Ist es nicht erstaunlich, dass die Bibel, die nun doch schon etwas älter ist, immer wieder Gefühle und Situationen aufgreift, die in die Gegenwart passen? Damit meine ich nicht, dass ich sie gewaltsam in meine Richtung, nach meinen Gedanken übersetze, damit ich irgendwie happy bin und sage: Guck mal, der meint ja mich. Mir geht es um das Zwischenmenschliche und das, was in mir ist an Gefühlen, die meine Handlungen beeinflussen und die nicht immer so sind, wie ich das gerne hätte.
Theoretisch weiß ich genau, wie ich mich benehmen möchte, wie ich in die Welt gehen will, wie ich handeln möchte und welches Bild die anderen von mir haben sollen. Das sind meine guten Vorsätze. Die habe ich nicht nur am 31. Dezember. Jeden Morgen blicke ich in den Spiegel und verspreche mir, ein guter Mensch sein zu wollen. Doch im Laufe des Tages gehe ich Spiegeln lieber aus dem Weg und bin abends froh, wenn ich ohne Kontaktlinsen mein Ich nur noch unscharf erkennen kann.
Wie oft tun wir das, was wir eigentlich nicht wollen? Wie oft sagen wir Sachen, tun wir Dinge, die unserer Persönlichkeit widersprechen? Es gab so einen schönen Spruch auf den Graffitiwänden der Achtzigerjahre: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.“ Oh ja…In dem Moment, in dem ich etwas gesagt oder getan habe, bereue ich es schon. Und trotzdem tue ich es, warum auch immer.
Paulus schildert im Römerbrief, dass es ihm und den Menschen um ihn herum auch so geht. Er schreibt das im Predigttext für Sonntag so intensiv, dass er es immer wieder wiederholt. Aber das zeigt ja nur, wie sehr ihn das beschäftigt, und ich kann das zu 100 Prozent nachvollziehen. Das Schöne ist, dass Paulus eine Lösung findet und sie uns anbietet. Manchmal hilft mir das, aber nicht immer. Und jedes Mal, wenn ich wieder einen Fehler mache, ganz bewusst falsch handle oder rede, ärgere ich mich darüber, dass ich diese Chance, die Gott mir gibt, besser zu sein, mal wieder nicht angenommen habe, mal wieder seine ausgestreckte Hand ausgeschlagen habe.
Paulus sagt ja klar im Römerbrief: Unsere Sünden sind vergeben. Gott hilft uns dabei, gute Menschen zu sein. Daran sollten wir denken, nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Aber tatsächlich auch dann. Und das finde ich schön. Ich will keinen Freifahrtschein für Fehler, aber ich brauche die Gewissheit, dass Gott mich trotzdem liebt, wenn ich erneut gegen meine Persönlichkeit verstoße. Dass seine Liebe und Vergebung immer wieder neu greifen. Das sagt Paulus hier ganz klar, und das glaube ich.
Amen.
Römer 7,14–25a