Ein Ort des Dialogs: Die Evangelische Akademie Loccum wird 80

Ein Tagungshaus mit einer Wiese und einem Kunstwerk im Vordergrund.
Bild: epd-bild/Nancy Heusel

In der Evangelischen Akademie Loccum gingen Bundespräsidenten ein und aus, und eine US-Sicherheitsexpertin spielte Klavier. Innenminister kamen mit dem Hubschrauber eingeflogen. Jetzt feiert die Einrichtung ihr 80-jähriges Bestehen.

Info

Die Ausstellung „80 Jahre Evangelische Akademie Loccum“ kann bis zum 30. September in den Räumlichkeiten der Tagungsstätte Loccum montags bis sonnabends von 7.30 bis 20 Uhr und sonntags von 8 bis 14 Uhr kostenfrei besichtigt werden.

Loccum. Wer an die Evangelische Akademie Loccum kommt, um die großen Fragen der Zeit zu diskutieren, der findet sich in einer ländlichen Idylle wieder. Vor dem Tagungshaus grasen Kühe auf einer grünen Wiese, und vom nahen Kloster bimmelt eine Glocke herüber. Die Abgeschiedenheit ist gewollt, denn hier, zwischen Weser und Steinhuder Meer, sollen sich alle fern von Lärm und Hektik auf die Sache konzentrieren können. „Hier kann jeder alles sagen“, so formulierte es der frühere hannoversche Landesbischof Hanns Lilje, einer der Mitgründer, schon 1952.

Jetzt blickt die renommierte Einrichtung auf ihr 80-jähriges Bestehen zurück. „Auf Hoffnung gebaut“ lautet das Motto, unter dem der runde Geburtstag am 5./6. Juni mit politischer, kirchlicher und akademischer Prominenz gefeiert wird. Erwartet werden unter anderem Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und Landesbischof Ralf Meister. „Unser Auftrag besteht darin, einen Ort für gesellschaftspolitische Debatten zu gestalten, und zwar als Dienstleistung an der Gesellschaft, nicht als kirchliche Lobbyarbeit“, unterstreicht Akademie-Direktorin Julia Koll.

Eine historische Aufnahme mit einer Gruppe vor einem Haus mit der Aufschrift Evangelische Akademie.
Bild: Evangelische Akademie Loccum
Gruppenbild vor der Evangelischen Akademie in Hermannsburg im Mai 1950. Die Anfänge der Akademie lagen nicht in Loccum, sondern tief in der Lüneburger Heide: in Hermannsburg bei Celle, einem Ort mit reicher protestantischer Tradition.
Historische Aufnahme mit mehreren Menschen vor einer Staatskarosse auf einem Parkplatz.
Bild: Evangelische Akademie Loccum
Der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss (3.v.r.), besuchte die Akademie Loccum am 4. Dezember 1955, um in einem Vortrag die junge Demokratie in Deutschland zu verteidigen.

Die Anfänge der Akademie liegen nicht in Loccum im Landkreis Nienburg, sondern tief in der Lüneburger Heide: in Hermannsburg bei Celle, einem Ort mit reicher protestantischer Tradition. In einem Heidegasthof namens „Völkers Hotel“, aus dem kurz zuvor ein britisches Sprengkommando abgezogen war, eröffnete Landesbischof August Marahrens am 25. September 1946 die Akademie-Arbeit - 16 Monate nach Kriegsende. Kohlen und Essen brachten die Teilnehmer damals noch selbst mit.

Für die Gründungsväter sei das Projekt eine „Glaubensangelegenheit“ gewesen, sagt Koll: „Mit dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes waren die traditionellen politischen und weltanschaulichen Koordinaten durcheinandergeraten. Aus den steinernen und geistigen Trümmern des Krieges entstand nun der feste Wunsch, Gesprächsorte quer zu den alten, überkommenen Lagern zu schaffen.“

Vom Hotel zum Kloster

Eines der Ziele: Protestantische Laien sollten durch die Akademie-Arbeit für ihre Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet werden. Namen wie Richard und Carl-Friedrich von Weizsäcker, Gustav Heinemann oder Erhard Eppler stehen für diese Tradition. Auch Politikerinnen wie Rita Süssmuth, Hildegard Hamm-Brücher und Angela Merkel waren gern gesehene Gäste.

Weil „Völkers Hotel“ bald zu klein wurde, zog die Akademie zum Jahreswechsel 1952/53 nach Loccum, das näher am Wirtschaftszentrum Ruhrgebiet und an der Landeshauptstadt Hannover liegt. Hier gibt es ein Zisterzienser-Kloster aus dem Jahr 1163, dem Lilje als Abt vorstand, und seit 1820 auch ein lutherisches Predigerseminar.

Historische Aufnahme von einer Podiumsdiskussion.
Bild: Evangelische Akademie Loccum
Sie diskutierten 1983 in der Akademie Loccum über „Wege zum Frieden“: Condoleezza Rice (3. v.l.), Political Science Departement, Standford University, Sven Kraemer, National Security Council, Washington (4.v.l.) und Alois Mertes, Staatsminister im Auswärtigen Amt, Bonn. Von der US-Sicherheitsexpertin Condoleezza Rice wird erzaehlt, dass sie sich einst spontan an den Flügel setzte und einige Stücke zum Besten gab.

Mit den Jahren wandelten sich die Themen: Ökologie und Atomkraft kamen dazu sowie Menschenrechte und Einwanderung. Später rückten Klimaschutz und Fragen von Krieg und Frieden in den Blickpunkt. Auch Kirchenreformen haben die Akademie immer wieder beschäftigt. Weil sich viele Probleme nicht mehr im nationalen Horizont diskutieren lassen, sind derzeit ein Viertel der etwa 60 Tagungen pro Jahr international besetzt. Rund 5.000 Teilnehmer kommen jedes Jahr nach Loccum, darunter Literaten und Wirtschaftler, Mediziner und Juristen, Journalisten und Landwirte.

Die großen Stunden des Akademielebens zeigt derzeit eine Ausstellung in den Tagungsräumen. „Bundespräsidenten gingen in Loccum ein und aus, Innenminister kamen dramatisch mit dem Hubschrauber eingeflogen und landeten auf der Kuhweide zwischen Kloster und Akademie“, heißt es dort. Ein Berliner Innensenator flüchtete vor aufgebrachten Demonstranten in einen Sicherheitsraum, und ein Bundeswehr-General musste einen Angriff von Kriegsgegnern mit Wattebäuschchen erdulden. Von der US-Sicherheitsexpertin Condoleezza Rice wird erzählt, dass sie sich einst spontan an den Flügel setzte und einige Stücke zum Besten gab.

Eine historische Aufnahme mit einer Gruppe, die mit Transparenten vor einem Haus demonstriert.
Bild: Evangelische Akademie Loccum
Autonome Demonstrierende blockieren 1983 eine Tagung in der Evangelischen Akademie Loccum.

Manchmal kommen die besonderen Momente des Akademielebens leise daher, weiß Julia Koll: „Auf einer guten Tagung springen die Leute aus ihren Rollen.“ Sie beginnen, das Thema aus der Perspektive des anderen zu sehen. Dann verlässt der Politiker sein vorgefertigtes Statement und fängt an, glaubwürdig zu reden – vielleicht am Abend ungestört von jedem Großstadttrubel bei einem Glas Wein auf der Galerie. Dann wird auch ein weiteres Wort von Hanns Lilje wahr: „Hier geht keiner so fort, wie er herkam.“

Michael Grau (epd)