Eigentlich bin ich ganz anders

Andacht zum 22. Sonntag nach Trinitatis
Bild: Africa Images/ Canva

Die Autorin

Eine Frau mit blonden Haaren.
Bild: privat
Bianca Reineke ist Pastorin und Dozentin für berufsbildende Schulen und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am RPI Loccum.

Ist es nicht erstaunlich, dass die Bibel, die nun doch schon etwas älter ist, immer wieder Gefühle und Situationen aufgreift, die in die Gegenwart passen? Damit meine ich nicht, dass ich sie gewaltsam in meine Richtung, nach meinen Gedanken übersetze, damit ich irgendwie happy bin und sage: Guck mal, der meint ja mich. Mir geht es um das Zwischenmenschliche und das, was in mir ist an Gefühlen, die meine Handlungen beeinflussen und die nicht immer so sind, wie ich das gerne hätte.

Theoretisch weiß ich genau, wie ich mich benehmen möchte, wie ich in die Welt gehen will, wie ich handeln möchte und welches Bild die anderen von mir haben sollen. Das sind meine guten Vorsätze. Die habe ich nicht nur am 31. Dezember. Jeden Morgen blicke ich in den Spiegel und verspreche mir, ein guter Mensch sein zu wollen. Doch im Laufe des Tages gehe ich Spiegeln lieber aus dem Weg und bin abends froh, wenn ich ohne Kontaktlinsen mein Ich nur noch unscharf erkennen kann.

Wie oft tun wir das, was wir eigentlich nicht wollen? Wie oft sagen wir Sachen, tun wir Dinge, die unserer Persönlichkeit widersprechen? Es gab so einen schönen Spruch auf den Graffitiwänden der Achtzigerjahre: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Oh ja…In dem Moment, in dem ich etwas gesagt oder getan habe, bereue ich es schon. Und trotzdem tue ich es, warum auch immer.

Paulus schildert im Römerbrief, dass es ihm und den Menschen um ihn herum auch so geht. Er schreibt das im Predigttext für Sonntag so intensiv, dass er es immer wieder wiederholt. Aber das zeigt ja nur, wie sehr ihn das beschäftigt, und ich kann das zu 100 Prozent nachvollziehen. Das Schöne ist, dass Paulus eine Lösung findet und sie uns anbietet. Manchmal hilft mir das, aber nicht immer. Und jedes Mal, wenn ich wieder einen Fehler mache, ganz bewusst falsch handle oder rede, ärgere ich mich darüber, dass ich diese Chance, die Gott mir gibt, besser zu sein, mal wieder nicht angenommen habe, mal wieder seine ausgestreckte Hand ausgeschlagen habe.

Paulus sagt ja klar im Römerbrief: Unsere Sünden sind vergeben. Gott hilft uns dabei, gute Menschen zu sein. Daran sollten wir denken, nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Aber tatsächlich auch dann. Und das finde ich schön. Ich will keinen Freifahrtschein für Fehler, aber ich brauche die Gewissheit, dass Gott mich trotzdem liebt, wenn ich erneut gegen meine Persönlichkeit verstoße. Dass seine Liebe und Vergebung immer wieder neu greifen. Das sagt Paulus hier ganz klar, und das glaube ich.

Amen.

Biblischer Text,
Römer 7,14–25a
Denn wir wissen, dass das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, stimme ich dem Gesetz zu, dass es gut ist. So tue ich das nicht mehr selbst, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, vollbringe nicht mehr ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz: Mir, der ich das Gute tun will, hängt das Böse an. Denn ich habe Freude an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Verstand und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes? Dank sei Gott durch Jesus Christus, unsern Herrn! So diene ich nun mit dem Verstand dem Gesetz Gottes, aber mit dem Fleisch dem Gesetz der Sünde.
Bianca Reineke