„Frieden ist möglich“: Warum Friedensarbeit mehr als Pazifismus ist

Bild: Cord-Michael Thamm

Pastor Cord-Michael Thamm verantwortet die Bildungsarbeit am Friedensort Osnabrück. Dort bringt er Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen zusammen. Im Interview spricht er über die neue EKD-Friedensdenkschrift, die Grenzen seiner Arbeit und eine biblische Friedensvision, die gerade in schwierigen Zeiten nicht verstummen darf.

Im Interview

Pastor Cord-Michael Thamm ist als Friedensbeauftragter des Kirchenkreises Osnabrück seit 2025 mit einer Viertelstelle verantwortlich für die Arbeit am Friedensort Osnabrück FO:OS.

Herr Thamm, was passiert, wenn Menschen einen Studientag am Friedensort Osnabrück besuchen?

Thamm: Wir beginnen beispielsweise vor dem Rathaus am historischen Friedenssaal. Mit einer Gruppe von 15 bis 20 Personen beschäftigen wir uns zunächst damit, was der Westfälische Frieden von 1648 für die deutsche und europäische Geschichte bedeutet hat.

Anschließend gehen wir in die benachbarte St.-Marien-Kirche. Dort findet jeden Samstag um 11.30 Uhr ein ökumenisches Friedensgebet statt. Danach essen wir im inklusiven Stadtgalerie-Café, in dem Menschen mit und ohne Behinderung zusammenarbeiten. Auch das ist für mich Friedensarbeit. An einem langen Tisch kommen wir über das Gesehene und Gehörte ins Gespräch.

Am Nachmittag setzen wir die Arbeit in einem Gemeindehaus fort. Dann geht es um das Spannungsverhältnis von Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Am Ende steht die Frage: Was nehme ich für meinen eigenen Weg mit – hin zu einer Kirche des gerechten Friedens und zu einer gerechteren, friedvolleren Gesellschaft.

Wo geraten Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit aneinander?

Thamm: Wenn ich konsequent auf Gewaltfreiheit setze: Nehme ich dann womöglich in Kauf, unfrei zu leben oder Ungerechtigkeit hinzunehmen? Oder will ich Freiheit und Rechtstaatlichkeit auch mit Waffengewalt verteidigen, so, wie es das ukrainische Volk angesichts des russischen Angriffskrieges wahrscheinlich beantworten würde?

Wir kommen nicht mit fertigen Antworten. Der Friedensort Osnabrück schafft Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven auf diese komplexen Fragestellungen und Zusammenhänge Platz finden. Es geht nicht darum, dass am Ende einer Veranstaltung die eine Person die andere überzeugt haben muss.

Wie gelingt es, solche Gegensätze auszuhalten?

Thamm: Es macht etwas mit mir, wenn ein überzeugter Pazifist erklärt, warum er niemals Kriegsdienst leisten könnte. Genauso wichtig ist es, jemandem zuzuhören, der bei der Bundeswehr ist und sagt: Die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist mir so viel wert, dass ich sie gegenüber diktatorischen oder autokratischen Systemen verteidigen möchte.

Wir wollen dazu beitragen, dass Menschen einander zuhören und unterschiedliche Haltungen auch einmal stehen lassen können. In unserer Gesellschaft bewegen wir uns allzu häufig in den eigenen Blasen. Bei den bisherigen Studientagen habe ich durchaus kontroverse Diskussionen erlebt, aber keine respektlosen oder hitzigen Auseinandersetzungen.

Sie sprechen von Räumen für Begegnung. Wie konkret ist diese Arbeit?

Thamm: Sehr konkret. Wir sind einer von acht Friedensorten in unserer Landeskirche und der einzige ohne eigenes Gebäude. Wir sind immer irgendwo zu Gast. Für einen Studientag gestalten wir dann einen konkreten Raum in einem Gemeindehaus.

Bisher richten sich unsere Angebote vor allem an Erwachsene. Wir planen aber auch Veranstaltungen mit und für Jugendliche. Für Februar 2027 ist gemeinsam mit den Evangelischen Fachschulen in Osnabrück ein Studientag mit jungen Erwachsenen vorgesehen, die zu Erzieherinnen und Erziehern ausgebildet werden. Fragen nach Wehrdienst, freiwilligem Friedensdienst und allgemeiner Dienstpflicht werden dabei sicherlich eine große Rolle spielen.

Wie erreichen Sie Menschen, die nicht zur Kirche gehören?

