Ein Fest der Verständigung

Andacht zum Pfingstsonntag
Ein Radio.
Bild: tunart/Getty Images Signature

Der Autor

Landesbischof Ralf Meister Kloster Loccum
Bild: Insa Hagemann
Landesbischof Ralf Meister

Ohrenbetäubender Lärm erfüllt den Raum. Stimmen, Melodien und Geräusche überlagern sich. Einzelne Klangfetzen tauchen kurz auf und verschwinden wieder im Rauschen. Quelle dieses Durcheinanders ist die Installation „Babel“ des brasilianischen Künstlers Cildo Meireles in der Tate Modern in London: 2001 hat er einen Turm aus hunderten Radios gebaut, aus denen gleichzeitig Sender aus aller Welt dudeln.

Die Installation greift die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel auf. Die Bibel erzählt von einer Welt mit einer Sprache. Babel soll ein Ort menschlicher Einheit werden. Doch dann schlägt das Ansinnen um: Die Menschen wollen in der Stadt „einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen“ (Gen 11,4). Die biblische Erzählung schildert, was Menschen bis heute treibt: das Maß aller Dinge zu sein. Gott setzt dem ein Ende: Die eine Sprache zerfällt, ein vielstimmiges Chaos bricht aus. Der Turm wird nicht zu Ende gebaut.

Die Apostelgeschichte setzt dem ein anderes Bild entgegen. Auch dort klingt ein vielstimmiges Rauschen. Doch es trennt nicht, sondern führt Menschen zusammen. „Sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist und begannen, in anderen Sprachen zu reden“ (Apg 2,4). Die Sprachen verschwinden nicht. Aber sie verlieren ihre Trennschärfe. Verschiedenheit bleibt, doch sie verhindert kein Verstehen mehr. Pfingsten zielt nicht auf eine einzige Sprache, sondern auf ein Miteinander, in dem das Fremde gehört und verstanden wird.

Stimmengewirr aus vielen Kanälen ist uns heute nicht fremd. Mit Sorge beobachte ich, wie in gegenwärtigen Debatten auf Vereinheitlichung gedrängt wird. Vielfalt ist gefährlich. Moralischer Druck und digitale Verstärkung von Parolen, in denen häufig gilt: „Je lauter, desto wahrer“, sind normal geworden.  

Die Erinnerung an die Barmer Theologische Erklärung von 1934 gewinnt für mich neues Gewicht. In einer Zeit, in der sich in Deutschland bereits eine politische Einheitsstimme mit totalem Anspruch durchgesetzt hatte, versammelte sich die Bekennende Kirche in Barmen. Ihre Theologische Erklärung vom 31. Mai 1934 formulierte zehn Tage nach Pfingsten einen klaren protestantischen Einspruch gegen die Vereinnahmung durch totalitäre Ideologie:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Dieser Satz ist eine Grundlegung und die Antwort auf die Frage, welche Stimme gilt: der Zeitgeist, politische Macht oder das Evangelium Jesu Christi?

Pfingsten hält Verschiedenheit offen und ermöglicht Verständigung. Der Geist Gottes hebt Unterschiede nicht auf, sondern ordnet sie so, dass Menschen einander hören und verstehen. Es geht nicht um eine geschlossene Einheit, sondern um eine Gemeinschaft, in der Fremdes und Vertrautes miteinander sein können.

Amen.

Gesegnete Pfingsten wünscht Ihnen
Ihr Landesbischof Ralf Meister