Gerade in diesen Tagen frage ich mich, ob Menschen grundsätzlich einen Hirten wollen oder ob es eher das Bedürfnis von Einzelnen ist, so ein Hirte zu sein.
Psalm 23 singt davon, dass Gott unser Hirte ist. Ganz sicher einer der populärsten Texte aus unserer Bibel. Jesus benutzt das Bild des Hirten an mehreren Stellen.
Der gute Hirte ist eines der religiösen Bilder, das auch heute noch trägt. Die Darstellung von Jesus als Hirten, der ein Schaf auf seinen Schultern nach Hause trägt, empfinden wir vielleicht schon als kitschig. Aber die Worte aus Psalm 23 sind nach wie vor lebendig. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln...
Das ist erstaunlich, weil die Bilder des Psalms nicht unserer eigenen Lebenswirklichkeit entstammen. Hirten und Schafe bekommen wir nur in seltenen Fällen zu sehen. Die schwierige Suche nach Weideplätzen und die Bedrohungen der Schafe kennen wir allenfalls aus Dokumentarfilmen.
Umso mehr haben die Bilder vom Hirten und seiner Herde – und natürlich jedem einzelnen Schaf – wohl mit der inneren Welt zu tun. Dem Wunsch, nicht verloren zu gehen und getragen zu sein. Der Hoffnung, dass sich jemand um mich kümmert, der Sehnsucht nach Geborgenheit. Das Bild des Hirten ist – wohl auch durch kirchliches Predigen – inzwischen verklärt.
Jesus, der grundsätzlich gerne und oft Wertevorstellungen auf den Kopf stellt, wertet die Arbeit der Hirten auf. Er betont dabei die Fürsorge der Hirten für ihre Herdentiere.
Wer ist uns ein Vorbild? Sind das Menschen, denen wir begegnet sind? Sind es historische Persönlichkeiten? Und wie groß ist unser Abstand zu diesen Vorbildern? Wie unerreichbar ist das, worin sie uns ein Vorbild sind, für uns? Kritisch gefragt: Wie hilfreich sind uns diese Vorbilder?
Kinder haben in ihren Eltern Vorbilder. So lernen Kinder. Sprechen und Essen. Laufen und Streiten. Vorbilder – auch und gerade in der Erziehung – können keine strahlenden Alleskönner sein. Da geht es um glaubwürdiges Vorleben. Nicht nur Kinder brauchen das.
Wir brauchen Menschen in der Familie, in der Gesellschaft, auch in der Gemeinde, die sich persönlich einbringen und zur Verfügung stellen. Im griechischen Urtext steht für Vorbild das Wort "Typos". Wir brauchen solche Typen, an die sich diejenigen, die von ihnen geprägt sind, später gern wieder erinnern! An denen man sich orientieren kann. An denen man lernen kann, wie man lebt. Wie man auch ein Scheitern überleben kann.
Vorbilder können eigentlich erst dann hilfreich sein, wenn ihr Tun für mich auch erreichbar ist. Sodass ich nicht auch noch an meinen Vorbildern scheitern muss. Wenn also mein Vorbild ein Schaf ist, wie ich selbst eines bin.
Amen.
1. Petrusbrief 2, 21b - 25