Gott ist viel mehr

Andacht zu Lätare
Ein Baby trinkt an einer Brust.
Bild: pixelshot/canva

Die Autorin

Eine jüngere Frau lächelt in die Kamera.
Bild: privat
Dorothee Beckermann

Dorothee Beckermann ist Diakonin für Konfi-Arbeit in der Region Linden-Limmer.

„Es spielt überhaupt keine Rolle, ob Frauen sich damit mehr oder weniger angesprochen fühlen – Gott ist nun mal männlich, da gibt es keine Diskussion!“ Der Anrufer nach dem Fernsehgottesdienst ist sehr bestimmt. Im Namen des Vaters, des Sohnes und der Heiligen Geistkraft – so hat es die Pastorin im Votum zum Eingang des Gottesdienstes formuliert. Das findet er unerträglich. Gott lasse leuchten ihr Angesicht über Dir… – so klang der Segen zum Schluss. Er hält das für grundfalsch. Er ist nicht der einzige Mensch in der Telefon-Hotline nach dem Gottesdienst, der sich darüber aufregt, dass von Gott in der weiblichen Form gesprochen wurde. Wir führen an diesem Tag viele Gespräche mit ähnlichem Grundton.

Ich denke nach. Welches Geschlecht hat Gott? Und warum fühlen Menschen sich von dieser Frage so angegriffen? Was würden sie verlieren, wenn sie sich Gott auch weiblich vorstellen? Oder sächlich? Mein Reden von Gott ist immer begrenzt. Meine Sprache kann sich Gott immer nur annähern. Menschliche Worte reichen nie, um Gottes Wesen vollständig zu beschreiben. Kann es sein, dass meine Bilder von Gott mehr darüber erzählen, wie die Welt jetzt gerade tickt, als darüber, was Gottes Kraft tatsächlich bewirken kann?

Wenn ich aufmerksam lese, stelle ich fest, dass in der Bibel die unterschiedlichsten Bilder für Gott stecken: Hirte, Schöpfer, König – aber auch Adlermutter, Hausfrau, Glucke, Quelle. Die Bilder sind männlich, weiblich, personell, materiell, ideell. Jedes Bild beleuchtet eine andere Eigenschaft Gottes. Jedes Bild ist eine Einladung, Gott auf eine bestimmte Weise zu begegnen. Jesaja erkennt Gott in einer stillenden Mutter. An ihrer Brust findet das Kind Trost und Nahrung. Liebevoll ruht ihr Blick auf dem Gesicht ihres Säuglings. Das Baby schmatzt mit genussvoll geschlossenen Augen und hat in diesem Moment alles, was es braucht. Hier ist kein Mangel, hier ist umfassende Geborgenheit und zärtliche Nähe. Wie wäre es, sich Gott – wenigstens ab und zu – genauso vorzustellen? Gut biblisch auf alle Fälle…

In der Gottesdienst-Hotline meiner Kollegin ruft eine ältere Frau an. Sie möchte sich bedanken, vor allem für den schönen Segen. Oft, sagt sie, habe sie das Gefühl, in der Kirche gehe es um einen Gott, der ihr und ihrem Erleben fremd ist. „Aber heute habe ich gespürt: Gott ist viel mehr. Gott hat auch eine weibliche Seite – und die ist mir ganz nah. Das habe ich heute gebraucht.“

Biblischer Text,
Jesaja 66,10–14 (Luther 2017)
Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Dorothee Beckermann