Augen auf!

Andacht für den Sonntag Okuli
Blaue Augen schauen geradewegs in die Kamera.
Bild: canva/hiphotos35

Die Autorin

Eine Frau mit blonden Haaren.
Bild: privat
Pastorin Bianca Reineke ist Dozentin für Berufsbildende Schulen und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am RPI Loccum.

Augen auf!

In meiner Zeit als Schulpastorin verdrehten so manche Schülerinnen und Schüler die Augen, wenn es um Jesus ging. Der Typ sei doch uninteressant. Vorhersehbar und langweilig. Jesus sei doch weichgespült, lieb, mit Sandalen unterwegs, völlig daneben. Ob ich damals mit dem Predigttext für heute gekontert habe, weiß ich nicht mehr.

Ich konnte dagegenhalten und die Faszination für einen anderen Jesus wecken. Klar, das Bild kennt jeder: Jesus im weißen Gewand, Arme geöffnet, mit Heiligenschein. Schafe trotten hinter ihm her. Unterwegs in Liebe, Freundlichkeit und Vergebung und erfüllt von Gottes Gegenwart. Das ist auch alles richtig und schön. Gerade jetzt. Aber das ist nur die halbe Wahrheit.

Jesus war revolutionär, er war radikal und er war unfassbar mutig. Er liebte die Menschen, vor allem die, die unten waren und die er mit seiner Liebe in die Mitte der Gesellschaft hob, weil er ihnen Würde gab. Damit trat er den Mächtigen auf die Füße und zerstörte die gut gehüteten Hierarchien, die diese ungerechte Weltordnung in einer kaltherzigen Balance hielten. Das war gefährlich. Es hat Jesus letztlich das Leben gekostet. Er sollte ausgeschaltet werden, weil er unbequem war. Niemand hatte damit gerechnet, dass er von den Toten auferstehen würde, dass seine Jünger bleiben und dass daraus die größte Weltreligion entstehen würde.

Jesus war konsequent, überraschend und auch fordernd. „Folge mir nach!“, sagt er klar und deutlich. Er erwartete alles von denen, die ihm nah sein wollten. „Lass die Toten ihre Toten begraben.“ Schau nicht zurück, schau nach vorne. Nur so kann das Reich Gottes kommen. Das klingt sehr schwer. Das sind harte Worte. Schon seine Zeitgenossen sind daran fast verzweifelt. Und wir heute? Oh ja, das gilt auch für uns. Auch wir sollen nach vorne sehen und nicht zurück. Zu Trauer, Enttäuschung und Wut z. B. über den Bedeutungsverlust der Kirche sagt Jesus ‚Folge mir nach’. ‚Lass sie hinter dir, die sorgenvollen Gedanken. Heb’ den Kopf und baue weiter am Reich Gottes. Lass trübe Stimmung, schlechte Zahlen und Zweifel zurück. Geh mit mir nach vorne.‘

Denn nur wer nach vorne schaut, sieht das Positive. Nur wer den Blick öffnet, geht mutig weiter, ohne zurückzusehen. Dieser Sonntag heißt Okuli (Augen). Wie passend! Halten wir unsere Augen weit offen, damit wir klar sehen und nach vorne blicken, auch wenn das nicht immer leicht ist. Dann können wir die Kirche Jesu Christi und das Reich Gottes eines Tages wirklich erreichen. Nicht weichgespült. Sondern mit klarem Blick. Stark, mutig und revolutionär. So wie der, der vor uns geht!

Amen.

Biblischer Text,
Lukas 9, 57-62
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Bianca Reineke