Das Wunder des Singens
Bei der Schnupperprobe für das Chormusical „Judith“ in der Gospelkirche Hannover bekommen 150 Menschen einen Vorgeschmack darauf, wie erfüllend gemeinsames Singen sein kann.
Schnipsen und klatschen, immer im Wechsel. So kommt ein ganzer Raum zur Ruhe. Die Gospelkirche Hannover ist bei warmen Julitemperaturen mit knapp 150 Personen prall gefüllt, als Jan Meyer an diesem Mittwoch den musikalischen Aufmerksamkeitskniff nutzt. Das auch sonst gut besuchte offene Singen in der zentral gelegenen Backsteinkirche zieht an diesem Abend noch einmal mehr Menschen an – denn alle gemeinsam wollen das Chormusical „Judith und das Wunder der Schöpfung“ musikalisch beschnuppern. Und dafür müssen sie erst einmal ihre Stimmen präparieren: „Stellt Euch gern mal hin und streckt Euch“, sagt Meyer. Und: „Nehmt mal Euren Lieblingston und kaut darauf herum.“ Schließlich verklingen noch gemeinsame Töne auf „Padiba, Paduba“ langsam im Raum. Dann kann es losgehen mit dem „Judith“-Schnuppern.
Das Musical erzählt von einer jungen Frau, die zwischen Liebe, Familie und der Sorge um die klimabedrohte Welt in einigen Konflikten steckt, die universeller und aktueller kaum sein könnten. Vier ganz unterschiedliche Songs aus dem im Frühjahr 2026 in Dortmund erstmals aufgeführten Musical testen Meyer und sein Schnupperchor an diesem Mittwoch. Da gibt es kurzweilig-kantige Textpassagen rund um Klimawandel und die Frage, wie Menschen miteinander respektvoll debattieren können. Traurig-verträumte Töne und Texte, die von den inneren Dramen der jungen Protagonistin erzählen. Und auch einen Song, dessen Chor-Refrain nur mit „Oh, Oh, Oh, Oh“ auskommt. Es ist ein Ritt durch ein rasantes Stück, dessen Dramatik und musikalische Vielfalt schon das Premierenpublikum in Dortmund begeistert hat.
Viele erfahrene Musical-Mitsingende schnuppern rein
Auf den Kirchenbänken in Hannover – das ergibt eine kurze Abfrage zu Beginn eindeutig – sind viele erfahrene Musical-Mitsängerinnen und -mitsänger versammelt. Man hört schnell: Das hier könnte mal richtig toll klingen, wenn noch ein paar hundert Stimmen dazukommen. „Ich hab’ direkt richtig Lust auf das Musical mit Euch“, findet auch Kantor Jan Meyer, der den Massenchor bei der „Judith“-Aufführung im Februar 2027 in der ZAG arena dirigieren wird. Meyers Lieblingssong ist „Das Wunder des Lichts“, sagt er. Und vom Wunder des Singens zeugt schon dieser kurze Juliabend.
Einen farbigen Eindruck des von der Mannheimer Deutschpop-Schule inspirierten Musicals gibt die knappe Probe-Stunde allemal – und dazu einige Einblicke in den thematischen Maschinenraum des Stücks. Ihm persönlich gefalle, dass darin viel Persönliches stecke, sagt Meyer: „Und zugleich ganz viel Welt. Die Mischung ist gut.“ Für Stefanie Brenzel, Projektleiterin bei der Creativen Kirche Witten, die Mitmach-Musicals wie „Judith“, „Bethlehem“ oder „Martin Luther King“ seit vielen Jahren auf die Bühne bringt, geht es „weniger um Meinungen und mehr ums Zuhören“ – das sei eine Stärke des Stücks. „Diesem so wichtigen Gedanken ist sogar ein eigener Song gewidmet – und bei der Vorstellung, dass den Tausende zusammen singen, habe ich jetzt schon Gänsehaut.“
Proben starten im August, Aufführung im Februar
Für den musikalischen Startschuss in der Gospelkirche ist eine Familie eigens auf dem Fahrrad aus Verden angereist, ein Paar hat den Weg mit dem Auto aus Hamburg auf sich genommen. Für sie und alle anderen hat sich der Abend gelohnt, scheint es: Beim Schlussakkord nach einer Stunde gemeinsamen Singens sind viele glückliche Gesichter zu sehen, gefühlt könnte es wohl noch länger weitergehen mit der Judith-Probe. Die Wartezeit ist relativ kurz: Nach den Sommerferien, im August, starten die eigentlichen Proben. An mehreren Terminen und Blöcken werden gemeinsam Texte und Töne erprobt und am Massenchor-Sound gefeilt. Auch an der Gospelkirche wird es dann einen Projektchor geben. Anmeldungen dazu sind auf chormusicals.de ab sofort möglich.
„Es macht wahnsinnig Spaß, so etwas Tolles mit vielen anderen Menschen gemeinsam zu machen“, sagt eine, die es wissen muss: Britta Schaper singt seit vielen Jahren bei „KroSecco“, einem Chor in Hannover-Kronsberg. Die 58-Jährige hat mit befreundeten Sängerinnen und Sängern mehrfach beim Musical „Bethlehem“ mitgesungen – und kann auch dieses Mal nicht anders: Der 6. Februar 2027, der Tag der großen Aufführung in Hannover, ist bei ihr fest im Kalender eingetragen: „Das ist ganz klar ansteckend.“