Mehr junge Leute suchen Rat bei der Kirche zum Dienst an der Waffe

Eine als Mann lesbare Person schaut auf einen Bildschirm, auf dem die Titelseite der Broschüre „Finde deinen Weg“ zu sehen ist.
Bild: epd-bild/Heike Lyding

Den Dienst an der Waffe zu verweigern, ist eine Frage des Gewissens. Der neue Wehrdienst und die Wehrerfassung aller 18-Jährigen lässt die Nachfrage nach entsprechenden Beratungen steigen. Die Kirchen reagieren.

Hannover. Der Start des neuen Wehrdienstes bringt junge Menschen vermehrt dazu, kirchliche Beratung zum Dienst an der Waffe und einer Kriegsdienstverweigerung zu suchen. Fast alle der 20 evangelischen Landeskirchen berichten von einer steigenden Nachfrage im laufenden Jahr und einem Ausbau des Angebots, auch die Landeskirche Hannovers (siehe unten epd-Gespräch mit dem Friedensbeauftragten Felix Paul). Einige Landeskirchen weisen 18-Jährige per Postkarte auf Informationen und Beratungsmöglichkeiten hin, bei anderen ist das in Planung, wie eine Umfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) ergab.

Katholischerseits hat die Organisation pax christi Ende vergangenen Jahres bundesweit neue Beratungsstrukturen aufgebaut. Das Interesse nehme besonders dann zu, wenn das Thema Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung verstärkt in den Medien präsent sei, hieß es. Als Gründe gäben Ratsuchende vor allem die als gestiegen wahrgenommene Kriegsgefahr seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 sowie die Debatte über die deutsche Verteidigungsfähigkeit an.

Deutlich mehr Anträge beim Bundesamt

Die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung hat sich seit dem Start der Wehrerfassung für alle 18-Jährigen zu Jahresbeginn deutlich erhöht. Bis zum 31. Juli gingen im laufenden Jahr 8.302 Anträge beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben ein. Das waren mehr als doppelt so viele wie im gesamten vergangenen Jahr, als es 3.879 Anträge gab.

Die Kirchen betonen, die jungen Menschen ergebnisoffen zu beraten. „In der Praxis wenden sich jedoch fast ausschließlich Menschen an pax christi, die sich bereits für eine Kriegsdienstverweigerung entschieden haben und Unterstützung beim Antragsverfahren suchen“, sagte eine Sprecherin der ökumenischen Friedensbewegung in der katholischen Kirche.

Persönliche Gewissensentscheidung

Mehrere evangelische Landeskirchen stellen heraus, dass die Verweigerung eines Dienstes an der Waffe auf einer persönlichen Gewissensentscheidung beruht. Die Beratungen verstünden sich als Begleitung bei der Gewissensbildung, sie seien vertraulich und kostenlos, erklärte die Bremische Evangelische Kirche. Sie legt Wert darauf, dass deren Beraterinnen und Berater keine Anträge auf Verweigerung des Kriegsdienstes formulieren. „Ein Gewissen lässt sich nicht delegieren“, hieß es zur Begründung.

Wie stark die Nachfrage nach den kirchlichen Beratungen insgesamt zugenommen hat, können nur wenige Landeskirchen beziffern. In der hannoverschen Landeskirche stieg die Zahl seit 2022 jährlich an, bewegt sich in diesem Jahr allerdings auf Vorjahresniveau. Die oldenburgische Kirche verzeichnet im Vergleich zu den vergangenen Jahren einen deutlich gestiegenen Beratungsbedarf, reformierte Kirche hat zwar keinen Vergleich zu den Vorjahren, gibt aber wie die anderen Kirchen die Gesamtzahl der Gespräche im niedrigen zweistelligen Bereich an.

Mehrere Landeskirchen kooperieren bei Informationen für die jungen Menschen und der Ausbildung von Beraterinnen und Beraterinnen untereinander sowie mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK). An einer WhatsApp-Journey zum Thema Wehrdienst und der Webseite „wehrpflicht.sinnundsegen.de“ sind die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, die Evangelisch-Lutherische Kirche in Oldenburg, die Evangelische Kirche im Rheinland, die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Evangelische Kirche der Pfalz beteiligt.

Friedensbeauftragter: Bedarf für Beratung zum Wehrdienst nimmt zu

Hannover. Mit dem neuen Wehrdienstgesetz in Deutschland steigt nach Beobachtungen des evangelischen Friedensbeauftragten in der hannoverschen Landeskirche, Felix Paul, auch der Beratungsbedarf zum Thema. Im laufenden Jahr habe er bisher zwar erst Fälle im unteren zweistelligen Bereich gehabt, in denen es dezidiert um Anträge auf eine Kriegsdienstverweigerung ging, sagte Paul im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Generell steige die Nachfrage nach Beratungen rund um den Wehrdienst aber an. „Das Interesse an dem Thema ist definitiv gewachsen.“

Auch Veranstaltungen und Online-Formate mit Informationen würden immer mehr angefragt, sagte Paul. Für Unklarheit sorge etwa, dass es ab Mitte 2027 die Musterungspflicht gebe, eine allgemeine Wehrpflicht und die damit verpflichtende Einberufung aber vorerst weiter ausgesetzt sei, erläuterte er. Auch sorge es für Irritationen, wenn die Bundeswehr bereits Werbung in die Briefkästen von Familien und jungen Menschen werfe, noch bevor der Fragebogen zur Wehrdiensterfassung dort gelandet sei, mit dem seit Jahresbeginn 18-Jährige in Deutschland angeschrieben werden.

Beratung ist vertraulich und ergebnisoffen

„Die Beratung erfolgt kostenlos, ergebnisoffen, vertraulich und bedürfnisorientiert“, betonte der evangelische Beauftragte. Unabhängig von Konfession, Religion oder Kirchenmitgliedschaft würden dabei Menschen unterstützt. Dazu zählten auch Reservistinnen und Reservisten, aktive Soldatinnen und Soldaten oder Eltern. Grundlage seien die Standards der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK). Diese arbeitet eng mit weiteren Akteuren, wie der Militärseelsorge, zusammen, um den unterschiedlichen Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.

Sollten sich die Ratsuchenden für eine Kriegsdienstverweigerung entscheiden, stehe die Gewissensbegründung im Zentrum, sagte Paul. „Das eigene Gewissen zu beschreiben, fällt generell nicht leicht. Es geht also darum Biografie, Erfahrungen und Einstellungen zu erkunden, die das Gewissen geprägt haben könnten.“ Dabei stünden die Beraterinnen und Berater fragend zur Seite. „Die letzte Frage ist dann immer, ob die Person selbst zufrieden ist mit der Entwicklung der Gewissensbegründung, sie für schlüssig und glaubwürdig erachtet und die innere Gefühlswelt bezüglich des Dienstes an der Waffe umfassend darstellt.“

Aktuell kontaktiere die hannoversche Landeskirche 18-Jährige in ihrem Gebiet noch nicht von sich aus, um auf die Beratungsangebote aufmerksam zu machen, sagte Paul weiter. Andere Landeskirchen informierten dagegen zum Beispiel mit Postkartenaktionen und die Anfragen stiegen dadurch an. Überlegungen auf diese Weise oder auch mit einer Social-Media-Kampagne die Beratungsangebote bekannter zu machen, gebe es auch in der hannoverschen Landeskirche.

Karsten Frerichs (epd) / epd-Gespräch: Karen Miether