„Es spielt überhaupt keine Rolle, ob Frauen sich damit mehr oder weniger angesprochen fühlen – Gott ist nun mal männlich, da gibt es keine Diskussion!“ Der Anrufer nach dem Fernsehgottesdienst ist sehr bestimmt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und der Heiligen Geistkraft – so hat es die Pastorin im Votum zum Eingang des Gottesdienstes formuliert. Das findet er unerträglich. Gott lasse leuchten ihr Angesicht über Dir… – so klang der Segen zum Schluss. Er hält das für grundfalsch. Er ist nicht der einzige Mensch in der Telefon-Hotline nach dem Gottesdienst, der sich darüber aufregt, dass von Gott in der weiblichen Form gesprochen wurde. Wir führen an diesem Tag viele Gespräche mit ähnlichem Grundton.
Ich denke nach. Welches Geschlecht hat Gott? Und warum fühlen Menschen sich von dieser Frage so angegriffen? Was würden sie verlieren, wenn sie sich Gott auch weiblich vorstellen? Oder sächlich? Mein Reden von Gott ist immer begrenzt. Meine Sprache kann sich Gott immer nur annähern. Menschliche Worte reichen nie, um Gottes Wesen vollständig zu beschreiben. Kann es sein, dass meine Bilder von Gott mehr darüber erzählen, wie die Welt jetzt gerade tickt, als darüber, was Gottes Kraft tatsächlich bewirken kann?
Wenn ich aufmerksam lese, stelle ich fest, dass in der Bibel die unterschiedlichsten Bilder für Gott stecken: Hirte, Schöpfer, König – aber auch Adlermutter, Hausfrau, Glucke, Quelle. Die Bilder sind männlich, weiblich, personell, materiell, ideell. Jedes Bild beleuchtet eine andere Eigenschaft Gottes. Jedes Bild ist eine Einladung, Gott auf eine bestimmte Weise zu begegnen. Jesaja erkennt Gott in einer stillenden Mutter. An ihrer Brust findet das Kind Trost und Nahrung. Liebevoll ruht ihr Blick auf dem Gesicht ihres Säuglings. Das Baby schmatzt mit genussvoll geschlossenen Augen und hat in diesem Moment alles, was es braucht. Hier ist kein Mangel, hier ist umfassende Geborgenheit und zärtliche Nähe. Wie wäre es, sich Gott – wenigstens ab und zu – genauso vorzustellen? Gut biblisch auf alle Fälle…
In der Gottesdienst-Hotline meiner Kollegin ruft eine ältere Frau an. Sie möchte sich bedanken, vor allem für den schönen Segen. Oft, sagt sie, habe sie das Gefühl, in der Kirche gehe es um einen Gott, der ihr und ihrem Erleben fremd ist. „Aber heute habe ich gespürt: Gott ist viel mehr. Gott hat auch eine weibliche Seite – und die ist mir ganz nah. Das habe ich heute gebraucht.“
Jesaja 66,10–14 (Luther 2017)