besucher haben an den unterschiedlichen Formaten teilgenommen, darunter 29.000 Kinder und Jugendliche. In diesem Jahr peilen die Orgelentdeckertage eine neue Bestmarke an: Bei den mehr als 140 Veranstaltungen erwarten die Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker über 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, davon etwa 5.000 Kinder und Jugendliche.

Christian Dolle