Andacht erinnert an Gewalttat in Stade: „Schutzort wird zum Tatort“
Vor dem Altar in Hannovers Marktkirche entsteht ein Meer aus Kerzen und Blumen. Am Mittwoch haben hunderte Trauernde der in Stade getöteten Mitarbeiter der Jugendhilfe gedacht.
Hannover, Stade. Vor der Marktkirche in Hannover liegen Menschen sich weinend in den Armen, andere tragen schweigend Blumen in die Kirche. In ihren Gesichtern spiegeln sich Trauer, Bestürzung und Fassungslosigkeit wider. Mit einer Andacht haben am Mittwoch rund 700 Menschen der sechs Menschen gedacht, die in Stade getötet wurden, darunter drei Mitarbeitende der Jugendhilfe der Region Hannover.
Der evangelische Stadtsuperintendent Rainer Müller-Brandes versucht Worte zu finden, für das, was für viele unbegreiflich bleibt: Eine Tat sei ausgerechnet an einem Ort verübt worden, wo Menschen Zuflucht suchten, an dem Kindern und Familien geholfen werde. „Ein Schutzort wird zum Tatort.“
Beruf, der vom Vertrauen lebt
Jedes der Opfer habe ein Gesicht und eine Geschichte, habe Familien, Freundinnen und Freunde, Kolleginnen und Kollegen, sagt der Theologe. „Wir denken an alle, deren Alltag seit diesem Tag komplett über den Haufen geworfen wird.“ Gerade hätten sie vielleicht noch beieinander gesessen, gemailt, Kontakt gehabt: „Und jetzt das“.
Die Getöteten hätten in einem Beruf gearbeitet, der vom Vertrauen lebe, ergänzte Müller-Brandes. Dass gerade diejenigen zu Opfern wurden, die nicht wegsahen und in einem schwierigen Umfeld Verantwortung übernommen haben, sei erschütternd. Eine Arbeit, die Menschen vor Menschen schütze, sei immer auch mit Drohungen und Beleidigungen verbunden. „Unsere Gesellschaft, wir alle, leben davon, dass Menschen solche Aufgaben übernehmen.“ Sie bräuchten Respekt, Solidarität und Schutz.
Kerzen, Stille, Kirchenglocken
Während der Andacht wird im Altarraum für jeden der Verstorbenen eine Kerze angezündet. In der anschließenden Stille läuten die Kirchenglocken. In den Stuhlreihen sitzen auch zahlreiche Kolleginnen und Kollegen aus der Jugendhilfe. Viele von Ihnen kennen genau solche Gesprächssituationen, in denen die Tat passiert ist. Viele von ihnen wischen sich immer wieder Tränen aus dem Gesicht.
Am Montag waren nach Polizeiangaben in einer privat geführten Jugendhilfe-Einrichtung im niedersächsischen Stade bei Hamburg sechs Menschen getötet worden. Ein 45-jähriger Tatverdächtiger wurde festgenommen. Bei einem sogenannten Hilfeplan-Gespräch, bei dem es um das Sorgerecht seiner drei Monate alten Tochter ging, gab er mutmaßlich Schüsse ab.
Bei den Getöteten handelte es sich der Polizei zufolge um vier Frauen und zwei Männer. Auch in der Stader evangelischen St.-Wilhadi-Kirche hatten sich bereits am Dienstagabend hunderte Menschen zu einer Andacht versammelt.
Mahnung zum Zusammenhalt
Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) sagte in einer Ansprache, dass die Öffentlichkeit nun vor allem denjenigen zur Seite stehen müsse, die das Leid besonders treffe. Der Tat sei die Missachtung von Nächstenliebe und Menschlichkeit vorausgegangen: „Ich wünsche uns allen die Kraft, dass sich aus dieser Tat kein Hass Bahn bricht, sondern dass wir den Zusammenhalt unserer Gemeinschaft stärken.“
Im Anschluss gehen viele der Trauergäste nach vorn, um gemeinsam ihre mitgebrachten Blumen auf die Stufen vor dem Altar zu legen. Viele entzünden noch selbst eine Kerze, sodass neben den sechs großen Kerzen ein strahlendes Lichtermeer bleibt.