Ich war’s nicht…

Andacht zum Sonntag Invocavit (Beginn der Passionszeit)
Eine Hand reicht einer anderen einen roten Apfel.
Bild: canva

Die Autorin

Eine Frau mit blonden Haaren.
Bild: privat
Pastorin Bianca Reineke ist Dozentin für Berufsbildende Schulen und Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am RPI Loccum.

Es ist so praktisch, wenn jemand neben mir steht, auf den ich zeigen kann. Wenn etwas schiefgelaufen ist, ich Mist gebaut habe, wenn böse Worte gefallen sind. Dann ist es entlastend zu sagen: „Er war’s … er hat mich überredet.“ „Sie hat angefangen, es war ihre Idee.“ Schon fühlt sich alles leichter an, als hätte jemand die Schwere der Verantwortung von meinen Schultern genommen.

Aber spätestens wenn ich abends in den Spiegel schaue, meldet sich das schlechte Gewissen. Ich habe gelogen. Niemand hat mir die Worte in den Mund gelegt. Niemand hat mich gezwungen, so zu handeln. Ich hätte Nein sagen können, hätte anders handeln können.

Diese Szene kennen wir aus der Bibel. Adam und Eva im Garten. Die Schlange flüstert, verführt, sie schmeichelt und taktiert klug. Sie stellt die richtigen Fragen und macht das Verbotene interessant. Und plötzlich scheint es gar nicht mehr so schlimm zu sein, diese Frucht zu nehmen und zu probieren. Erst Eva. Dann Adam. Und als Gott sie zur Rede stellt, beginnt dieses menschliche Schauspiel: Adam zeigt auf Eva. Eva zeigt auf die Schlange. Und die Schlange verstummt. Adam und Eva aber glauben, die Schuld erstmal los zu sein.

Ich finde dieses Szenario, dessen Folgen fatal sind, fast tröstlich. Nicht, weil es gut ist, sondern weil es ehrlich ist. So sind wir. Wenn man uns sagt: „Denk nicht an einen rosa Elefanten“, dann steht er mitten im Raum. Erst wenn etwas verboten ist, bekommt es diesen besonderen Reiz. Und wenn wir dann, schwach geworden, der Versuchung nachgeben, suchen wir nach Gründen, warum wir eigentlich gar nichts dafür können.

Doch die Wahrheit bleibt: Die Entscheidung treffe ich und die Verantwortung liegt bei mir. Das ist schwer auszuhalten. Es wäre viel einfacher, jemanden zu haben, auf den ich zeigen kann. Aber die Schuld, die ich von mir wegschieben will, verschwindet nicht. Sie arbeitet in mir weiter. Sie raubt mir den Schlaf und sie macht mich unruhig.

Vielleicht ist es genau das, was Erwachsenwerden, auch im Glauben, ausmacht. Sagen zu können „Ja, ich war’s.“ Ohne Ausrede. Ohne Fingerzeig. Nicht, um mich selbst anzuklagen, sondern um frei zu werden. Denn nur was ich zugebe, kann auch vergeben werden. Verantwortung, Einsicht und freier Wille sind Geschenke Gottes. Es sind große Geschenke, die nicht immer einfach zu leben sind. Aber sie zeigen auch, wie ernst Gott mich nimmt. Er traut mir zu, Entscheidungen zu treffen. Und er traut mir zu, zu meinen Fehlern zu stehen, denn auch dann bin ich geliebt.

Amen

Biblischer Text,
1. Mose 3
Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN zwischen den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.
Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
Bianca Reineke