Thamm: Im Moment muss ich eher darauf achten, dass es nicht zu viel wird. Ich könnte gut ein Team gebrauchen oder selbst eine volle Stelle ausfüllen. Tatsächlich habe ich nur eine Viertelstelle. Der Friedensort ist durch die Arbeit meiner Vorgänger bereits bekannt. Anfragen kommen über bestehende Kontakte, Kirchenkreise und Kirchengemeinden, auch aus Münster. Für zusätzliche Werbung fehlen mir derzeit die Kapazitäten, weil ich gar nicht viel mehr anbieten könnte. Deshalb hoffen wir sehr, dass die Unterstützung und Finanzierung durch die Landeskirche wieder ausgebaut werden.

Hat die Begegnung mit Menschen anderer Überzeugungen auch Ihre eigene Haltung verändert?

Thamm: Natürlich. Ich bin selbst ein Lernender und mit diesen Fragen nicht fertig. Ich habe den Kriegsdienst verweigert und einen Friedensdienst mit der Aktion Sühnezeichen geleistet. In einer früheren Pfarrstelle gab es allerdings auch einen Bundeswehrstandort. Dadurch hatte ich Kontakt zu Soldaten und zur Militärseelsorge. Das hat etwas mit mir gemacht.

Wichtig ist mir außerdem der Austausch mit Menschen, die sich noch intensiver als ich mit ziviler Konfliktbearbeitung und gewaltfreien Lösungen beschäftigen. Meine Vorgänger haben die Initiative „Sicherheit neu denken“ in Osnabrück und unserer Landeskirche bekannt gemacht. Sie fragt auch unter den erschwerten Bedingungen des russischen Angriffskrieges danach, wie Gesprächsmöglichkeiten erhalten oder wieder eröffnet werden können. Solidarität mit den Angegriffenen und die Suche nach Dialog dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Die neue EKD-Friedensdenkschrift wird von kirchlichen Friedensorganisationen als zu militärisch ausgerichtet kritisiert. Verliert die Kirche damit ihre besondere Stimme für gewaltfreie Konfliktlösungen?

Thamm: Ich halte die Denkschrift für einen wichtigen und guten Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte. Hilfreich finde ich die vier Dimensionen des gerechten Friedens: Schutz vor Gewalt, Förderung von Freiheit, Abbau von Ungleichheit und ein friedensfördernder Umgang mit Pluralität.

Daneben stehen christliche Grundüberzeugungen: Jesu Gewaltverzicht, sein Gebot der Nächsten- und Feindesliebe, die Gleichberechtigung aller Menschen als Geschöpfe Gottes und die Einsicht, dass wir in einer unerlösten Welt leben. In dieser Welt gibt es Gewalt. Deshalb müssen wir uns fragen, wie Menschen davor geschützt werden können.

Ich entwickle gerade einen Studientag zur Denkschrift. Bevor wir sie kritisieren, sollten wir zunächst ihre Begriffe, ihren Aufbau und ihre Argumentation verstehen. Danach können wir genauer fragen, wo Kritik nötig ist, und weitere friedensethische Stimmen einbeziehen.

Wo setzen Sie selbst kritische Akzente?

Thamm: Die zivile Friedens- und Konfliktbearbeitung ist in den Diskussionen der vergangenen Jahre ein wenig unter die Räder gekommen. Sie muss wieder stärker in den Blick rücken. Ich spreche mich weder für die Abschaffung der Bundeswehr noch für einen Austritt aus der NATO aus. Ich glaube, wir brauchen eine Verteidigungsarmee. Aber das darf nicht dazu führen, dass wir auf dem anderen Auge blind werden und nicht mehr sehen, was Friedensdienste und gewaltfreie Konfliktbearbeitung leisten. Wir brauchen beide Augen.

Diese Organisationen müssen auch finanziell angemessen ausgestattet werden. Wenn wir über einen freiwilligen Dienst sprechen, müsste für die Werbung für zivile Friedensdienste genauso viel zur Verfügung stehen wie für die Gewinnung junger Menschen für die Bundeswehr. Da sehe ich ein Ungleichgewicht.

Auch der Krieg in Gaza führt zu mitunter heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Wie kann ein Friedensort damit umgehen?

Thamm: Ein kleiner Friedensort kann nicht alles allein leisten. Aber beim jüngsten ökumenischen Friedensdialog in Osnabrück war genau das Thema Gegenstand der Diskussion. Dort kamen kirchliche Stimmen und politikwissenschaftliche Perspektiven zusammen. Es ist möglich und nötig, die Politik der Regierung Netanjahu zu kritisieren – etwa mit Blick auf die Verhältnismäßigkeit und die Grenzen des Selbstverteidigungsrechts. Das tun auch Menschen in Israel selbst.

Für mich bleibt entscheidend: Wir stehen für das Existenzrecht Israels ein. Gleichzeitig müssen wir die Menschen in Gaza und im Westjordanland sehen. Sie sind da und werden auch künftig dort leben. Wir müssen Wege finden, wie ein Zusammenleben staatlich und gesellschaftlich organisiert werden kann. Auch hier dürfen wir auf keinem Auge blind sein.

