Sprecherin evangelischer Missbrauchsbetroffener tritt zurück

Eine weiblich gelesene Person mit blauer Jacke und Schal hält ein Mikro in der Hand.
Bild: epd-bild/Paul-Philipp Braun

Frankfurt a.M.. Die Sprecherin der evangelischen Betroffenenvertretung, Nancy Janz, tritt zurück. In einer am Mittwoch verbreiteten persönlichen Erklärung heißt es, ihre Entscheidung sei «Ergebnis einer intensiven Zeit und anhaltendem hohen Engagement» als Sprecherin der Betroffenen im Beteiligungsforum Sexualisierte Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Diakonie, das auch über persönliche Grenzen hinausgegangen sei. Zugleich übte sie Kritik an mangelnden Fortschritten bei der Aufarbeitung und Prävention von Missbrauch in der Kirche. Die Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum, Dorothee Wüst, bedauerte Janz' Entscheidung.

Mit Janz verliert das Beteiligungsforum innerhalb kurzer Zeit seine zweite prominente Stimme. Bereits im Herbst hatte Detlev Zander sein Sprecheramt niedergelegt und ebenfalls Defizite bei der Aufarbeitung kritisiert. Seitdem war Janz alleinige Sprecherin der Betroffenen. Sie will für eine Übergangsphase noch im Gremium bleiben, sich dann aber anders als Zander vollständig zurückziehen.

Janz bemängelte in einem Interview mit dem evangelischen Magazin «chrismon», dass Beschlüsse des Beteiligungsforums nicht in allen 20 evangelischen Landeskirchen und Diakonie-Landesverbänden umgesetzt werden. «Wir sprechen seit Jahren über dieselben Fragen, und dennoch gibt es an vielen Stellen kaum spürbaren Fortschritt für betroffene Personen. Das tut weh», sagte sie. «Ich habe oft das Gefühl, dass wir auf landeskirchlicher Ebene oder in diakonischen Verbänden als Alibi genutzt werden, weil man dann sagen kann: Es waren ja Betroffene an der Entscheidung beteiligt.» Ihr Eindruck sei, dass bei einigen der Wille fehle, Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu zeigen. 

Die pfälzische Kirchenpräsidentin Wüst erklärte laut Mitteilung der EKD, man nehme die Kritik von Janz ernst. Man verstehe dies als klaren Auftrag, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen.

Die evangelische Missbrauchsstudie, die vor zwei Jahren veröffentlicht wurde, zeigte gravierende Mängel im Umgang mit Fällen sexualisierter Gewalt und Betroffenen auf. Die Forscher attestierten Kirche und Diakonie «Verantwortungsdiffusion», Harmoniezwang und fehlende Zuständigkeiten, die Aufklärung und Aufarbeitung verhindert hätten. Oftmals habe die Kirche Betroffene im Stich gelassen.

Janz war seit Gründung des Beteiligungsforums Sexualisierte Gewalt im Jahr 2022 gemeinsam mit Zander Stimme der Betroffenen. Sie leitet zudem die Fachstelle sexualisierte Gewalt in der bremischen Landeskirche, dieses Amt führt sie weiter. Ursprünglich waren neun Betroffene Mitglieder im Beteiligungsforum, nach mehreren Rücktritten waren es zuletzt sechs aktive Mitglieder. Die Vertreter der Kirche und Diakonie sind derzeit mit neun Beauftragten vertreten.

Das Beteiligungsforum ist das zentrale Gremium der evangelischen Kirche und ihres Sozialverbandes Diakonie, in dem über die Aufarbeitung und Prävention von sexualisierter Gewalt gesprochen wird. Dort wurde zwischen Betroffenen und Vertretern der Institutionen zuletzt etwa verhandelt, nach welchem Verfahren und in welcher Höhe Missbrauchsbetroffene Ausgleichszahlungen von Kirche und Diakonie erhalten sollen. Die Richtlinie ist aber noch nicht flächendeckend umgesetzt.

Janz sprach im Interview mit «chrismon» auch Spannungen unter den Betroffenenvertretern im Beteiligungsforum an. Es sei nicht gelungen, diese Konflikte zu lösen. Dazu sagte Detlev Zander dem epd, den anstehenden Übergang verstehe er als «notwendigen Moment der Klärung». Ziel sei es, die Betroffenenvertretung künftig so aufzustellen, dass Rollen eindeutig definiert seien und Konflikte fachlich bearbeitet werden könnten.

Corinna Buschow und Franziska Hein (epd)