Weil wir eine Zukunft haben

Andacht zum Sonntag Judika
Eine junge als Frau lesbare Person schiebt einen jungen als Mann lesbare Person im Rollstuhl.
Bild: Canva (Symbolfoto)

Der Autor

Jakob Kampermann
Bild: privat
Jakob Kampermann

Jakob Kampermann ist Pastor und Mitglied der Evangelischen Medienarbeit (EMA) der Landeskirche Hannovers.

Ara ist eine junge Frau, die als Pflegerin bei mir arbeitet. Ich mag sie, sie hat viel zu erzählen.

Da, wo sie herkommt, gebe es, sagt sie, keine Verkehrsregeln. Der Stärkere gewinne. Auch auf der Straße. Deshalb muss ich immer wieder darauf bestehen, dass sie mich im Rollstuhl auf der rechten Seite des Fahrradweges schiebt, damit andere uns überholen können.

Sie kommt aus dem Iran. Gerade erzählte sie, dass sie schon seit Tagen nicht mehr ihre Mutter gesprochen habe. Eine Telefonverbindung sei im Moment nicht möglich.

Im Kirchenjahr gehen wir auf Karfreitag zu. In allen Kirchen findet man die Darstellung von Jesus am Kreuz. Die Dornenkrone trägt er da auf dem Kopf. Das muss wehgetan haben. Das und vieles mehr. „Mein Gott, warum hast Du mich verlassen“, betet er und stirbt.

Der Apostel Paulus deutet im Brief an die Hebräer das, was Jesus am Kreuz passiert ist, als ein Opfer, als das Opfer. Nicht nur, weil Jesus der römischen Justiz zum Opfer gefallen ist. Gott solidarisiert sich in Jesus mit allen Opfern menschlicher und staatlicher Gewalt.

Aber der Hebräerbrief beschreibt den Tod von Jesus auch im religiösen Sinne als Opfer. Und er sagt: Nach diesem Tod sind keine weiteren Opfer mehr nötig. Kein Tempelkult mit Schlacht- und Brandopfern. Keine Opfer, damit Mensch und Gott versöhnt miteinander leben können. Das können sie – durch den Tod am Kreuz.

Es gibt immer noch Opfer von Gewalt. Es gibt gerade so viele Kriege auf einmal. Und die Opfer sitzen nicht alle in den Kriegsgebieten.

Wir sollen „rausgehen". Dahin, wo die Opfer sind. Die sonst alleine wären. Aber die Hilfe brauchen. Die wahrgenommen werden wollen. Die jemanden brauchen, der daneben steht und mit ihnen das Leid aushält. Die Notwendigkeit dieser Ermahnungen leuchtet heute wie damals unmittelbar ein.

Rausgehen zu den Opfern. Nicht damit sie und wir eine Zukunft haben, sondern weil wir und sie eine Zukunft haben. Eine Zukunft, die wie unsere Gegenwart in Gott geborgen ist.

Amen.

Biblischer Text,
Hebräerbrief 13,12–14
Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Jakob Kampermann