Am 23. Mai wird das deutsche Grundgesetz 77 Jahre alt. Doch Extremismus und wachsende Polarisierungen in der Gesellschaft lassen die Basis der Demokratie erodieren. Der Theologe Ralph Charbonnier sieht die Christen in der Pflicht zum Gegensteuern.
Hannover. Angesichts wachsender gesellschaftlicher Polarisierungen hält es der evangelische Theologe und Ethik-Experte Ralph Charbonnier für dringend geboten, dass Christen das Verbindende suchen und für den Erhalt der Demokratie eintreten. „Christinnen und Christen sollten aus ihrem Glauben heraus die Bedeutung der Grundrechte und des Grundgesetzes hervorheben“, sagte Charbonnier dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit Blick auf den 77. Geburtstag des Grundgesetzes am 23. Mai.
Es gehe darum, Vertrauen in demokratische und rechtsstaatliche Verfahren zu stärken, Räume für faire und empathische Diskussionen zu schaffen und so Verständigung über Gräben hinweg zu ermöglichen. Charbonnier ist Theologischer Vizepräsident des evangelischen Landeskirchenamtes in Hannover und Mitverfasser eines Grundlagenpapiers der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) zur Demokratie.
Demokratie scheint bedroht
„Wir erleben die Demokratie als bedroht“, sagte der Ethik-Experte. „Gleichzeitig sehen wir in ihr eine Staatsform, die zentralen ethischen Zielen des christlichen Glaubens entspricht.“ Als Beispiel nannte der Theologe die Menschenwürde. „Das Grundgesetz schützt die Würde aller Menschen – unabhängig von Herkunft, religiöser und politischer Anschauungen oder sexueller Orientierung. Das entspricht unserem christlichen Verständnis der Achtung eines jeden Menschen als Ebenbild Gottes.“
Wer sich islamfeindlich, rassistisch, homophob, antisemitisch oder auf andere Weise menschenverachtend äußere, könne daher kein Leitungsamt in der evangelischen Kirche ausüben, betonte Charbonnier. „Das gilt für Ehrenamtliche wie für beruflich Mitarbeitende.“
Relativierung der Macht
Aus Sicht der Kirchen sei die Demokratie die „beste Staatsform für unsere Zeit“, betonte Charbonnier. Sie ermögliche es besonders gut, zentrale Werte für das Zusammenleben zu sichern. Keine Person und keine Partei besitze die absolute Wahrheit. Wer dies behaupte und andere Positionen verächtlich mache, verschärfe die Polarisierung.
Um Polarisierungen abzubauen, brauche es Verfahren wie parlamentarische Debatten, faire Rede und Gegenrede sowie freie Wahlen. „Wer politische Macht erhalten will oder anstrebt, muss dies mit dem besseren Argument begründen. Dieses Relativieren von Macht ist eine fundamentale Stärke der Demokratie – und aus christlicher Sicht unterstützenswert.“
Kirchliche Lerngeschichte
Die evangelischen Kirchen hätten in diesem Punkt eine „Lerngeschichte“ durchlaufen, sagte der Theologe: Die Geschichte der Reformation und Gegenreformation, der Konfessionskriege und des jahrhundertelangen Bündnisses von Thron und Altar habe gezeigt, dass Staat und Kirche getrennt werden müssten. „Wo sich der Staat religiös legitimiert und die Kirche mit staatlicher Macht verbunden ist, werden beide ihren Aufgaben nicht gerecht.“
Der Staat müsse gleiche Rechte für Menschen aller Religionen und für Nichtgläubige garantieren. Und die Kirche müsse unabhängig vom Staat „aus dem Evangelium heraus sprechen“ können – auch zu ethisch wichtigen Fragen der Politik.