Christliche Kirchen und Kultusministerium wollen Demokratie-Verständnis stärken

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Demokratiebildung ist eine wichtige Aufgabe in der Arbeit mit Jugendlichen – sei es in der Schule oder in der Gemeinde. Vor der Bundestagswahl im Februar 2025 legen die christlichen Kirchen in Niedersachsen und das Kultusministerium Niedersachsen daher ein besonderes Augenmerk darauf.

Das Kultusministerium plant für die letzte Januarwoche (27. bis 31. Januar 2025) eine Aktionswoche, in der Schulen gebeten sind, Raum und Zeit für eine Auseinandersetzung mit demokratischen Werten und Institutionen zu geben. Dazu stehen Unterrichtsmaterialien bereit, es gibt eine Videokonferenz, in der Schülerinnen und Schüler alle Fragen rund um die Wahl mit einem Politikwissenschaftler diskutieren können. Für Schulleitungen und Lehrkräfte stehen in zwei Onlinesprechstunden Referentinnen und Referenten des Kultusministeriums zum Austausch bereit: Wie kann man in Schule und Unterricht in Anbetracht teils großer gesellschaftlicher Kontroversen, zunehmender Demokratieskepsis und polarisierter Debatten konstruktiv über Politik sprechen?

Die Landeskirche beteiligt sich an der Kampagne der christlichen Kirchen in Niedersachsen „Für alle. Mit Herz und Verstand“, die für die drei zentralen Begriffe Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt wirbt: mit Social-Media-Aktionen und Online-Formaten, Plakaten, Bannern, Postkarten, Ansteckern und einer Internetseite Für alle. Mit Herz und Verstand. Für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in Schulen und Gemeinden stehen Materialien zur Bearbeitung in Gruppen bereit, liturgische Bausteine für Andachten und andere Anlässe sowie weiterführende Links zum Thema.

Die christlichen Kirchen und das Kultusministerium verweisen aufeinander und ergänzen sich in diesen Aktionen gegenseitig. Denn Ziel ist für beide, junge Menschen zu ermutigen, ihre demokratischen Rechte wahrzunehmen und gegen das Gefühl anzugehen, nichts bewirken zu können. Dabei zielen die Materialien und Impulse nicht darauf, eine bestimmte Partei zu bewerben oder von ihr abzuraten, sondern junge Menschen zu ermutigen, sich schlau zu machen und selbst zu fragen, wer am ehesten für die christlichen Werte der Menschenwürde, Nächstenliebe und des Zusammenhalts steht.

„In Wort und Tat an Botschaft Gottes erinnern“

Eine als Frau lesbare Person mit grauen Haaren und Brille
Bild: Jens Schulze
Kerstin Gäfgen-Track, Bevollmächtigte der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen

Im Interview erklärt Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track die Kampagne im Näheren.

Menschenwürde, Nächstenliebe, Zusammenhalt sind die zentralen Begriffe der kirchlichen Kampagne zur Bundestagswahl unter dem Titel „Für alle. Mit Herz und Verstand“. Welchen Wert sehen Sie am ehesten in Gefahr?

Kerstin Gäfgen-Track: Alle drei Haltungen werden gegenwärtig immer stärker infrage gestellt Für mich stehen Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt in einem unauflöslichen Zusammenhang und bedingen einander. Weil Christinnen und Christen überzeugt sind, dass jeder Mensch eine eigene von Gott geschenkte und unverlierbare Würde hat, versuchen sie allen Menschen aus der Haltung der Nächstenliebe heraus zu begegnen. Sie treten für andere ein, die sich nicht wahrgenommen und geachtet fühlen, keine eigene Stimme haben. Nur wenn wir uns umeinander kümmern, ebenso wie miteinander singen, tanzen oder Mannschaftsport treiben, wird in unserer Gesellschaft tatsächlich der Zusammenhalt spürbar, ohne den die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen und Probleme nicht gelöst werden können. Im berühmten Gleichnis vom Barmherzigen Samariter fragt Jesus den Schriftgelehrten unerwartet: „Wem wirst du zum Nächsten?“ Alle Menschen, denen ich begegne, können zu meinen Nächsten werden, doch es liegt an mir und meinem Verhalten, dass sie das auch für sich so erfahren.

Was können die Kirchen hier beitragen?

Gäfgen-Track: Gegenwärtig sehe ich eine besondere Verantwortung der Kirchen, entschieden für die Menschenwürde aller einzutreten, konsequent und beharrlich. Dazu gehört auch, dass in den öffentlichen Debatten und vor allem denen in den sozialen Netzwerken um eine sachliche Argumentation gerungen wird, und persönliche Angriffe, Diffamierungen und Verunglimpfungen unterbunden werden. Wir brauchen auch im Wahlkampf, aber erst recht danach eine Kultur der Verständigung. Hierzu können die Kirchen durch Dialogangebote viel beitragen, sowohl zu strittigen Themen als auch mit öffentlichen Äußerungen konkret vor Ort. Jede Predigt und jede Andacht kann eine Kultur der Verständigung leben. Zugleich ist es wichtig, dass wir nicht nachlassen, Nächstenliebe konkret werden zu lassen. Die Aufgabe der Kirchen sehe ich deshalb darin, immer wieder daran zu erinnern, dass wir alle Teil einer großen Gemeinschaft sind, in der man füreinander einsteht und sich umeinander kümmert.

Den Kirchen wird oft vorgeworfen, „zu politisch“ zu sein. Im selben Atemzug heißt es: „Warum schweigt die Kirche eigentlich zu…?“ Wo stehen Sie in dieser Frage?

Gäfgen-Track:  Kaum eine Frage wird mir so oft gestellt wie diese. Kürzlich sprach ich mit einem sehr engagierten katholischen Christen. Er meinte, es werde vielleicht nicht ganz so einfach, in den Bistümern die Kampagne zur Bundestagswahl breit aufzustellen, denn es gebe doch manche Vorbehalte gegen ein politisches Engagement der Kirche. Auch in den evangelischen Kirchen gibt es immer wieder Anfragen an ein Engagement im Bereich des Politischen. Das zeigt zum Beispiel der Streit um das Seenotrettungsschiff auf dem Mittelmeer. Schon allein, weil jede Christin Bürgerin und jeder Christ Bürger ist, ist die politische Mitverantwortung der Einzelnen und der Kirchen insgesamt im Bereich des Politischen unabdingbar. Das Evangelium Jesu Christi umgreift unser ganzes Leben (1. These der Barmer Theologischen Erklärung). In beiden Kirchen gibt es viele Zeugnisse des auch politischen Engagements für die Nächsten, seine Würde und seine Rechte: Die Befreiungsbewegungen in Lateinamerika und Afrika waren und sind stark von den christlichen Gemeinden dort getragen, der Katholikentag und der Kirchentag, der Einsatz für das Grundgesetz und gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Für diesen Einsatz im Bereich des Politischen stehen exemplarisch Persönlichkeiten wie Nelson Mandela, Martin Luther King, Mutter Teresa oder Oscar Romero, um nur einige zu nennen. Aber noch mehr sind es die vielen Menschen vor Ort in den Gemeinden, seien es Ehrenamtliche oder Hauptamtliche, die mit Wort und Tat immer wieder daran erinnern, welche Botschaft Gott für unsere Welt hat und welche Werte unsere Gesellschaft prägen sollten: Menschenwürde, Nächstenliebe und Zusammenhalt.

EMA