Würdest Du für Dein Land sterben? Es ist Donnerstagabend, und in Langenhagen stellen junge Menschen die ganz großen Fragen. Wie kann eine gerechte Zukunft für uns alle aussehen? Was machen wir, wenn uns Rassismus begegnet? Niklas Hansmann hat keine fertigen Antworten mitgebracht, aber der kirchliche Jugendreferent für politische Bildung moderiert und organisiert sehr gern, wenn junge Menschen diskutieren. Und freut sich an Abenden wie diesem darüber, wie viel politische Leidenschaft er bei bisweilen als unpolitisch verschrieenen Jugendlichen vorfindet: „Wie die Themen aussuchen und schnell selbständig bearbeiten - da bin ich echt stolz.“
Deutschland diskutiert aktuell intensiv über Wehrpflicht und die Frage, was junge Menschen für die Gesellschaft tun können. Auch in Burgdorf und Burgwedel-Langenhagen sind diese Fragen Thema - und das auch dank der Jugendlichen in den beiden Kirchenkreisen. Denn dass ein Jugendreferent im Sommer 2024 seinen Job antreten durfte, hat er dem beharrlichen Engagement der lokalen Jugendkonvente zu verdanken. Sie wollten unbedingt mehr wissen über Politik und Gesellschaft - und schrieben ein Konzept, sammelten Geld und überzeugten Gremien von ihrer Idee. „Wir hatten damals keine freie Stelle dafür“, sagt Superintendent Dirk Jonas aus dem Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen. Aber dann hätten viele Gespräche ergeben, dass es vielleicht über Fördergelder und die Zusammenarbeit beider Kirchenkreise einen Weg geben könnte. „Nun haben wir tatsächlich eine Stelle für acht Jahre geschaffen“, sagt Jonas. „Ich finde das absolut bewundernswert.“
Aber darf und soll Kirche überhaupt politisch sein? Dirk Jonas hat dazu eine klare Position. „An bestimmten Stellen gilt es, klare Kante zu zeigen“, sagt der Superintendent. „Wenn das Recht von Ärmeren und Schwächeren verletzt wird, hat Kirche ihre Stimme zu erheben.“ In diesem Sinne sei auch die biblische Botschaft immer politisch. Natürlich könne man dann über die Mittel streiten. Und müsse unbedingt aushalten, dass auch in der Kirche die Meinungen auseinandergehen. Gerade für Jugendliche sei es essentiell, ihnen einen sicheren Raum zu bieten. Aus Sicht des Superintendenten dürfe man hier allerdings jederzeit links, konservativ oder liberal sein: „Evangelische Jugend hat parteipolitisch keine klare Ausrichtung.“ Kontroversität hält auch Jugendreferent Hansmann für zentral: „Wenn sich alle einig sind, ist das aus meiner Sicht schlecht.“
Niklas Hansmann unterscheidet sich von vielen anderen kirchlichen Jugendarbeitern, denn er hat keine theologische Ausbildung, etwa als Diakon. Seit einem Jahr konzipiert er nun Angebote von Konfirmandinnen und Konfirmanden bis zu jungen Erwachsenen. Etwa Konfi-Tage zum Thema Gerechtigkeit. Oder einen Workshop über Populismus und Stammtischparolen. Offene Angebote, ein Jugendcafé, Vernetzungen mit anderen Akteuren in der Jugendarbeit, die kirchlichen Angebote zu Krieg und Frieden auch für die jüngere Generation erweitern - für Hansmann ist vieles vorstellbar, am besten sollte aber möglichst viel von den Jugendlichen selbst kommen. „Ich habe selbst natürlich Ideen und koordiniere gern - aber ich staune oft über deren Engagement und bin sehr dankbar dafür, von ihren Fragen und ihrer Neugier zu lernen.“
Rund um die vorgezogene Bundestagswahl Anfang 2025 haben acht Jugendliche zwischen 15 bis 18 Jahren ein Podcast-Projekt gestartet, mit den Kandidaten der Parteien über ihre Zukunftsfragen gesprochen, dabei auch die Technik gemeistert. Auf dem Kirchentag Anfang Mai in Hannover haben sie dann einen Abschluss-Talk organisiert - und seien zurecht sehr stolz auf das Ergebnis gewesen, sagt Hansmann.
Vor rechten Tendenzen schützen
Dass Kirche mit politischen Angeboten ihren Nachwuchs rekrutieren möchte, weist Superintendent Jonas von sich: „Wir verteilen hier keine Mitgliedsanträge, wir machen Angebote ganz ohne irgendeine Abfrage von Konfession.“ Positive Erfahrungen mit Kirche dürften und sollten die jungen Menschen dagegen natürlich unbedingt sammeln. Dass ein leibhaftiger Referent, noch dazu ein junger, auch auf den Social-Media-Kanälen die Kirche vertreten solle, hält Jonas für den falschen Weg. Das sei nicht das Konzept. Mit einer solchen Stelle rüste man die Jugendlichen zwar „vor gewissen rechten Tendenzen“, sagt er. Aber eben gerade nicht auf Tiktok: „Wir stärken hier vor Ort jungen Menschen den Rücken und geben ihnen Halt in schwierigen Zeiten.“
Würden die Kirchenkreise die Entscheidung für mehr politische Bildung noch einmal so treffen? „Wenn man etwas macht, mosert immer jemand - und umgekehrt auch“, sagt Dirk Jonas vom Kirchenkreis Burgwedel-Langenhagen. Das stärkste Argument sei, dass die Jugendliche das selbst gewollt und organisiert hätten. „Die waren so heiß. Und haben so viel investiert. Das spiegelt sich dann auch in der Arbeit wider.“