Nicht mehr im Trüben fischen!

Andacht zum 5. Sonntag nach Trinitatis
Ein Fischer wirft ein Netz von einem kleinen Boot aufs Meer vor einem Sonnenuntergang.
Bild: @pexels via Canva

Die Autorin

Eine Frau mit blonden Haaren.
Bild: privat
Bianca Reineke

Pastorin Bianca Reineke ist Dozentin für Berufsbildende Schulen und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am RPI Loccum.

Hätte ich drei Wünsche frei, wäre einer davon eine Zeitmaschine. Mit ihr würde ich an den See Genezareth vor knapp zweitausend Jahren reisen. Denn ich hätte zu gern die Gesichtsausdrücke der Männer gesehen, von denen im Predigttext für den 5. Sonntag nach Trinitatis erzählt wird. Mitten hinein in diese so überhitzte Zeit voller Widerspruch – mit Sommerleichtigkeit und Sorgen – passen diese biblischen Worte perfekt. In eine Zeit, in der beim Fußball die Tornetze der gegnerischen Seite gähnend leer blieben. Einer Zeit, in der viele gerade im Trüben fischen und nicht wissen, ob die zweite Hälfte dieses Jahres besser wird als die erste.

Jesus predigt am See. Bestimmt ist es kühl und ein Wind streicht über das Wasser. Die Menschen drängen sich um ihn. Und daneben sitzen Fischer am Ufer. Sie waschen ihre Netze und räumen das Boot auf. Ich bin sicher, sie schauen nicht auf. Sie schämen sich. Denn ihre Netze sind leer, ihre Arbeit fehlgeschlagen. Jesus spricht: „Fahrt mich auf den See hinaus.“ Sie sehen auf, überlegen nicht lange und tun es. Was sie dabei wohl gedacht haben? Entgeisterte Blicke haben sie vielleicht ausgetauscht, mit den Schultern gezuckt und „Was soll das jetzt werden?“ geflüstert. Jesus predigt auf dem See und fordert dann: „Fahrt hinaus, wo es tief ist und werft eure Netze aus.“Jetzt hätte ich bei meiner Zeitreise gerne meine Handykamera dabei. Denn die Gesichter wären sicher unbezahlbar gewesen. Pures Entsetzen. Fassungslosigkeit. Gemurmel. „Der spinnt doch. Warum noch einmal? Wir haben doch alles versucht.“ Und trotzdem fahren sie los. Diesmal mit Jesus an Bord. Und die Netze werden voll. Genau dort, wo sie zuvor grandios gescheitert waren.

Manchmal müssen auch wir uns trauen, noch einmal in die Tiefe zu fahren. Dorthin, wo wir schon einmal versagt haben. Müssen in Abgründe blicken, die tief und angsteinflößend waren. Mit Jesus an Bord sieht dabei manches anders aus. Ja, zuerst wackelt das Boot, wenn er zusteigt. Aber Jesus ist nicht nur der Mitfahrer, der das Boot schaukeln lässt. Er ist Matrose, Kapitän, Lotse und Schiffsseelsorger in einem.

Auch ohne Zeitmaschine weiß ich: Diese Begegnung hat das Leben der Fischer für immer verändert. Und ich glaube, wenn wir Jesus in unser Boot lassen, kann er auch unser Leben verändern. Vielleicht nicht immer so, wie wir es erwarten. Bestimmt kippelt es erst ein bisschen. Aber wenn wir das Gleichgewicht mit Jesus an unserer Seite neu gewonnen haben, dann geht es hinaus aus den trüben Gewässern mitten hinein in die Tiefe und in die Fülle des Lebens.

Amen

Der Fischzug des Petrus,
Lukas 5,1–11
Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, da stand er am See Genezareth. Und er sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Da Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.