Die Kinder sitzen im Kirchenschiff, manche auf den Bänken, andere haben sich auf den Boden gelegt. Es ist still – bis von oben die ersten Töne der Orgel erklingen. So beginnt die Orgelakademie von Nanette Günther. Während sie spielt, bleiben die Kinder unten und suchen sich ihren eigenen Hörplatz. Es geht nicht nur ums Zuhören. „Ich empfehle ihnen, auch darauf zu achten, ob sie etwas sehen – Farben, einen Regenbogen oder vielleicht eine schöne Stadt“, sagt sie.
Wenn sie danach wieder zu den Kindern kommt, erzählen diese von Gänsehaut, von goldenen Räumen – oder davon, dass es plötzlich ganz dunkel und unheimlich geworden sei. Die Orgel wirkt. Und zwar bei jedem anders.
Musik, die unter die Haut geht
Die Orgelakademie im Frühling ist ein dreiwöchiger Workshop für Kinder und junge Jugendliche. An zwei Montagen treffen sich die Gruppen in St. Johannis, am dritten Termin in St. Michaelis.
Ziel ist es, Kinder emotional anzusprechen – durch die Musik ebenso wie durch das Instrument selbst. „Die Kinder sollen durch die Musik berührt werden, aber auch durch die Funktion der Orgel“, erläutert Günther. Im besten Fall entsteht daraus der Wunsch, später selbst zu spielen.
Bevor es an die große Orgel geht, steht ein Koffer im Mittelpunkt. Diesen hat die Orgelakademie Stade gemeinsam mit Orgelbauer Gregor Bergmann entwickelt. In diesem Orgelkoffer steckt alles, was den Orgelbau ausmacht – vom Mini-Blasebalg, der echte Pfeifen zum Klingen bringt, bis zu Gedackt-, Zungen- und Lippenpfeifen, die man selbst ausprobieren kann. Durch Plexiglas und aufklappbare Modelle wird sichtbar, wie Töne entstehen. Kurz gesagt: ein Koffer voller Klang, Technik und Entdeckerfreude. Darin steckt alles, was den Orgelbau ausmacht – im Kleinen, aber anschaulich.
„Hier haben wir eine kleine Mini-Orgel. Das ist der Blasebalg“, erklärt Günther und zeigt die einzelnen Elemente. „Dann haben wir verschiedene Pfeifen – Holzpfeifen, eine Zungenpfeife und eine silberne Prinzipalpfeife.“
Wenn sie den Blasebalg zieht, ein Register auswählt und eine Taste drückt, wird aus der Demonstration ein Erlebnis. Die Kinder hören unmittelbar, wie unterschiedlich Pfeifen klingen – und verstehen, wie ein Ton entsteht.
Anschließend geht es hinauf zur Orgel in St. Johannis. Für viele ist es das erste Mal, so nah an diesem Instrument zu stehen. „Meiner Meinung nach gehören Kinder unbedingt an die Orgel“, sagt Günther.
Was lange als Hindernis galt – zu kurze Beine für das Pedal – ist heute lösbar. Spezielle Aufsätze, die Nanette Günther eigens entwickeln lassen hat, machen es möglich, dass auch jüngere Kinder mit den Füßen spielen können. Am Spieltisch wird ausprobiert, entdeckt und gestaunt: Register werden gezogen, Koppeln getestet, der Schweller beobachtet. Die Kinder erleben, wie vielseitig die Orgel ist. „Man kann ganz laut spielen, man kann ganz leise spielen“, sagt Günther. „Und es gibt so viele verschiedene Klangfarben.“
Die Verbindung zur Orgel begann bei der Musikerin früh: Günthers Vater baute eine kleine Orgel und weckte damit ihr Interesse. Dennoch führte ihr Weg zunächst über das Klavier. Erst später kehrte sie zur Orgel zurück – zunächst für einige Zeit, dann im Erwachsenenalter dauerhaft. In St. Johannis nahm sie wieder Unterricht beim damaligen Kirchenmusikdirektor des Sprengels Lüneburg Joachim Vogelsänger und entwickelte daraus Schritt für Schritt ihre heutige Arbeit.
„Kinder gehören unbedingt an die Orgel“
Aus dieser Erfahrung heraus entstand der Wunsch, Kindern früher einen Zugang zur Orgel zu ermöglichen. „Während meiner Beschäftigung mit der Orgel und der musikalischen Früherziehung entstand der Traum, auch Kindern zu ermöglichen, die ‚Königin der Instrumente‘ zu erleben und zu spielen“, sagt Günther.
Als Musikerin in der Orgelstadt Lüneburg kennt sie die vielen Möglichkeiten vor Ort – und möchte sie gemeinsam mit Kindern entdecken. Es geht ihr darum, Begeisterung zu wecken und die Orgel mit allen Sinnen erfahrbar zu machen.
„Das war richtig cool!“, sagt Ansgar, 10 Jahre, der im Rahmen von Günthers Orgelakademie eine Orgelexkursion mitgemacht hat. Gemeinsam mit ihr durfte er an der Orgel der St.-Marien-Kirche Register ziehen, das Pedal treten und die Tasten hauen. Das Leuchten in den Augen des Jungen war unübersehbar.
Am Ende bleibt ein Eindruck, der nachklingt: Die Orgel ist hier nicht nur ein großes Instrument auf der Empore – sondern etwas, das Kinder hören, ausprobieren und auf ihre ganz eigene Weise erleben können.