Unabhängige Aufarbeitung beginnt: Sexualisierte Gewalt und Misshandlung im Bereich der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers im Kontext der Unterbringung von Heimkindern in Pflegestellen in Elsdorf
Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers und der Kirchenkreis Bremervörde-Zeven haben im Herbst 2024 Fälle von sexualisierter Gewalt und Misshandlung von Heimkindern insbesondere aus den 1950er/1960er Jahren öffentlich gemacht. Die Vorwürfe richten sich gegen einen kirchlichen Mitarbeiter sowie Pflegestellen in Elsdorf, wohin die Kinder aus den diakonischen Einrichtungen Leinerstift (Grossefehn), Pestalozzistifung (Burgwedel) und Wichernstift (Delmenhorst) vermittelt worden waren.
Die Landeskirche, der Kirchenkreis Bremervörde-Zeven und die Kirchengemeinde Elsdorf haben sich auf Empfehlung der Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Landeskirche zu einer unabhängigen Aufarbeitung der Gewalterlebnisse der ehemaligen Heimkinder entschlossen.
Die unabhängige Aufarbeitung übernimmt das Dissens - Institut für Bildung und Forschung e.V. Berlin. Das Institut führt seit 2020 Aufarbeitungsstudien durch, beispielsweise zum Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder (VCP), zur Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), zu Kardinal Hengsbach (alle in Kooperation mit dem IPP München) sowie zur Ordensgemeinschaft der Benediktiner in Kornelimünster und zur Ordensgemeinschaft der Franziskanerinnen von Au am Inn. Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V. war außerdem am Forschungsverbund „ForuM – Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“ beteiligt.
Zu den Zielen der im Frühjahr 2026 beginnenden Studie gehören zuerst die Wahrnehmung und Anerkennung des Leids der von unterschiedlichen Gewaltformen betroffenen Personen, die Aufklärung von Taten, die Benennung von Verantwortlichkeiten und Verantwortlichen, insbesondere wo im Zusammenhang mit der Außenunterbringung von Heimkindern kirchliche Strukturen und Mitarbeitende in der Verantwortung waren. Weiterhin sollen die Ermöglichungsbedingungen für sexualisierte Gewalt und Misshandlung sowie Strukturen, die Taten begünstigt haben, herausgearbeitet werden. Wo möglich, werden Empfehlungen für den weiteren Umgang mit den aufgedeckten Taten sowie für zukünftiges Handeln in Leitungs- und Fortbildungstätigkeit entwickelt.
Dazu führen die Forscher*innen Interviews mit betroffenen Personen, mit Verantwortlichen innerhalb der Landeskirche Hannovers, mit Menschen, die Gewalt beobachtet haben, und mit weiteren am Aufarbeitungsprozess beteiligten Personen, und analysieren die vorliegenden Akten. Der Abschlussbericht wird in der zweiten Jahreshälfte 2027 veröffentlicht.
Der Präsident des Landeskirchenamtes, Dr. Jens Lehmann, sagt: „Dass Kinder nicht bei ihren Eltern aufwachsen können, diese Vorstellung allein ist schon belastend. Dass Kinder aus der Obhut eines Heimes heraus an Stellen vermittelt werden, an denen sie Gewalt erfahren müssen, ist für mich kaum erträglich. Die Aufarbeitung dieser Geschehnisse ist für die Landeskirche Hannovers deshalb von zentraler Bedeutung. Insbesondere mit Blick auf die Verzahnung zwischen diakonischen Einrichtungen und der Personalverantwortung der Landeskirche Hannovers. “
Der Projektleiter beim Forschungsinstitut Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V., Bernard Könnecke, sagt: „Uns ist es in erster Linie wichtig, dass alle Betroffenen von Gewalt, ganz gleich welcher Art, die Gelegenheit erhalten zu schildern, was ihnen widerfahren ist. Die Studie bietet dafür eine Chance, endlich gehört zu werden. Wir werden dann analysieren, welche Strukturen und Verantwortlichkeiten zu den Taten beigetragen haben, Aufdeckung gegebenenfalls verhindert haben und welche institutionellen Schlussfolgerungen zu ziehen sind. Und wie die Betroffenen nach so langer Zeit noch Anerkennung erfahren können.“
Carsten Stock, Superintendent im Kirchenkreis Bremervörde-Zeven, sagt: „Als wir in Kirchengemeinde und Kirchenkreis erfahren haben, was Kinder und Jugendliche in den 1950er und -60er Jahren an Gewalt und sexualisierter Gewalt in Elsdorf erlitten haben, waren wir zutiefst erschrocken und erschüttert. Gemeinsam war und ist uns wichtig, dass die Geschehnisse extern aufgearbeitet werden und vor allem die betroffenen Personen die Möglichkeit haben, gehört und gesehen zu werden. Ich bin dem Kirchenvorstand sehr dankbar, dass er sich seit dem Fund der Dokumente so konsequent und engagiert für die Aufarbeitung eingesetzt hat. Mir ist es sehr wichtig und ein großes Anliegen, dass wir die Verdachtsfälle aufarbeiten, vor allem und zuerst, um das Leid der betroffenen Personen anzuerkennen und dann daraus zu lernen, was wir dafür tun können, damit sich so etwas niemals wiederholt.“
Peter Braun, der als Kind auf einen Hof nach Elsdorf gekommen ist, sagt:
„Alle Erinnerungen an die damaligen Erlebnisse kommen nach und nach wieder hoch. Auf einmal hatte ich wieder Tränen in den Augen. Die Schläge, die Erfahrungen sexualisierter Gewalt – das war alles vergraben. Ich finde die Aufarbeitung gut. Es bedeutet mir viel, dass der Elsdorfer Aktenfund aufgearbeitet und heute und für die Zukunft als Mahnung verstanden wird.“
Wer sich als betroffene oder beobachtende Person an das Forschungsinstitut wenden möchte, kann die folgenden Kontaktdaten verwenden. Dies gilt auch für Medienanfragen.
Dissens – Institut für Bildung und Forschung e.V.
Bernard Könnecke
Tel.: 030 549875-40
E-Mail: bernard.koennecke@dissens.de
Web: https://www.dissens.de/
Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Landeskirche
E-Mail: fachstelle.sexualisierte.gewalt@evlka.de
Internetseite der Fachstelle: https://praevention.landeskirche-hannovers.de/ueber-uns/vorstellung
Internetseite der Landeskirche „Prävention Sexualisierter Gewalt“
https://praevention.landeskirche-hannovers.de/
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Hannover, 27. Mai 2026
Rebekka Neander
Stellv. Pressesprecherin
Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers
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