Rund 670.000 Menschen in Niedersachsen und Bremen sind pflegebedürftig – und es werden immer mehr. Zum Tag der Pflegenden fordern Sozialverbände zusätzliche Unterstützung für die Angehörigen, die oft an der Grenze zur Überlastung seien.
Hannover, Oldenburg. Anlässlich des Tags der Pflegenden am 12. Mai fordern Sozialverbände in Niedersachsen und Bremen mehr Unterstützung für pflegende Angehörige und beruflich Pflegende. „Tausende pflegende Angehörige sind am Limit“, sagte der Landesvorsitzende des Verbandes VdK Niedersachsen-Bremen, Friedrich Stubbe, am Montag in Oldenburg.
Viele hätten ihre Erwerbsarbeit reduziert oder ganz aufgegeben, um Angehörige zu pflegen. Häufig gerate dabei auch die eigene Gesundheit in den Hintergrund. Zugleich wachse die Zahl der Menschen, die Pflege benötigen, beständig. Wenn die Politik die Probleme ignoriere, drohe ein „Pflege-Abgrund“.
Warnung vor finanziellen Einschnitten
Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege warnte vor finanziellen Einschnitten für Pflegebedürftige, Angehörige, Anbieter und Pflegekräfte. Zwar sei eine Reform der Pflegefinanzierung dringend notwendig, sagte ihr Vorsitzender Hans-Joachim Lenke vom Diakonischen Werk. Die bisherigen Reformvorschläge hätten jedoch eine „soziale Unwucht, die nicht akzeptabel ist“.
Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) schlug Lenke zudem vor, eine Neuorganisation bei den ambulanten Pflegediensten in den Blick zu nehmen: „Wir werden gerade in ländlichen Regionen viel stärker darüber nachdenken müssen, die Versorgungsbereiche zu organisieren nach dem Prinzip: ein Dorf, ein Stadtteil – ein Pflegedienst.“ So könnten Fahrzeiten reduziert und Pflegefachkräfte gezielter eingesetzt werden. „So wie es jetzt ist, lassen wir zu viel Zeit auf der Straße liegen.“ Qualifizierte Pflegekräfte säßen zu lange im Auto.
Immer mehr Menschen brauchen Pflege
In Niedersachsen und Bremen werden nach Angaben der Verbände aktuell rund 670.000 Menschen überwiegend zu Hause von Angehörigen oder ambulanten Pflegediensten versorgt. Die Zahl habe sich in den vergangenen beiden Jahren um 14 Prozent erhöht, das entspreche 85.000 Menschen. Bundesweit sind derzeit rund insgesamt 5,6 Millionen Menschen pflegebedürftig. Prognosen zufolge wird ihre Zahl bis 2030 auf rund sechs Millionen und bis 2040 auf bis zu sieben Millionen steigen.
Aus Sicht des VdK sind gezielte Entlastungsangebote wie ein Rechtsanspruch auf einen Tagespflegeplatz oder eine engere Verzahnung von professioneller Pflege und Angehörigen-Pflege notwendig. „Wir müssen die Kompetenzen der pflegenden Angehörigen stärken, damit klar wird, was sie selbst leisten können und wobei sie professionelle Unterstützung benötigen“, sagte Stubbe. Neben einem Abbau von Bürokratie brauche es auch einheitliche Tarife, damit Arbeitskräfte nicht abgeworben würden.
Wohlfahrtverbände sehen falsches Signal
Für die Wohlfahrtsverbände wandte sich der Vorsitzende Lenke zudem gegen Pläne, die Refinanzierung der Tarife in der häuslichen Krankenpflege durch die Kassen zu begrenzen. Damit würde die finanzielle Hauptlast der tariflichen Pflichten auf die Anbieter übertragen. Die Folgen seien mehr Insolvenzen, Personalabbau und mehr Versorgungslücken.
Die Tarifbindung in der Pflege sei hart erkämpft worden und eine unverzichtbare Grundlage, um Personal zu gewinnen, warnte Lenke: „Wir können nicht einerseits hervorheben, wie wichtig der Pflegeberuf ist, und gleichzeitig die Refinanzierung der Löhne infrage stellen.“
Der Diakonie-Chef wandte sich auch dagegen, Leistungszuschläge für die Pflege in Heimen später oder in abgeschwächter Form zu gewähren. Das werde zu höheren Eigenanteilen führen und die Kosten letztlich in die Sozialhilfe verlagern, weil die Pflegebedürftigen sie nicht mehr tragen könnten.