Jeder, der Kinder hat, kennt die Frage nach dem Warum. Kinder haben so Phasen, wenn sie immer wieder nach dem Warum fragen müssen. Und sie hören bestimmt nicht mit dieser Frage auf. Erst recht nicht, wenn dem Erwachsenen, dem sie diese Frage stellen, das Antworten zu blöd wird.
Warum?
Und es sind sicherlich nicht nur Kinder, die diese Frage stellen. Um zu verstehen und zu begreifen, wie unsere Welt funktioniert.
Im Johannesevangelium wird erzählt, dass Jesus einem Jungen begegnet, der blind geboren wurde (Joh 9, 1ff.). Die Jünger von Jesus sind auch mit dabei und stellen Jesus die Frage: „Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?“
In dieser Frage steckt wahrscheinlich Vieles drin, z. B. ein Weltbild, in dem Krankheit und Behinderung als Strafe angesehen werden. Vielleicht fragen die Jünger auch so, um Jesus zu provozieren, weil es geradezu absurd ist, dass der Junge selbst oder dessen Eltern Schuld an der Blindheit haben. Im besten Fall fragen die Jünger so, weil sie hilflos sind. Weil ihnen der Junge leidtut.
Jesus antwortet: „Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Und dann heilt Jesus den Jungen. Jesus widerspricht der – rückwärtsgewandten – Frage nach dem Warum. Er lenkt den Blick nach vorne und fragt nach dem
Wozu?
Dieser Blickrichtung kann ich grundsätzlich einiges abgewinnen. Neben allem Ernstnehmen von Wut, Traurigkeit, Hilflosigkeit u. v. m. ist diese Frage geradezu produktiv. Ein von Leid Betroffener kann damit nach vorne schauen und überlegen, was er aus seiner Situation machen kann. Dass dieser blindgeborene Junge allerdings behindert ist, damit (!) Gottes Allmacht an ihm demonstriert werden kann, befremdet mich.
Wozu dient diese Heilung?
Die ganze Heilungsgeschichte wird für mich so zu einer Show für diejenigen, die die Heilung miterleben. Der Behinderte dient eigentlich nur als das Kaninchen des Zauberers, er ist nicht die Hauptfigur. Er wird auch nicht gefragt, ob er denn überhaupt geheilt werden möchte. Das wird vorausgesetzt. Was sagt das über den Behinderten selbst aus? Entspricht das unserer Sicht auf Behinderte?
Die Heilungsgeschichten im Neuen Testament stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Predigen von Jesus. Im Johannesevangelium wird das explizit deutlich, weil die Wunder dort „Zeichen“ genannt werden (Joh 2, 11 etc.). Also:
Jesus redet ständig vom Reich Gottes. Und mit seinem Wirken demonstriert er das Reich Gottes. In dem, wie er auf Frauen, Außenseiter, Kranke, Kinder etc. zugeht und sie anspricht und einlädt. Die Heilungen sind kein Selbstzweck, sondern deuten darauf hin, wie es sein wird, wenn Gott „sein wird alles in allem“.
Das verstehe ich so, dass in Gottes Reich keiner mehr unter seiner Krankheit leiden muss.
Als Behinderter kann ich mir auch vorstellen, dass es nicht die Kranken sind, die sich bei dieser Demonstration ändern müssten. Es sind ja immer die Kranken, die verändert werden, damit gezeigt wird, dass in Gottes Reich alle „barrierefrei“ miteinander leben können. Das ist unter den Bedingungen unserer Welt wahrscheinlich die einfachste Variante einer solchen Demonstration.
Aber ist es auch die eindrücklichste?
Ich hätte mir von Jesus mehr Innovation bei seinen Wundern gewünscht, dass sich eben das Umfeld der Behinderten so ändert, dass deutlich wird:
In Gottes Reich leben alle Menschen „barrierefrei“ miteinander.
Mehr noch: Ich würde mir Erzählungen wünschen, in denen Jesus Behinderte und Kranke bewusst behindert und doch glücklich zurücklässt. Nicht geheilt, aber geheiligt. Damit deutlich wird: Die Behinderten sind nicht der Fehler im System Himmelreich. Eine solche Erzählung finde ich im Neuen Testament nicht.
Vielleicht ist es unsere Aufgabe, solche Geschichten zu schreiben, dass wir letztlich dasselbe verkünden wie Jesus Christus: Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Amen.
Johannesevangelium 9, 1–7