„Schule ist Lern- und Lebensort!"
Drei Fragen zu Kirche und Ganztag an Oberlandeskirchenrätin Dr. Kerstin Gäfgen-Track, Leiterin der Bildungsabteilung im Landeskirchenamt. Ab Sommer 2026 haben Grundschulkinder das Recht darauf, auch nachmittags und in den Ferien kostenlos betreut zu werden.
Warum sollte sich die Kirche im schulischen Ganztag engagieren?
Kerstin Gäfgen-Track: Schon jetzt sind mehr als 70 Prozent aller Schulen, auch aller Grundschulen, Ganztagsschulen. Diese Zahlen werden noch steigen, weil nun alle Kinder in der Grundschule, zunächst beginnend mit Klasse 1, das Recht auf eine vom Staat organisierte Betreuung haben. Das gilt nicht nur für alle Nachmittage in der Schulzeit, sondern auch – und das wird oft vergessen – für die Schulferien. Schule wird immer stärker zum „Lebens- und Lernort“. Mir ist es deshalb ein großes Anliegen, dass die Kirche dazu einen Beitrag leistet: damit Kinder diese Zeit für sich selbst als bedeutsam erleben, gute Erfahrungen machen und die Möglichkeit haben, sich mit Fragen des Lebens und des Glaubens auseinanderzusetzen. Gerade junge Menschen interessieren sich für religiöse Themen, suchen nach Orientierung für ihr Leben. Hier können wir gute Angebote machen, weil wir gut ausgebildete Menschen für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben. Kinder und Jugendliche sind in der Schule – da sollten wir auch präsent sein.
Schulen sind weltanschaulich neutral. Könnten Angebote der Kirchen gerade in der heutigen Zeit mit immer weniger Mitgliedern nicht als übergriffig empfunden werden?
Gäfgen-Track: Man liest immer wieder, dass Schulen „weltanschaulich neutral“ seien. Eigentlich müsste der Satz aber etwas anders lauten: Der Staat muss weltanschauliche Neutralität wahren, um das friedliche Miteinander verschiedener Religionen zu gewährleisten. Da gehe ich natürlich mit. Es ist zudem ein weit verbreitetes und sehr hartnäckiges Vorurteil, dass kirchliche Aktivitäten ausschließlich auf Mitgliedergewinnung zielen. Das stimmt so auch nicht. Wenn wir uns am Ganztag beteiligen, geht es uns nicht um Mission – sondern darum, mit Kindern und Jugendlichen über das ins Gespräch zu kommen, was sie bewegt, worauf sie hoffen und was ihre Welt im Innersten zusammenhält. Ja, wir tun das als Christinnen und Christen und stehen damit ein für das, was wir glauben. Aber wir wollen niemanden überwältigen! Die Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen im Ganztag ist grundsätzlich freiwillig, sodass Kinder immer auch die Wahl haben zwischen einem kirchlichen und einem anderen Angebot. Bei dem, was wir als Kirche anbieten, wird deutlich, wofür wir stehen: eine lebendige und bunte Gemeinschaft, in der jeder angenommen ist, so wie die Person ist. Damit leisten wir selbst einen entscheidenden Beitrag zum friedlichen Miteinander der verschiedenen Religionen.
Was wird dann aus den bisherigen kirchlichen Angeboten, die ja auch teilweise am Nachmittag stattfinden?
Gäfgen-Track: Es wird nicht so sein, dass zukünftig alle Kinder am schulischen Ganztag teilnehmen – manche vielleicht gar nicht, manche nur an bestimmten Tagen. Bestimmt gibt es hier auch Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen oder zwischen Stadt und Land. Für uns heißt das: vor Ort gut zu überlegen, was gebraucht wird und welche Angebote welche Kinder auf welche Weise erreichen können. Die Absprachen zwischen den verschiedenen kirchlichen Akteurinnen und Akteuren, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, werden sicherlich noch wichtiger als vorher. Ausschlaggebend ist zukünftig nicht mehr so sehr die Frage, für wen ich eigentlich genau zuständig bin, sondern umgekehrt zu überlegen, wie wir kirchlicherseits dafür sorgen können, dass wir allen Kindern attraktive, spannende und hochwertige religiöse Bildungsangebote zur Verfügung stellen – im schulischen Ganztag, außerhalb des Ganztags oder als Ferienangebote.
An drei digitalen Info-Treffen zur kirchlichen Beteiligung am Ganztag besteht die Möglichkeit zu Information und Austausch: 28. April (9 bis 10 Uhr), 6. Mai (16 bis 18 Uhr – geänderte Uhrzeit) und 17. Juni (16.30 bis 18.30 Uhr).