In Osnabrück wird jetzt das Friedenslied „Liebe regiert“ vorgestellt. Was hat es damit auf sich?

Thamm: Anlässlich des Kirchentags in Hannover wurde für jeden der acht Friedensorte unserer Landeskirche ein eigenes Lied komponiert und arrangiert. Unser Lied stellen wir nun im ökumenischen Friedensgebet in St. Marien vor. Ein Projektchor probt dafür.

Wir verbinden die Premiere mit der Erinnerung an die Friedenssynode vor zehn Jahren. Damals tagte die Landessynode für einen Tag in Osnabrück und beschloss einstimmig, sich auf den Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu begeben. Aus diesem Aufbruch ist auch die Arbeit der Friedensorte entstanden. Das Lied ist eine Gelegenheit, diesen Weg öffentlich sichtbar und hörbar zu machen.

Welche Bedeutung hat die DDR-Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ für Ihre Arbeit?

Thamm: Sie schwingt in der christlichen Friedensarbeit immer mit. Bei der Ökumenischen FriedensDekade wird neben dem jeweiligen aktuellen Motto weiterhin das Emblem „Schwerter zu Pflugscharen“ verwendet. Das tun wir hier ebenfalls. Dahinter steht die biblische Vision aus dem Buch Micha. Auch die anderen Propheten mit ihrer Kritik an gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und den Eliten müssen wir immer wieder neu lesen und ins Gespräch bringen. Das ist ein wichtiger theologischer Beitrag zur Friedensdebatte.

Unser regelmäßiges Friedensgebet, das es seit 1991 gibt, steht zudem in einer Tradition mit dem, was etwa in der Leipziger Nikolaikirche schon in den Achtzigerjahren geschah: nicht aufhören, für den Frieden zu beten, auch dann nicht, wenn es schwierig wird.

Was entgegnen Sie Menschen, die diese Vision für unrealistisch halten?

Thamm: Frieden ist möglich. Die Vision bleibt gültig: dass die Völker eines Tages ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden. Das ist eine Zukunftsvision, die punktuell auch schon Wirklichkeit geworden ist. Aber wir bleiben auf dem Weg.

Gerade denen gegenüber, die sagen, das sei unrealistisch, muss diese Vision ein Stachel bleiben. Wir müssen sie in Andachten, Gesprächen und Gemeindebriefen wachhalten, damit sie nicht in Vergessenheit gerät. Ich merke selbst, wie schnell man vom vermeintlichen Realismus einer Debatte eingehüllt wird. Der Schatz der biblischen Überlieferung hält etwas dagegen.

Friedensort Osnabrück: Begegnung statt eigenes Haus

Der Friedensort Osnabrück (FO) gehört seit September 2019 zu den acht Friedensorten der hannoverschen Landeskirche. Anders als die übrigen verfügt er über kein eigenes Gebäude. Seine Arbeit lebt von Begegnungen und der Zusammenarbeit mit kirchlichen und nichtkirchlichen Initiativen in der Friedensstadt. Ziel ist es, Wege zu einer „Kirche des gerechten Friedens“ zu erkunden und praktisch zu erproben. Zugleich ist FO:OS ein außerschulischer Lernort.

Pastor Cord-Michael Thamm koordiniert die Arbeit mit einer Viertelstelle. Zu seinen Angeboten gehören Studientage, die die Geschichte des Westfälischen Friedens mit aktuellen friedensethischen Fragen verbinden. Im Mittelpunkt steht der Austausch über das Spannungsverhältnis von Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit – ausdrücklich auch zwischen Menschen mit unterschiedlichen Überzeugungen.

„Liebe regiert“: Ein Friedenslied für Osnabrück

Das neue Friedenslied „Liebe regiert“ feiert am Samstag, 7. November 2026, um 11.30 Uhr in der St.-Marien-Kirche in Osnabrück Premiere. Ein Projektchor unter der Leitung von Popkantor Jens Niemann singt das Stück im ökumenischen Friedensgebet, das Pastor Cord-Michael Thamm gestaltet. Der Text stammt von Frederik Bulthaup, die Musik von Doreen Avci. Anschließend ist bis 12.30 Uhr Gelegenheit zur Begegnung bei einem Stehempfang.

Das Lied entstand anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentags 2025 in Hannover. Für jeden der acht Friedensorte der Landeskirche wurde ein eigenes Lied geschrieben, das die Arbeit oder einen Schwerpunkt vor Ort aufgreift. Die Osnabrücker Erstaufführung bildet zugleich den örtlichen Auftakt zur Ökumenischen FriedensDekade unter dem Motto „couragiert widerständig“ und erinnert an die Friedenssynode vor zehn Jahren in Osnabrück.

Anne-Katrin Schwanitz