Viele singen von der Liebe. Mal ganz abgesehen von dem, was so im Radio läuft, tun wir‘s ja auch, mit dem Gesangbuch in den Händen. Ich bete an die Macht der Liebe. Ich will Dich lieben, meine Stärke. Liebe, die Du mich zum Bilde Deiner Gottheit hast gemacht. Das ist nichts für Männer, sagen viele Männer.
Aber Moment – Männer haben solche Lieder geschrieben. Zum Beispiel Johannes Scheffler, besser bekannt als Angelus Silesius, der cherubinische Wandersmann. Vor über 350 Jahren hat er seine berühmten Liedtexte veröffentlicht. Sein Gedichtband heißt "Heilige Seelen-Lust / Oder Geistliche Hirten-Lieder / der in jhren JESUM verliebten Psyche." Kann die Seele verliebt sein? In Jesus? Wie queer ist das - oder vielleicht doch nur was für Frauen...?
Heilige Seelen-Lust…naja. Aber Schmetterlinge im Bauch, das kennt doch jeder. Das erste Mal verliebt. Wie war das noch? Und dann das erste Mal. Körperliche Nähe und das Bedürfnis danach, das wird ja eher jungen Leuten zugeschrieben. Und dann Kinder kriegen als Frucht der Liebe. Und dann kommen die Falten. Aber mehr Falten bedeuten nicht, dass das Bedürfnis nach Zärtlichkeit abnimmt, nach Nähe und einer Hand auf der Haut. Sich neu verlieben, eine enge Beziehung beginnen: Dafür ist es nie zu spät. Liebe und Zärtlichkeit haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum. Manche Menschen hatten ihr Leben lang wechselnde Beziehungen, andere waren immer alleinstehend, wieder andere sind nach langer Ehe verwitwet. Und nun? Schmetterlinge im Bauch – gut und schön, aber das ist nur kurz. Danach kommen langjährige Erfahrungen. Bei allen Geschlechtern. Erfahrungen sind Schätze, die man nutzen soll: Wie viel Nähe und Distanz wünsche ich mir überhaupt? Was erwarte ich von einem anderen? Welche Fehler möchte ich selbst auf keinen Fall wiederholen? Ältere wissen besser, was sie brauchen, als Jüngere. Und viele wissen: Ideale sind so eine Sache. Aber aus Verliebtheit kann eine große Verbundenheit wachsen. Eben: Heilige Seelen-Lust. Das ist, wenn die Seele lustvoll auf Dauer liebt. Falten hin, Falten her.
Amen.
1. Johannesbrief 4, 7-12
Ihr Lieben, hat uns Gott so geliebt, so sollen wir uns auch untereinander lieben. Niemand hat Gott jemals gesehen. Wenn wir uns untereinander lieben, so bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollkommen.