Zu viele Gebäude: Expertin hofft auf Kooperationen

Angesichts sinkender Mitgliederzahlen plädiert die Baurechts-Expertin im Landeskirchenamt Oberkirchenrätin Heidrun Böttger für Kooperationen zwischen Kirchen und Politik.
Es ist eine ehemalige Kirche im Umbau zu sehen. Ein modernes Kirchgebäude mit Betonplatten vor den Türen.
Bild: epd-bild/Stefan Heinze

Hannover. Die kirchliche Immobilien-Expertin Heidrun Böttger aus Hannover hat an die Kommunalpolitiker von Städten und Gemeinden appelliert, über eine gemeinsame Nutzung von Kirchengebäuden nachzudenken. Das könne Chancen für beide Seiten eröffnen, sagte Böttger dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Kirchen liegen häufig sehr zentral und prägen das Ortsbild“, betonte die evangelische Oberkirchenrätin: „Das könnte sich die öffentliche Hand zunutze machen.“

Kirchen oder Kapellen müssten nicht zwingend allein für Gottesdienste genutzt werden, sondern könnten auch als öffentliche Treffpunkte oder Gemeinschaftshäuser dienen. Vor allem auf dem Land fehlten solche Treffpunkte oft. Positive Beispiele für Kooperationen zwischen Kirche und Ortsgemeinde gebe es bereits in der Region Hannover, im Harz und in der Lüneburger Heide, sagte Böttger, die im Landeskirchenamt in Hannover das Referat für Baurechtsangelegenheiten und Gebäudemanagement leitet.

Großer Bestand für immer weniger Menschen

Hintergrund der Diskussion ist ein über die Jahre entstandenes Missverhältnis der Mitgliederzahlen zur Zahl der Immobilien in kirchlichem Besitz. Allein die evangelische Landeskirche Hannovers, die größte protestantische Landeskirche in Deutschland, besitzt laut Böttger derzeit 2.014 Sakralgebäude, von denen 70 bis 80 Prozent unter Denkmalschutz stehen.

Doch während die Mitgliederzahlen zurückgingen, bleibe der Gebäudebestand bisher weitgehend unverändert, sagte Böttger. So gebe es zu viele Gebäude für immer weniger Menschen. Dies könne die Kirche auf Dauer nicht bezahlen: „Wir stehen vor einer riesigen Herausforderung, weil sich die Schere immer weiter öffnet.“ Der Bestand müsse langfristig etwa um ein Drittel verringert werden. Böttger sprach von einem „geordneten Sinkflug“.

Emotionale Bindung

Zudem gebe es immer weniger Personal in den Kirchen, sodass ohnehin nicht mehr alle Gebäude im traditionellen Sinne genutzt werden könnten. Gleichzeitig sei mit den Kirchen, Kapellen und Türmen ein hohes Maß an Identität und emotionaler Bindung verbunden sowie eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung, betonte die Expertin.

Eingeworbene Drittmittel könnten helfen, neue Perspektiven für Nutzungen zu eröffnen, sagte Böttger. Die öffentliche Hand könne etwa Städtebau-Fördermittel beantragen, zu denen die Kirche keinen Zugang habe. Ein Verkauf von Kirchen sei ebenso denkbar wie Nutzungskonzepte, bei denen das Gebäude im Eigentum der Kirche bleibt. Die Entscheidungshoheit liege dabei dezentral bei den Ortsgemeinden und den regionalen Kirchenkreisen, nicht aber beim Landeskirchenamt.

Umdenken auf beiden Seiten

Für gemeinsame Nutzungskonzepte müssten beide Seiten umdenken, sagte Böttger. Manche Kommunalpolitiker müssten Vorbehalte gegen Kooperationen mit der Kirche abbauen. Auf der anderen Seite müssten die Kirchengemeinden von einem „Kirchturmdenken“ abrücken: „Manchmal entwickeln sich besonders gute Ideen, wenn sie auch mal nach links oder rechts schauen.“

Hintergrund: Immobilien in Kirchenbesitz

Zehntausende von Immobilien sind in Deutschland im Besitz der beiden großen Kirchen. Darunter sind allein rund 44.000 Kirchengebäude, die zum großen Teil unter Denkmalschutz stehen: von der Kathedrale bis zur Wegkapelle, vom Barocktempel bis zum Betonklotz. Hinzu kommen zahlreiche Pfarrhäuser, Gemeindehäuser, Küsterwohnungen, Kindergärten, Freizeitheime und andere Gebäude.

Die größte protestantische Landeskirche in Deutschland, die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, besitzt nach eigenen Angaben derzeit 7.887 Gebäude, darunter 2.014 Kirchen und Kapellen. Die Sakralgebäude sind zu 70 bis 80 Prozent denkmalgeschützt, die übrigen zu etwa 25 Prozent.

Großen Bestand verringern

Angesichts zurückgehender Mitgliederzahlen in den Kirchen und der daraus resultierenden sinkenden Finanzkraft muss dieser Bestand aus Sicht der zuständigen Oberkirchenrätin Heidrun Böttger dringend verringert werden. Die Kirche könne diese große Zahl an Gebäuden auf Dauer nicht mehr unterhalten. „Wir müssen jetzt mit einem Auswahlprozess beginnen“, sagte Böttger dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Laut Böttger sind die Immobilien je nach Region unterschiedlich verteilt. So gebe es etwa in Ostfriesland Kirchenkreise, in denen es nur zehn große Kirchen gebe. Indes verfüge der Kirchenkreis Hildesheimer Land-Alfeld über 140 Kirchengebäude.

In der hannoverschen Landeskirche läuft nach ihren Angaben seit mehreren Jahren ein Priorisierungsprozess, in dem alle Kirchen und Gebäude nach Kriterien wie Fläche, Größe, Zustand, Lage und Nutzen bewertet werden. Dabei spielten auch die Einstufung als Denkmal, der kulturelle Wert und die Existenz einer Orgel eine Rolle. Dieser Prozess sei jedoch erst zu einem Drittel abgeschlossen.

Am Bedarf orientieren

Böttger wirbt dafür, die künftige finanzielle Unterstützung eines Gebäudes am Bedarf zu orientieren. Dabei könne die Kirche mit Partnern kooperieren. Kirchen könnten auch als öffentliche Treffpunkte genutzt werden. Jüngste Beispiele dafür gibt es etwa in Obershagen bei Hannover und in Schulenberg im Oberharz.

Seit 2015 wurden nach ihren Angaben in der Landeskirche 15 Kirchen entwidmet und zum Teil verkauft. Sie werden in unterschiedlichen Formen weitergenutzt: als Synagogen, als Studentenwohnheim, als Chor-Domizil oder als interreligiöses Zentrum. Zwei Kirchen wurden abgerissen.

epd Niedersachen-Bremen