Experte: Kita-Pflicht würde Vertrauensverhältnis zu Eltern belasten

Kinder spielen mit Bauklötzen.
Bild: Ksenia Chernaya/Pexels

In einigen Bundesländern wird über ein verpflichtendes Kita-Jahr diskutiert. Dadurch soll die Zahl der Kinder, die sprachliche und weitere Defizite bei der Einschulung aufweisen, reduziert werden. Experten äußern Skepsis.

Hannover, Osnabrück. Bildungsexperten beurteilen die zunehmenden Forderungen nach einem verpflichtenden Kindergartenjahr skeptisch. Die Diskussion über die Kita-Pflicht im letzten Jahr vor der Einschulung greife zu kurz, sagte der Referent für Kindertagesbetreuung beim Paritätischen Gesamtverband in Berlin, Niels Espenhorst, dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Wir wissen aus der Bildungsverlaufsforschung, dass das Jahr vor der Schule gar nicht das entscheidende ist, sondern dass es sinnvoll ist, wenn die Bildungsbeteiligung der Kinder möglichst früh beginnt.“

Deshalb müssten die Anstrengungen darauf gerichtet werden, dass möglichst viele Kinder möglichst früh eine Kita besuchen, forderte Espenhorst. Eine Kindergarten-Pflicht, die letztlich vom Kita-Personal kontrolliert und sanktioniert werden müsse, sei kontraproduktiv. Pflichten und Zwänge würden die auf Vertrauen beruhende Erziehungspartnerschaft zwischen Fachkräften und Eltern belasten.

Fachkräftemangel steht Pflichtjahr entgegen

In mehreren Bundesländern, darunter auch Niedersachsen, wird aktuell über ein Kita-Pflichtjahr diskutiert. In Baden-Württemberg hat die schwarz-grüne Landesregierung dafür bereits konkrete Pläne. In den niedersächsischen Kitas lag die Betreuungsquote für Drei- bis Sechsjährige im März 2025 nach Angaben des Kultusministeriums bei 94,7 Prozent. Ministerin Julia Willie Hamburg (Grüne) sagte, sie halte ein Kita-Pflichtjahr zwar für sinnvoll. Angesichts des Fachkräftemangels sei es aber derzeit nicht umsetzbar.

Aus Sicht von Hans-Joachim Lenke, Vorstandssprecher der Diakonie in Niedersachsen, könnte ein verpflichtendes Kita-Jahr vor der Einschulung einen wichtigen Beitrag für mehr Chancengerechtigkeit leisten. „Insbesondere Kinder, die bislang keinen Zugang zu einer Kindertagesstätte hatten, würden dadurch erreicht“, sagte Lenke. Allerdings müssten dafür zwingend zusätzliche personelle Ressourcen geschaffen werden.

Kita-Pflicht verstößt gegen die Verfassung

Der stellvertretende Geschäftsführer des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) mit Hauptsitz in Osnabrück, Karsten Herrmann, hält eine zeitnahe Einführung einer Kita-Pflicht für nicht realistisch. Verfassungsrechtlich stehe dem das elterliche Erziehungsrecht entgegen. Zudem werde ein Pflichtjahr kaum finanzierbar sein.

Studien belegen laut Herrmann, dass der Kita-Besuch gerade für Kinder aus benachteiligten Lebenslagen große kompensatorische Effekte habe. Dies gelte allerdings nur bei einer qualitativ guten Betreuung über mehrere Jahre. Bundesweit würden etwa fünf Prozent der Fünf- und Sechsjährigen nicht in einer Kita betreut. Darunter seien vor allem Kinder aus Migrantenfamilien. Gründe dafür seien vor allem mangelnde Informationen über das deutsche Kita-System, fehlende Plätze in den jeweiligen Quartieren, zu hohe Kosten und auch eine strukturelle Diskriminierung bei der Platzvergabe.

Der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen lehnt ein verpflichtendes Kita-Jahr ab. Entwicklungs- und Sprachdefizite, die über mehrere Jahre entstanden seien, könnten im letzten Kita-Jahr nicht mehr vollständig aufgeholt werden, erklärte die Vorstandsvorsitzende Melanie Krause. Der Verband fordert stattdessen eine aufsuchende Familienarbeit und frühzeitige Elternberatung in verschiedenen Sprachen, um möglichst alle Kinder frühzeitig in die Kitas zu bringen. Zudem müssten die Fachkraft-Kind-Relation verbessert und eine langfristige Strategie zur Gewinnung und Bindung qualifizierter Fachkräfte entwickelt werden.

Rechtsanspruch nicht gedeckt

Niels Espenhorst vom Paritätischen betonte, derzeit könne vor allem im Westen Deutschlands noch nicht einmal allen Eltern, die dies wollten, ein Kita-Platz für ihr Kind zur Verfügung gestellt werden. „Bevor wir über eine Pflicht reden, müsste erst einmal der Rechtsanspruch auf einen Kita-Besuch gedeckt sein“, betonte der Experte. Angesichts sinkender Geburtenraten könnte sich die Situation in den Kitas allerdings bald entspannen. Dann werde es darauf ankommen, dass die Kommunen die Betreuungsqualität verbesserten.

Das nifbe-Institut sieht vor allem im Ausbau der Kitas zu Familienzentren eine wichtige Strategie, um alle Eltern zu erreichen. „Wir fordern seit Jahren vom Land Niedersachsen ein entsprechendes Förderprogramm“, sagte Karsten Herrmann.

epd Landesdienst Niedersachsen-Bremen