Demokratieforscher: AfD versucht Normalität zu inszenieren

Eine jüngere als Mann lesbare Person mit Brille und braunen Haaren.
Bild: IfDem

In Niedersachsen wirbt die AfD mit Plakaten, die Kandidaten vor Kirchen zeigen. Demokratieforscher Alexander Hensel zufolge will sich die Partei damit als Teil der örtlichen Gemeinschaft inszenieren – entgegen der Einstufung als rechtsextremistisch.

Göttingen. In Niedersachsen wirbt die AfD vereinzelt mit Plakaten, die neben Kandidaten im Hintergrund auch Kirchengebäude zeigen. Der Göttinger Demokratieforscher Alexander Hensel sieht dies als Teil einer strategischen Selbstinszenierung der Partei. „Die AfD bemüht sich um Normalisierung“, sagte der Wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Göttingen im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Sie versucht, einen Gegenpol zur behördlichen Einschätzung als rechtsextremistisch zu setzen.“

Ähnliche Plakate und Werbemittel habe es auch schon bei früheren Kommunalwahlen gegeben, meist in eher ländlichen Regionen, erläuterte der Wissenschaftler, zu dessen Forschungsschwerpunkten die AfD gehört. „Sie tauchten vor allem in ländlichen Gegenden auf, wo Kirchen in Dörfern und Kleinstädten oftmals noch zentraler Teil des Alltagslebens sind.“ Bilder von AfD-Kandidaten vor Kirchen und historischen Dorfgebäuden sollten vermitteln, dass die Partei und ihr Personal zum Leben vor Ort dazugehörten und dort verwurzelt seien.

„Strategie des Lokalismus“

In anderen europäischen Ländern gebe es diese Strategie des Lokalismus ebenfalls, erläuterte Hensel. In Frankreich habe sie zur Etablierung des rechtsnationalen Rassemblement National auf lokaler Ebene beigetragen.

Die Kirchturm-Plakate seien zudem ein strategisches Mittel im Wahlkampf. Ohne die Kirche politisch offensiv anzugreifen, wie es etwa im Wahlkampf der AfD-Sachsen-Anhalt zu beobachten sei, würden Kirchenvertreter so zu einer öffentlichen Reaktion und Distanzierung gedrängt, über die Medien dann berichteten. Damit verschafften sie der Partei ungewollt zusätzliche Aufmerksamkeit, erläuterte Hensel.

Kirchen gehen auf Distanz

Für die Kirchen bedeute das ein Dilemma. Die evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen hatten sich in einer Kampagne mit Blick auf die Kommunalwahlen öffentlich deutlich von der AfD abgegrenzt. Positionen der Partei widersprechen aus ihrer Sicht dem christlichen Bekenntnis.

Auch wenn es der AfD in östlichen Bundesländern zunehmend gelungen sei, sich als Teil der lokalen Kultur und Zivilgesellschaft darzustellen, sollte jedoch in einzelne Plakate in Niedersachsen nicht zu viel hineininterpretiert werden, sagte Hensel. Viele Bürger würden die Kirchengebäude auf den Werbemitteln vermutlich ohnehin nicht als Unterstützung der Kirchen für die Partei wahrnehmen.

Kirchengebäude auf AfD-Wahlplakaten: Gemeinden distanzieren sich

Hannover. Mehrere Kirchengemeinden in Niedersachsen haben sich von einer AfD-Werbung für die Kommunalwahlen mit Kirchengebäuden distanziert. „Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass die politische Einstellung der 'Alternative für Deutschland' und der christliche Glaube für uns nicht miteinander vereinbar sind“, heißt es zum Beispiel auf der Homepage des evangelischen Kirchenkreises Bramsche bei Osnabrück. Dort sei aufgefallen, dass auf Wahlplakaten der AfD Kirchengebäude aus dem Kirchenkreis und dem Nachbarkirchenkreis abgebildet waren, erläuterte Kirchenkreissprecher Kai Rolf dem Evangelischen Pressedienst (epd).

„Wir wollen ganz klar deutlich machen, dass das nicht abgesprochen ist“, betonte Rolf. Die Stellungnahme kritisiert die Vereinnahmung kirchlicher Orte und Symbole für Werbung einer politischen Partei, deren Ziele den eigenen Überzeugungen diametral entgegenstünden. Der Kirchenkreis verweist zudem auf eine Erklärung „für Demokratie und Menschenwürde“ der evangelischen Kirchen in Niedersachsen und Bremen aus dem Mai, in der sich diese ebenfalls deutlich von der AfD abgrenzen.

Markante öffentliche Gebäude

Laut AfD-Kreisverband Osnabrück-Land wurden die Kirchen dagegen ausschließlich gewählt, um einen regionalen Bezug zur jeweiligen Ortschaft herzustellen. „Vergleichbar hätte hierfür auch ein Rathaus, eine historische Mühle oder ein anderes markantes örtliches Gebäude verwendet werden können“, sagte der stellvertretende Vorsitzende Adrian Maxhuni dem epd. Der Eindruck, die jeweilige Kirchengemeinde unterstütze die Partei oder einzelne Kandidaten, sei nicht beabsichtigt.

Dem hannoverschen Landeskirchenamt der größten evangelischen Landeskirche in Niedersachsen sind laut Sprecherin Rebekka Neander gegenwärtig rund ein halbes Dutzend Fälle bekannt, in denen örtliche Kirchgebäude auf Wahlplakaten der AfD abgebildet worden sind. Die Landeskirche empfiehlt Neander zufolge ihren Kirchengemeinden, sich von der Verwendung kirchlicher Fotomotive durch die AfD zu distanzieren.

Ähnlich wie der Kirchenkreis Bramsche haben dies etwa auch die Kirchengemeinden Klein Hehlen und Altencelle in Celle auf ihren Homepages getan. „Was die Menschen aus unserem Stadtteil betrifft, ist mit dem Distanzierungs-Hinweis alles hinreichend zum Ausdruck gebracht, was uns wichtig ist“, sagte der Klein Hehlener Pastor Frank Tiss dem epd. Es herrsche darüber hinaus Konsens, dem Ganzen „keine weitere Bühne“ mehr geben zu wollen.

epd Niedersachsen-Bremen