„Popularmusik ist ein kraftvoller Türöffner“

Interview mit Jan Meyer, Leiter des neuen Fachbereichs Popularmusik der Landeskirche
Jan Meyer
Bild: Lothar Veit

Die Landeskirche Hannovers bündelt ihre popularmusikalischen Aktivitäten in einem neuen Fachbereich. Geleitet wird er von Gospelkantor Jan Meyer, der im Interview die Hintergründe erläutert – und was sich für ihn persönlich ändert.

Herr Meyer, Anfang des Jahres hat die Landeskirche einen neuen Fachbereich Popularmusik eingerichtet. Es gibt ja schon an vielen Ecken Popularmusik in der Kirche. Was ist das Neue? Und wo ist diese Stelle angesiedelt?

Jan Meyer: Neu ist das gemeinsame Dach: Wir bündeln Pop-, Gospel- und Jazzchorarbeit, das landeskirchliche Popkantorat, das Netzwerk Popularmusik (net.p), die Online-Fortbildungsplattform Soul Play sowie die Pop-D- und C-Ausbildung in einem Fachbereich. Das schafft Koordination, sichert die Qualität und macht Angebote zukünftig auch leichter auffindbar. Angesiedelt ist der Fachbereich im Michaeliskloster Hildesheim in enger Kooperation mit dem Landeskirchenmusikdirektor und der Kirchenmusik unserer Landeskirche.

Geht es nur um eine neue Struktur oder wird die Popularmusik weiter wachsen?

Meyer: Die Popularmusik wächst seit Jahren und der neue Fachbereich gibt diesem Wachstum Struktur und Qualität. Wir haben inzwischen eine zweistellige Zahl an hauptamtlichen Popkantorinnen und Popkantoren in der Landeskirche, einige davon mit Kreiskantoratsauftrag. Unser erster Pop‑C‑Kurs (also die Ausbildung für nebenamtliche Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker) wurde im vergangenen Jahr mit 21 Absolventinnen und Absolventen erfolgreich abgeschlossen; seit 2023 bieten wir diesen C‑Kurs an. 2025 ist ein weiterer C‑Popkurs in Verden gestartet, 2026 folgt der nächste in Hannover. Das bedeutet ganz konkret: mehr qualifizierte nebenamtliche Popkantorinnen und Popkantoren in den Gemeinden und ein spürbar dichteres Netz an Kompetenz vor Ort. Der neue Fachbereich sorgt dafür, dass dieses Wachstum dauerhaft trägt: Wir verzahnen Ausbildung und Praxis im Popbereich – unter anderem auch mit der Fortbildungsplattform Soul Play –, etablieren ein Netzwerk für Popkantorinnen und Popkantoren und schaffen klare, verlässliche Wege für Chor‑ und Bandleitungen, von modularen Formaten bis zu passgenauen Coachings in den Regionen. Über das Netzwerk Popularmusik (net.p) verbinden wir Initiativen landeskirchenweit und stärken regionale Anker.

„Ohne Gospel könnte ich mir meinen Arbeitsalltag – mein Leben an sich – gar nicht vorstellen.“
Jan Meyer

Man kennt Sie bislang als umtriebigen Gospelkantor. Was wird aus dieser Stelle?

Meyer: Mein Referentenschwerpunkt für die Gospel-, Jazz- und Popchorarbeit bleibt bestehen, genauso wie meine Tätigkeit an der Gospelkirche. Gleichzeitig bleibe ich in der Fläche präsent: Fortbildungen und Beratung sind weiterhin Teil meines Alltags. Was sich ändert, ist die Form: In den letzten fünf Jahren war ich mit vielen Wochenend-Chorworshops in den Kirchenkreisen unterwegs. Diese Arbeit wird so nicht fortgesetzt, das hat aber einen guten Grund: Unser Netz an Popkantorinnen und Popkantoren ist deutlich dichter geworden, viele bieten selbst hochwertige Workshops an. Darüber hinaus gibt es ein Portfolio an Menschen, die selbst Chorworkshops anbieten. Somit verändert sich meine Stelle und kriegt eine andere Kontur, aber Gospel bleibt der Schwerpunkt. Und: Ohne Gospel könnte auch ich mir meinen Arbeitsalltag – mein Leben an sich – gar nicht vorstellen. Das nächste große landeskirchliche Gospelprojekt steht in der Pipeline: das Chormusical „Judith und das Wunder der Schöpfung“, welches am 6. Februar 2027 in der ZAG-Arena Hannover Premiere hat. Chöre, Einzelsängerinnen und Einzelsänger und Menschen, die bisher noch gar nicht gesungen haben, können dabei sein – und auch an der Gospelkirche Hannover wird es einen Projektchor dazu geben.

Sind die alten Grabenkämpfe zwischen Klassik und Pop in der Kirche überwunden?

Meyer: Hier und dort gibt es sie noch – meistens auf Grundlage von Unkenntnis der einen oder anderen Musik. Und gleichzeitig: An vielen Orten sind sie spürbar überwunden. Wo früher Fronten waren, entsteht zunehmend Zusammenarbeit. Orgel, Band, Posaunen, Gospelchor und vieles mehr: kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch. Natürlich gibt es unterschiedliche Geschmäcker – zum Glück! –, aber die gemeinsame Haltung zählt: Musik, die das Evangelium kommuniziert, in ihren ganz unterschiedlichen Stilen für ganz unterschiedliche Zielgruppen. Das wird auch unser landeskirchliches Mitsingfestival „Wer singt, blüht auf“ zeigen: In der gesamten Landeskirche laden Musikerinnen und Musiker vom 2. bis 25. Mai zum gemeinsamen Singen ein, zehn große Abschlussveranstaltungen an Pfingstmontag zeigen dabei die Vielfalt der Kirchenmusik.

Studien zur Kirchenmitgliedschaft schreiben der Kirchenmusik einen hohen Stellenwert zu. Kann Popularmusik die Kirche vor dem Schrumpfen retten?

Meyer: Popularmusik ist kein Allheilmittel, aber ein kraftvoller Türöffner: Sie schafft Beteiligung, Gemeinschaft und Resonanz – oft niedrigschwellig und lebensnah. Sie kann Menschen hineinholen, binden und befähigen, Kirche aktiv zu gestalten. Wenn Popularmusik Menschen berührt und beteiligt, stärkt sie „Kirche vor Ort“ spürbar – und genau darauf zielen wir. Also: Alleine wird sie nichts retten, aber sie ist – wie die gesamte Kirchenmusik – ein wesentlicher Bindungsfaktor und ein Garant für eine lebendige Kirche!

Lothar Veit / EMA