Im neuen Schuljahr wird in Niedersachsen erstmals das neue Schulfach „Christliche Religion“ unterrichtet. Der Religionspädagoge Andreas Kubik-Boltres nimmt den Lehrplan gegen konservative Kritiker in Schutz.
Osnabrück. Der evangelische Theologieprofessor Andreas Kubik-Boltres hat den Lehrplan des neuen niedersächsischen Schulfachs „Christliche Religion“ gegen konservative Kritik verteidigt. Er könne zwar nachvollziehen, dass sich traditionellere kirchliche Gruppen eine stärkere Gewichtung christlicher Inhalte gewünscht hätten, sagte der Religionspädagoge von der Universität Osnabrück dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Ich halte das Curriculum aber insgesamt für gelungen und zeitgemäß.“
Das Angebot richtet sich an evangelische und katholische Schüler und soll in Niedersachsen künftig den konfessionell getrennten Religionsunterricht ersetzen. Das neue Fach wird von August an zunächst in den Klassen 1 und 5 unterrichtet.
Herr Professor Kubik-Boltres, warum brauchen wir überhaupt einen neuen Religionsunterricht?
Andreas Kubik-Boltres: Vielerorts tun sich die Schulen schwer, evangelischen und katholischen Religionsunterricht verlässlich anzubieten, weil nicht überall genug Schüler beides nachfragen. Die Schülerschaft ist heterogener geworden. Für mich gehört das neue Schulfach zu der Suche nach gut begründeten Wegen, wie religiöse Bildung in einer demokratischen und pluraler werdenden Gesellschaft stattfinden kann.
Der Verband der katholischen Religionslehrkräfte an Gymnasien im Bistum Hildesheim hat kritisiert, dass zentrale christliche Inhalte, etwa zu Jesus Christus oder zur Gotteslehre, im Lehrplan zu kurz kommen. Ist diese Kritik berechtigt?
Kubik-Boltres: Die Lehrpläne für Religionsunterricht werden stets um zwei Pole gestaltet. Das eine ist die christliche Lehre, das andere sind die Interessen von Schülerinnen und Schülern sowie gesellschaftliche Orientierungsbedarfe. Die grundlegende religionspädagogische Idee besteht darin, beides so aufeinander zu beziehen, dass es sich gegenseitig erklärt. Ich kann zwar nachvollziehen, dass sich traditionellere kirchliche Gruppen eine andere Gewichtung gewünscht hätten. Ich halte das Curriculum aber insgesamt für gelungen und zeitgemäß.
Das neue Fach gewichtet gesellschaftliche und interreligiöse Perspektiven zwar stärker als bisherige Lehrpläne, im Vergleich zum bisherigen Religionsunterricht ist der Schritt aber klein. Seit mehr als fünfzig Jahren findet bereits eine allmähliche Gewichtsverlagerung in den Lehrplänen hin zum gesellschaftlichen Pol statt. Deshalb ist auch die Kritik nicht neu, der Religionsunterricht laufe Gefahr, sich in ein unverbindliches Reden über gesellschaftliche Fragen auszulösen. Aber der neue Lehrplan ist weiterhin klar als Lehrplan für christliche Religion erkennbar.
Konservative Christen beklagen einen allgemeinen Niedergang der Frömmigkeit und des Wissens um das Christentum. Sie wünschen sich mehr Verbindlichkeit. Finden diese Stimmen Gehör?
Kubik-Boltres: Die Inhalte des Schulfachs „Christliche Religion“ werden von den katholischen Bistümern und evangelischen Landeskirchen in Niedersachsen gemeinsam verantwortet. Die Debatte müsste deshalb innerhalb der Kirchen geführt werden. Nun kann man natürlich für konservative Anliegen eintreten, damit ist man aber heute in den Kirchen in der Minderheit. Diese entscheiden daher eher in die andere Richtung.
Die „Bild“-Zeitung hat nach der Vorstellung des Lehrplans getitelt: „Weniger Jesus, dafür mehr Scharia und Klima“. Was halten Sie davon?
Kubik-Boltres: Das Interesse an Jesus ist bei der „Bild“ natürlich vorgeschoben. In diesem Bericht ging es offenbar darum, kulturkämpferische Talking Points wie Anti-Gender, Anti-Klima und Anti-Islam zu bedienen. Über diese Themen muss man aber theologisch diskutieren: Denn wie sich die Kirchen zu Inklusion und Umweltfragen heute positionieren, dafür gibt es gute theologische Gründe. Und natürlich gehört es zu zeitgemäßer religiöser Bildung, dass Kinder in der Schule lernen, was die Scharia ist.
Wie schätzen Sie das Interesse von Schülerinnen und Schülern am christlichen Glauben ein?
Kubik-Boltres: Familien sind heutzutage zurückhaltender mit der religiösen Sozialisation. Auch Kirchengemeinden sind in Zeiten hoher Kirchenaustrittszahlen nicht mehr die Orte, an denen alle Kinder mit dem christlichen Glauben verlässlich in Berührung kommen. Die Bedeutung des Religionsunterrichts für die religiöse Bildung hat deshalb enorm zugenommen.
Schülerinnen und Schüler sind durchaus aufgeschlossen für religiöse Fragen, ich würde es als Interesse an Religion in Halbdistanz bezeichnen. Diesem Interesse entspricht der Religionsunterricht in guter Weise - weil man sich erprobend und reflektierend frei zu Glaubensinhalten verhalten kann. Einen Unterricht, der rein Bibel und Katechismus vermitteln wollte, würden Kinder und Jugendliche nicht mehr akzeptieren. Sie hätten da das Gefühl: „Das hat mit meinem Leben nichts zu tun“.