Expertin: Aufarbeitung von Missbrauch in Familien besonders schwierig

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Berlin. Für die unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stellt der Umgang mit Taten im familiären Kontext eine besondere Herausforderung dar. Gerade hier sei es schwierig, «Aufarbeitung wirklich einzufordern», sagte die Vorsitzende Julia Gebrande dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie betonte, dass die Kommission diese Problematik auch als politisches Thema betrachte und dazu im Dezember ein Positionspapier veröffentlicht habe.

«Es ist uns sehr wichtig, hier voranzukommen», sagte Gebrande. Sie verwies auf die von der Kommission durchgeführten vertraulichen Anhörungen von Betroffenen und die bei dem Gremium eingereichten schriftlichen Berichte. «Der Großteil bezieht sich nämlich auf den Tatkontext Familie.»

Die Kommission war am 26. Januar 2016 eingerichtet worden. Sie hat sieben Mitglieder, die ehrenamtlich tätig sind. Die Sozialpädagogin Gebrande, die an der Hochschule Esslingen zum Thema Soziale Arbeit im Gesundheitswesen lehrt, ist seit 2022 Mitglied und seit 2024 Vorsitzende.

Seit dem Start der Kommission habe sich insbesondere im institutionellen Bereich einiges getan, sagte Gebrande dem epd, angefangen bei den Kirchen. «Die katholische Kirche war am Anfang weiter vorne, mit der ForuM-Studie ist auch in der evangelischen Kirche einiges angestoßen worden.» Allerdings sei in beiden Fällen «nach wie vor viel Luft nach oben». Als weitere «Erfolgsstory» nannte Gebrande den Sport. «Gerade im Schwimmen, im Reitsport, im Handball, da ist auf Bundesebene wirklich viel passiert.»

Zu den nächsten Bereichen, mit denen sich die Kommission vertieft befassen will, zählen laut Gebrande die Medizin und der Kontext von Kunst, Theater und Musik. Geplant sei auch eine öffentliche Kampagne, die sich gezielt an Menschen mit Behinderungen richte und diese ermutigen solle, von ihren Erfahrungen zu berichten.

Auch gesellschaftlich habe sich in den vergangenen Jahren einiges geändert, sagte Gebrande. «Es gab auf jeden Fall eine Sensibilisierung. Das Thema ist nicht mehr ein solches Tabu wie früher.» Gleichwohl sei es nach wie vor für alle Menschen schwierig, sich vorzustellen, dass sexueller Kindesmissbrauch auch im eigenen Umfeld passiere. «Und dass sie nicht nur betroffene Kinder und Jugendliche kennen, sondern dass sie höchstwahrscheinlich auch mit Täterinnen und Tätern zusammenarbeiten oder diese kennen oder ihnen vielleicht sogar die eigenen Kinder anvertrauen.»

Christina Neuhaus (epd)