Seelsorge zwischen Pfarrhaus und Instagram

Ina Jäckel schreibt Buch über Alltagschaos einer Pastorin
Eine als Frau lesbare Person hockt im Talar in einer Kirche
Bild: epd/Britta Brüling

Rund 84.000 Menschen folgen der ostfriesischen Pastorin Ina Jäckel auf Instagram. In ihrem Pfarrhaus verbindet die vierfache Mutter Gemeindearbeit, digitale Seelsorge und Familienalltag. Darüber berichtet sie nun in ihrem ersten Buch.

Info

Buchcover mit dem Titel: Der Sinn wohnt neben dem Chaos; abgebildet ist eine als Frau lesbare Person im Talar
Bild: Rowohlt Verlag
Ina Jäckel: Der Sinn wohnt neben dem Chaos, Rowohlt Verlag 2026, 228 Seiten, 14 Euro, ISBN 978-3-499-01871-8

Leer. Die Sonne strahlt in das helle Büro von Ina Jäckel. Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kekse zwischen allerlei Krimskrams. Ina Jäckel trägt eine Jeansjacke und einen Rock mit Leoparden-Print. Die 41-Jährige wirkt fröhlich und offen, während sie von ihrem Alltag zwischen Kanzel, Seelsorge, Familie und Smartphone erzählt.

Jäckel ist evangelisch-lutherische Pastorin in der Friedenskirche im ostfriesischen Loga, einem Stadtteil von Leer. Doch ihr Wirkungskreis reicht weit über die Kirchengemeinde hinaus: Fast 84.000 Menschen folgen ihr als „dingens.von.kirchen“ auf Instagram. Ihre täglichen Einblicke in den Alltag erreichen rund 15.000 Aufrufe. Mit dem Begriff Influencerin hadert sie allerdings. „Ich mag das Wort nicht“, sagt Jäckel. „Wenn ich das selber beschreiben müsste, wäre mir Impulsgeberin lieber.“

Ihr Social-Media-Kanal ist vor allem ein digitaler Seelsorgeraum. Bis zu 400 Direktnachrichten erreichen die Pastorin an manchen Tagen. Die Themen reichen von Geburten und Hochzeiten bis zu Trauerfällen und Einsamkeit. „Die ganze Ausrichtung dieses Accounts ist eigentlich seelsorglich“, sagt Jäckel. „Ich zeige erstmal, was ich hier eigentlich so mache. Aber die Zielrichtung ist, Menschen wirklich zu erreichen und da abzuholen, wo sie stehen.“

Seelsorge im digitalen Raum

Denn das digitale Angebot senke für viele die Hemmschwelle, Kontakt aufzunehmen. Oft verlege sie die Chats in geschützte digitale Räume, wo die Vertraulichkeit gewahrt bleibe, sagt Jäckel. Der Vorteil liege in der Unmittelbarkeit: „Ich muss nicht einen Termin irgendwo buchen und sagen, ich habe jetzt ein seelsorgliches Gespräch.“

Doch es gebe auch Grenzen bei der digitalen Begleitung. „Es gibt einfach Dinge, die lassen sich seelsorglich nicht lösen.“ In solchen Fällen verweise sie an professionelle psychologische Beratungsstellen: „Denn ich bin weder Therapeutin noch Psychologin.“ Zudem brauche auch ihre eigene Verfügbarkeit Grenzen, denn irgendwann müsse auch sie schlafen.

Neben der Gemeindearbeit und den sozialen Netzwerken bestimmt die Familie den Alltag der vierfachen Mutter. Ihre Töchter sind zwischen sieben und 15 Jahren alt. Mehr Perfektion im Haushalt wäre wünschenswert, aber: „Morgens ist generell zuerst Chaos“, sagt Jäckel über den täglichen Ablauf mit Brotdosen, Schulranzen und Schlichtung kleiner Krisen. „Es geht allen so, dass das wahnsinnig anstrengend ist, sich in diesem ganzen Geflecht irgendwie zurechtzufinden.“

Alltag verbindet Sinn und Chaos

Aus genau diesen Erfahrungen heraus ist ihr Buch „Der Sinn wohnt neben dem Chaos“ entstanden, das jetzt erschienen ist. Darin verarbeitet Jäckel persönliche Geschichten und Erlebnisse aus Beruf und Familienleben. „Das ist kein klassischer Ratgeber“, sagt sie. Eher ein Alltagsbegleiter mit insgesamt 19 humorvoll und nachdenklich geschriebenen Geschichten zwischen Gummistiefeln, Hausaufgaben und Beerdigungen. „Geschichten, die nicht immer gut ausgehen und in denen das Leben so unperfekt ist, wie es eben ist.“

Es geht um die großen Themen des Lebens: um Liebe, Freundschaft, Selbstliebe, Nächstenliebe, Kontrolle, Vertrauen. „All die Dinge, über die wir nachdenken, wenn wir nachts nicht schlafen können.“ Die Geschichten und Anekdoten erzählen von Begegnungen, Momenten und Erkenntnissen aus ihrem Alltag als Mutter, als Pastorin, als Mensch. Sie sollen zum Lachen und zum Nachdenken anregen und das Gefühl vermitteln: „Ja, genau so ist das manchmal. Nicht perfekt, nicht glatt gebügelt, sondern wie im echten Leben: chaotisch, lustig und tiefgründig.“

Manchmal muss die Wäsche eben warten

Bleibt die Frage, was denn der Sinn ist, der da auf dem Buchtitel neben dem Chaos wohnt. Jäckel denkt kurz nach und sagt: „Wir können den Sinn nicht in einer vermeintlich perfekten Ordnung suchen, sondern mitten im Alltag. Viele Menschen warten darauf, dass sich das Chaos legt, um endlich anfangen zu können zu leben.“ Doch das sei ein Trugschluss.

„Wir können unser Leben nicht erst vollständig im Griff haben“, sagt die Pastorin. „Nicht dann ist es sinnvoll, sondern vorher, mit all dem Chaos.“ Sinn sei für sie das Gefühl, im Moment ganz da und mit sich selbst richtig zu sein. Getragen von Gott – auch wenn die Wäscheberge warten.

Jörg Nielsen (epd)