„Eine Orgel ist ein ganzes Orchester“
Während andere die Ferien am Badesee verbringen, zieht es 20 Jugendliche auf historische Orgelbänke. In Stade entdecken sie gewaltige Klänge, feine Register und eine Leidenschaft, die mit zwölf Jahren beginnt – und manchmal ein Leben lang bleibt.
Draußen brennt die Sonne bei 35 Grad im Schatten auf das Dach der St. Wilhadi-Kirche im norddeutschen Stade, doch im Inneren des mächtigen Kirchenschiffs ist es kühl und still. Routiniert, fast schon lässig, schlendert der zwölfjährige Onno zur Orgelbank, wechselt die Badelatschen mit Lederschuhen und schwingt sich vor die Tastatur. Ein Blick auf die Noten, die Finger auf die Tasten und schon wird er zum Herr über rund 3.000 Pfeifen mit 40 Registern, drei Manualen und einem Pedalwerk – einer Tastatur für die Füße. Und plötzlich füllt sich die eben noch stille Kirche mit gewaltigem Klang.
Über ihm, links und rechts, ragen die mächtigen Pfeifen fast fünf Meter in die Höhe. Vor der majestätischen Erasmus-Bielfeldt-Orgel von 1736 hoch über den Kirchenbänken wirkt Onno fast ein wenig verloren, doch seine Hände fliegen souverän über die Tasten. „Ich spiele schon mein halbes Leben lang an der Orgel“, sagt der Bochumer Teenager. Es sei ein „enormes Gefühl“ alleine ein so gewaltig großes Instrument zu bedienen und immer neue Klangfarben und Melodien zu erzeugen.
Profis leiten Nachwuchstalente an
Onno ist der jüngste von 20 Jugendlichen, die sich eine Woche lang unter der Anleitung von sechs professionellen Kirchenmusikerinnen und -musikern aus Niedersachsen und Leipzig auf den historischen Instrumenten im Alten Land bei Hamburg ausprobieren dürfen. Zum 18. Mal hat die Orgelakademie Stade zu einem Jugend-Orgelforum eingeladen. Aus den vielen Bewerbungen wurden 14 männliche und sechs weibliche Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren ausgewählt, berichtet die Leiterin der Orgelakademie und Initiatorin des Jugendforums, Annegret Schönbeck. Sie kommen aus Deutschland, Dänemark, Österreich, der Schweiz und Tschechien.
„Wir wollen mit dem Forum junge Menschen für die Orgel begeistern, die noch nicht in einem Musikstudium sind“, sagt Schönbeck. Sie betont, dass es bei dem Projekt nicht um Spitzenförderung gehe, sondern alle Leistungsstände vertreten seien. Aber eines verbinde die Jugendlichen, die allesamt noch zur Schule gehen: „Es ist erstaunlich, mit wie viel Leidenschaft sie die Musik und die Instrumente annehmen.“
Die Nachwuchsorganisten haben speziell für die norddeutschen Barockinstrumente ausgewählte Stücke vorbereitet. Viele haben sich zudem über das Internet intensiv auf die jeweiligen Orgeln und ihre klanglichen Facetten vorbereitet, hat Schönbeck beobachtet. Denn zu Hause stehen den Schülerinnen und Schülern in der Regel keine besonderen Instrumente zur Verfügung. Eher im Gegenteil, wie Manuel aus Wiesbaden unterstreicht: „Unsere Orgel aus den 1960er Jahren klingt richtig schlecht.“
Der 19-Jährige ist bereits zum fünften Mal bei der Orgelwoche dabei. Seine Mutter habe ihn in der Corona-Zeit in ein Orgelkonzert mit Musical-Musik „mitgeschleift“, erinnert sich Manuel. „Phantom der Oper und so“ habe er dort gehört – und trotzdem sei der Funke übergesprungen. Zwar habe die Mutter mit sanftem Druck nachgeholfen, bis er sich zum Unterricht angemeldet habe. Doch die Begeisterung sei gewachsen – und aus ihm ein versierter Organist geworden. Ob er den Musikberuf anstreben soll, ist aber noch nicht entschieden, sagt Manuel. Er wolle „irgendwas mit Politik oder Dirigent“ machen.
Eine Orgel ist ein ganzes Orchester
Auch Xenia aus Walsrode berichtet von einem folgenreichen Erstkontakt mit der Königin der Instrumente. Die 18-Jährige kam ebenfalls während der Corona-Zeit mit einer Orgel in Berührung. Bei einem Schnupperkurs merkte sie schnell: „Jau, das ist mein Ding – das probier' ich aus.“ Wenn Xenia über den Facettenreichtum des Orgelklanges spricht, merkt man ihr die Leidenschaft an: „Eine Orgel ist ein ganzes Orchester und die Klangfülle ist mitreißend und gewaltig.“ Wenn sie richtig in Fahrt sei, wüssten die Finger von allein, was sie zu tun haben, schwärmt Xenia. „Und dann kann ich mir selbst beim Spielen zuhören.“