Paralympics vorbei – Inklusion vergessen?

Mehrere Menschen in Deutschland-Trikots stehen für ein Gruppenbild zusammen.

Auch wenn sich bei den Paralympics einiges tut – Inklusion bleibt eine alltägliche Aufgabe, sagt Christian Bode. Der Pastor und Geschäftsführer der Evangelischen Erwachsenenbildung Osnabrück (EEB) begleitet als Seelsorger seit Jahren das deutsche paralympische Team.

Herr Bode, neben Olympia sind vielen Menschen zunehmend auch die paralympischen Spiele ein Begriff und in der Wahrnehmung, die Berichterstattung nimmt zu. Sehen Sie das auch so? 
Bode:
Die öffentliche Wahrnehmung der Paralympics hat sich in den letzten 20 Jahren enorm entwickelt. In Paris wurde bei der Eröffnungsfeier 2024 die „Revolution der Inklusion“ ausgerufen, es sollte mehr Aufmerksamkeit auch auf den Sportlerinnen und Sportlern mit motorischen oder geistigen Einschränkungen liegen. Diese Botschaft ist um die Welt gegangen. Seitdem ist – leider – die Weltlage noch unruhiger geworden und so war eine zentrale Frage bei den Spielen jetzt in Italien die Zulassung der russischen und belarussischen Sportlerinnen und Sportler, unter eigener Flagge starten zu dürfen. Das war das große Thema, überall. Ich denke, es ist zu einfach zu sagen, dass Sport nicht politisch sei. Es macht mich sehr nachdenklich, wenn einen deutschen Sportler heftige Kritik auf Sozialen Medien ereilt, nur weil er sich klar positioniert und das Foto mit einem russischen Sportler auf dem Siegertreppchen verweigert. 

Das stünde dem olympischen Gedanken von friedlichen Spielen und respektvollem Miteinander ja genau entgegen.
Bode:
Genau. Was transportiert denn so ein Event? Ich möchte noch immer daran glauben, dass es eine Strahlkraft hat, dass Hoffnung auf ein friedliches Miteinander möglich ist. Die Sportfamilie kommt zusammen, lebt für einige Zeit zusammen – auch wenn es jetzt in Italien bei den Paralympics drei Wettkampforte gab und darunter die gemeinschaftliche Atmosphäre wie auch bei den Olympischen Spielen zuvor ein wenig gelitten hat. Aber das Miteinander, das sollte doch die Botschaft sein. Ich wünsche mir eine intensive Auseinandersetzung darüber. Derzeit gibt es bedauerlicherweise so viele Nebenschauplätze neben dem sportlichen Geschehen, all den menschlichen Höchstleistungen und Enttäuschungen, um die es ja eigentlich geht. 

Kommen wir nochmal genauer zum Thema Inklusion: Franziska von Almsick und Annalena Förster zum Beispiel haben bemängelt, dass den Paralympischen Spielen noch nicht der Stellenwert beigemessen wird, derselbe Aufwand in der Berichterstattung betrieben wird, wie bei Olympia. Sehen Sie das auch so?
Bode:
Ja. Dass zum Beispiel bei der Olympia-Eröffnung alle Veranstaltungsorte zusammengeschaltet wurden, war eine schöne Sache – bei den Paralympics hat man das nicht gemacht. Das ist dann keine Gleichheit, wenn nicht die gleichen Ressourcen genutzt werden. Oder dass die Ponchos des deutschen Teams für Rolli-Fahrer nicht geeignet waren. Bei solchen Dingen ist immer noch viel Luft nach oben.

Inwieweit können denn zum Beispiel paralympische Spiele etwas bewegen? Sie finden nur alle zwei Jahre statt, für ein paar Tage.
Bode:
Ich denke schon, dass das etwas bewegen kann. Da geht es dann weniger darum, dass zum Beispiel das deutsche Eishockeyteam wirklich weit kommen sollte – was sie dennoch geschafft haben, weil sie einen großartigen Teamgeist und eine große Begeisterung hatten, dass sie sich nach 20 Jahren überhaupt wieder qualifizieren konnten. Im internationalen Vergleich sieht man dann natürlich, dass der Para-Sport bei uns lange noch nicht gut gefördert ist. Das deutsche Eishockey-Team hatte im Vorfeld in Hannover eine Trainingszeit spätabends in der Woche. Sie trafen dann zum Beispiel auf das Team aus den USA, die dreimal täglich trainieren – das ist natürlich ein anderes Level. Ich glaube daran, dass die die Paralympics ein Bewusstsein für die Weiterentwicklung des Sports schaffen. Vielleicht werden nun mehr Trainingsanlagen für Parasport geöffnet, weitere Sponsoren lassen sich anstecken von den Höchstleistungen der Menschen mit Grenzen, viele werden aufmerksam und lassen sich bewegen - das wären für mich großartige Erträge. Dafür stehen die Paralympics auch: diese Themen immer wieder bewusst zu machen und Mut zu machen. 

Aus einem Großevent heraus im Lokalen Dinge bewegen

Nun sind diese Spiele vorbei, die Athletinnen und Athleten sind zurück im Alltag. Was bleibt ihnen?
Bode:
Auf persönlicher Ebene hoffentlich natürlich ein großartiges Erlebnis, von dem sie lange mit Begeisterung erzählen. Das kann jede und jeder einzelne tun: die Begeisterung weitertragen und bei sich vor Ort vielleicht etwas anstoßen. Ich hoffe, dass dieser Fokus bleibt, dass die Berichterstattung mindestens nicht wieder zurückfällt und die Sportlerinnen und Sportler auch selbst aktiv aus der Erfahrung erzählen. Und als Kirche kann das etwa bedeuten, nicht nur bei diesen großen Veranstaltungen dabei zu sein, sondern mittendrin in der Gesellschaft zu sein, auch vor Ort die Verbindung zum örtlichen Sportverein zu suchen, gemeinsam etwas zu bewegen.

Also aus einem Großevent heraus im Lokalen Dinge bewegen?
Bode:
Genau. Das ist generell meine Antwort auf große Krisen: bei sich selbst anfangen, wenn jeder mit seinen Mitteln einen Beitrag leistet, ist schon etwas geschafft. Im persönlichen Kontakt vor Ort lässt sich vieles besser regeln. Stückchenweise vorzugehen ist übrigens auch die Devise beim niedersächsischen Behinderten-Sportverband: sie haben einen Masterplan für mehr Inklusion. Es heißt nicht, dass sofort alle Treppen durch Rampen ersetzt werden müssen - aber, den Blick für die Bedürfnisse verschiedener Gruppen zu haben. Mit Jesu Worten zu fragen: Was brauchst Du, das ich Dir tue? Da geht es um eine grundsätzliche Haltung, die wir alle jeden Tag üben können.

Christine Frank/EMA