„Kirche und Bildungsangebote gehören untrennbar zusammen“
Hannover. Die Wuppertaler Pfarrerin Dr. Claudia Andrews (55) hat zum 1. August 2026 die Leitung und Geschäftsführung der Evangelischen Erwachsenenbildung (EEB) Niedersachsen übernommen. Im Interview spricht Sie über besonders gefragte Bildungsangebote und ihre Pläne für die Zukunft.
Die Evangelische Erwachsenenbildung Niedersachsen ist mit der Geschäftsstelle in Hannover und neun Regionalstellen flächendeckend in Niedersachsen vertreten. Warum betreibt die Kirche so eine Einrichtung?
Claudia Andrews: Kirche und Bildungsangebote gehören untrennbar zusammen: Die Kirchen haben den Auftrag davon zu erzählen und Interesse dafür zu wecken, was die Bestimmung der Menschen im Sinne Gottes ist. Es geht unter anderem um die Vermittlung von Freude am Entdecken der eigenen Persönlichkeit, eigener Urteilsfähigkeit sowie an verantwortlichen Gestaltungsmöglichkeiten im gesellschaftlichen Miteinander. Kirchen sind daher Träger von Kindertagesstätten, Schulen, Fach- und Hochschulen sowie der Erwachsenenbildung und begleiten die Bildungsbiografien von Menschen ein Leben lang. Mit der Trägerschaft von Bildungseinrichtungen nehmen die Kirchen Verantwortung in der Gesellschaft wahr.
Was unterscheidet die EEB beispielsweise von den Volkshochschulen?
Andrews: Zunächst einmal sind wir unterschiedlich organisiert: Volkshochschulen sind kommunal verankert. Die EEB Niedersachsen ist dagegen eine von sieben Landeseinrichtungen der öffentlich anerkannten Erwachsenenbildung in Niedersachsen. Diese Landeseinrichtungen haben unterschiedliche Träger, Profile und zum Teil auch unterschiedliche Zielgruppen und Schwerpunkte. Die EEB ist in Trägerschaft der Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen und arbeitet mit ihrer Geschäftsstelle in Hannover, neun Regionalstellen sowie einem großen Netz von Kooperationspartnern landesweit.
Mit den individuellen Profilen der Bildungsträger verbinden sich auch unterschiedliche Perspektiven auf Bildung. Vereinfacht gesagt: Volkshochschulen entwickeln ihr breites Angebot stark aus Themen und Bildungsbedarfen heraus. Für die EEB kommt aufgrund ihres evangelischen Profils eine ausdrücklich werte- und normenorientierte Perspektive hinzu. Wir betrachten Themen deshalb nicht nur fachlich, sondern auch mit Blick darauf, was sie für unser Zusammenleben, für Gerechtigkeit, Teilhabe und den Umgang miteinander bedeuten. Diese Perspektive begründet die EEB auch theologisch: Die Begleitung von Menschen auf ihren individuellen Bildungswegen ist zum Beispiel Ausdruck vom Versprechen des Mit-Seins Gottes bei uns Menschen. Die Übernahme ethischer Verantwortung in der Gestaltung von Welt und Gesellschaft begründet sich für die EEB theologisch zum Beispiel im Auftrag Gottes an die Menschen zur Bewahrung der Schöpfung, von Frieden und Gerechtigkeit.
Wann sind Sie selbst zum ersten Mal mit der EEB in Berührung gekommen?
Andrews: Das kann ich gar nicht datieren. Als Freundin lebenslangen Lernens habe ich Angebote evangelischer Erwachsenenbildung gefühlt schon immer wahrgenommen, unabhängig davon, wo ich grade gelebt habe: in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hessen oder Niedersachsen: Die EEB ist ja eine bundesweit aufgestellte, starke Marke.
Wie viele Menschen erreichen Sie mit Ihren Angeboten?
Andrews: Mit den von der EEB verantworteten Bildungsangeboten werden jährlich insgesamt rund 50.000 Teilnahmen erfasst. Dahinter steht eine große Bandbreite an Formaten: von Tagesveranstaltungen und Seminaren über regelmäßig stattfindende Kurse bis hin zu Zertifikatskursen und digitalen Angeboten. Nicht alle Veranstaltungen organisieren wir selbst. Ein wichtiger Teil unserer Bildungsarbeit entsteht gemeinsam mit unseren zahlreichen Kooperationspartnern vor Ort, deren Arbeit wir pädagogisch und organisatorisch begleiten und in die öffentlich geförderte Erwachsenenbildung einbringen. Die Zahl 50.000 zeigt deshalb auch, wie breit die EEB in Niedersachsen verankert ist und auf wie unterschiedlichen Wegen wir Menschen mit Erwachsenenbildung erreichen.
Darf jede und jeder zu Ihnen kommen?
Andrews: Ja! Die Angebote der Evangelischen Erwachsenenbildung richten sich an alle Menschen in unserem Land. Wer teilnehmen will, ist willkommen, unabhängig von seiner oder ihrer kulturellen, nationalen und religiösen Herkunft.
Welche Themen werden am häufigsten nachgefragt?
Andrews: Unsere Themen sind sehr breit gefächert. Wenn wir auf den Anteil der Unterrichtsstunden schauen, bilden derzeit die Bereiche Sprachen und Integration sowie Familie, Generationen und Lebensformen besonders große Schwerpunkte unserer Arbeit. Auch Arbeit, Beruf und Ehrenamt sowie Gesundheit nehmen einen großen Raum ein.
Darin zeigt sich sehr gut unser Verständnis lebensbegleitender Bildung: Wir begleiten Menschen dort, wo sie sich persönlich, beruflich oder gesellschaftlich weiterentwickeln wollen und mit Veränderungen umgehen müssen. Gleichzeitig sagen die reinen Zahlen nicht alles über die Bedeutung einzelner Themen aus. Auch Religion, Kirche und Ethik, Kultur, politische Bildung sowie der Bereich Grundbildung gehören wesentlich zum Profil der EEB.
Welche Inhalte und Angebote werden aus Ihrer Sicht künftig besonders wichtig sein?
Andrews: Angebote, die Menschen darin stärken und befähigen, die großen gesellschaftlichen Transformationsprozesse unserer Gesellschaft gut zu bewältigen. Dazu gehören für mich zum Beispiel Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der Demokratie, der Digitalisierung, Veränderungen in Arbeitswelt und Lebensformen oder auch der Integration. Daher ist es wichtig, dass die EEB im Bereich der beruflichen, allgemeinen, kulturellen und politischen Bildung thematisch weiterhin breit aufgestellt ist.
Sie sind seit dem 1. August im Amt. Was werden Ihre ersten Schritte sein?
Andrews: Am Anfang steht das große Kennenlernen: von Mitarbeitenden, Verantwortlichen im Bereich der Träger, von Netzwerken mit Kooperationspartnern und den anderen Bildungsträgern im Land, von Themen, Abläufen, Verfahren und Rhythmen des Bereichs der Erwachsenenbildung. Daraus ergibt sich dann alles Weitere. In Kontakt zu so vielen neuen Menschen zu treten macht mir Spaß. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit anderen Verantwortung zu übernehmen, damit die EEB auch in Zukunft ein starker und verlässlicher Bildungspartner für die Menschen und das Land Niedersachsen ist.