Der Herbst ist da. Es ist wieder Zeit zum Heckenschneiden. Jedes Jahr staune ich, wie schnell Flieder, Forsythie, Kirschlorbeer und Hortensien gewachsen sind. Nein: gewuchert.
Ich bin eigentlich nicht der Gärtner-Typ. Mein Rasen ist alles andere als englisch, die Grenze zwischen Zierpflanzen und Unkraut äußerst fließend. Einen grünen Daumen habe ich nicht. Dafür kann ich ganz gut mit Heckenschere und Motorsäge umgehen.
Also: Hecken schneiden. Denn was eben noch ein schöner grüner Hingucker war, wird irgendwann zum undurchdringlichen Dickicht. Die Sträucher wachsen in den Garten, auf die Straße und zum Nachbarn. Sie nehmen das Licht und versperren den Blick auf die schönen Ecken.
Also raus, die letzten warmen Tage nutzen. Hier schneiden, dort sägen. Den Rest erledigt die Heckenschere. Inzwischen habe ich allerdings gelernt: Nicht alles darf jetzt unter die Schere. Flieder und Forsythie haben ihre Knospen fürs Frühjahr schon angelegt. Wer sie im Herbst schneidet, schneidet die Blüte weg. Bald fällt wieder Licht hindurch. Und ich kann mich darauf freuen, dass die Hecken im nächsten Jahr neu austreiben.
An diesem Sonntag feiern wir Erntedank. Wir schauen auf das, was gewachsen ist, und danken Gott für seine guten Gaben: für das tägliche Brot, für Menschen an unserer Seite, für Frieden und Freiheit, für Kraft und Bewahrung. Vieles davon haben wir nicht selbst gemacht. Es ist uns geschenkt.
Das Heckenschneiden kann dabei zu einer kleinen Erntedank-Übung werden: Was ist in diesem Jahr in meinem Leben gewachsen? Was hat geblüht und Frucht getragen? Wofür bin ich dankbar?
Doch zum Wachsen gehört auch das Zurückschneiden. Jesus sagt im Johannesevangelium: „Mein Vater ist der Weingärtner.“ (Joh 15,1) Die Reben, die Frucht tragen, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringen.
Gott schneidet nicht zurück, um das Leben klein zu halten, sondern damit es sich neu entfalten kann in Christus. Vielleicht ist auch in meinem Leben manches zu dicht geworden: Termine und Erwartungen, Sorgen und Gewohnheiten, Ansprüche an mich selbst. Nicht alles, was wächst, tut mir gut. Manches nimmt mir die Sicht, anderes raubt Licht und Kraft und bremst mein geistliches Wachstum.
Erntedank heißt deshalb nicht nur, das Gewachsene zu bewahren. Es kann auch heißen, Gott zu fragen: Was darf bleiben? Was trägt Frucht? Und wovon darf ich mich trennen?
Solche Schnitte können schwer fallen und wehtun. Doch sie schaffen Raum: für Licht und frische Luft, für einen klaren Blick und neues Wachstum. Und für die dankbare Erkenntnis, dass mein Leben nicht allein von meiner eigenen Kraft abhängt.
Es liegt in der Hand Gottes, der alles geschaffen hat und am Leben erhält. Ihm sei Dank.
Johannes 15,1–8