So richtig bekomme ich den Bogen nicht hin von diesem Sonntag, der „Jubilate“, also Jubelt heißt, zum Predigttext aus dem bildgewaltigen Johannesevangelium über Jesu' Aussagen zu Weinstöcken und Trauben. Gut, zum Jubeln braucht man schon mal Champagner, der aus Trauben gemacht wird. Alles andere bleibt sperrig. Alles in mir wehrt sich schon allein wegen dieses vorgeschriebenen „Freu dich. Jetzt. Jubel.“
Auch ohne Pessimist zu sein, darf man ja wohl dezent anmerken, dass Jubeln gerade nicht so angesagt ist. Zu düster, skurril, grausam und schwierig sind die gesellschaftspolitische Weltlage und das Geschehen um uns herum. Ich verschränke innerlich die Arme bei solchen Imperativen. Und dann noch der Bibeltext, der auch mit einem Befehl daherkommt. Bleibt in meiner Liebe, sagt Jesus,
Doch genau hier kippt meine Stimmung ins Positive, ab hier löst sich mein Bockigsein ebenso auf wie meine körperliche Abwehrhaltung. Es geht um Trauben, um Weinstöcke, Gärtner und gute Früchte. Und plötzlich stehe ich innerlich vor einem Weinberg im Sommer, atme die weiche, flirrende Luft ein, spüre den leichten Windhauch, der über die Berge streicht, und rieche die schwere Süße der reifen Trauben.
Hier will ich bleiben, sehen und miterleben, wie aus dem Zusammenwirken von Weingärtner, Weinstock und Reben die Ernte wird, aus der dann Wein wird, der jubeln lässt. Und ich hoffe, die Seelen der Gärtner, der Weiterverkäufer und der Konsumenten von Saft und Wein, die aus jeder Traube die Sonne und die Leichtigkeit des Sommers schmecken, werden aufjubeln vor Dankbarkeit.
Die Reben, die Trauben, sie können nur dann Frucht geben und dafür sorgen, dass Menschen sie genießen, wenn sie mit dem Weinstock dauerhaft verbunden bleiben. Wenn sie Teil des großen Ganzen sind, das aufgeht und wächst. Nur wenn alles in sich verschlungen ist, kommt die gute Ernte. Und ohne sich romantisch in Wein- und Gartenbau-Metaphern zu verlieren, ist dieser Bibeltext und damit auch dieser Sonntag inmitten von Krieg und willkürlicher Allmachtsphantasien Einzelner doch so voller Schönheit und Kraft – gerade in seiner Andersartigkeit.
Es geht im Leben nicht um Befehle, nicht um Hierarchie und Herrschaft. Es geht um Gemeinschaft und Getragensein in jeder Situation. Wie die Trauben ihren wichtigen Teil der Ernte erfüllen, weil sie gebunden sind an den Weinstock, so sind auch wir wertvoller Teil von Gottes Welt und seiner Liebe. „Bleibt in meiner Liebe“ ist kein Befehl, es ist die liebevolle Erinnerung daran, dass nur in dieser Liebe die Gemeinschaft trägt.
Amen
Johannes 15, 1-8
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.