Wieviel ist genug?

Andacht zum Sonntag Estomihi
Ein großer Stein in flachem Wasser mit einem Brett darauf, auf dem kleinere Steine in einer Waage balancieren. Daneben steht: Soviel du brauchst.
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Der Autor

Jakob Kampermann
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Jakob Kampermann

Jakob Kampermann ist Pastor und Mitglied der Evangelischen Medienarbeit (EMA) der Landeskirche Hannovers.

Das Wort „fasten“ ist ein althochdeutsches. Es bedeutet: festhalten, verschließen, beschließen. Das begegnet uns noch im Englischen „fasten your seatbelt“: Schließen Sie den Gurt im Flugzeug!

In der evangelischen Kirche hat das Klimafasten schon Tradition. „Wieviel ist genug?“, fragt die Aktion.

Sie lädt dazu ein, in unterschiedlichen Blickrichtungen den Überfluss der Geschenke Gottes wahrzunehmen. Am kommenden Aschermittwoch geht sie los.

Welcher Quatsch, welche Schwächen haben sich in unser Leben eingeschlichen? Was läuft schief? Was sollten wir dringend ändern? Und zwar jede und jeder selbst. Nicht auf andere vermeintliche Größen hören, sondern selbst überprüfen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Ohnmächtig sind wir nämlich nicht. Nicht als Gesellschaft und nicht individuell.

Bei uns ist hochfrommes Gebaren nicht üblich. Mag sein, dass das irgendwann auch in Deutschland mal anders war. Aber die Kirche ist in unserer Gesellschaft keine Bühne, die man nutzen könnte, um sich besonders darzustellen. Das ist bei den ersten Adressaten von Jesajas Worten offenbar anders. Wir machen das heute nicht mehr, religiöse Riten vor uns herzutragen. Aber das vermisse ich auch nicht.

Aber Diskrepanzen zwischen dem, was Personen öffentlich tun – besonders wenn es öffentliche Personen sind – und dem, was sie sagen und von Amts wegen leben sollten,... dafür haben wir ein feines Gespür.

Glauben an Gott ohne handfeste Gerechtigkeit – das geht gar nicht.

Und dann beschreibt Jesaja in poetischen Worten, wie das rechte Fasten in Gottes Augen gewertet wird. Fast wie eine paradiesische Hymne: Dann wird Dein Licht hervorbrechen, wie die Morgenröte – der Tag liegt dann vor Dir, verheißungsvoll, offen für alle guten Möglichkeiten. Deine Heilung wird schnell voranschreiten – Du wirst Dich wohler und gesünder fühlen an Körper und Geist und an Deiner Seele. Deine Gerechtigkeit wird vor Dir hergehen und was fehlt, wird Gott ergänzen. Dann wirst Du rufen, und Gott wird sich nicht mehr verbergen, sondern Dir antworten. Ja, er wird hervortreten, Du wirst in seiner Nähe sein, alles wird gut sein und Gott wird zu dir sprechen: „Siehe, hier bin ich!“

Wieviel ist genug? Ein Verzicht könnte eine Folge sein, vorneweg geht das Wahrnehmen und Bemerken einer Fülle.

Mit der Erfahrung, auf die richtige Spur zu kommen, auf der eben auch Gott unterwegs ist. So dass wir ihm nahe kommen – und er uns.

Amen.

Biblischer Text,
Jesaja 58,1–9a
Rufe laut, halte nicht an Dich! Erhebe Deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. »Warum fasten wir und Du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und Du willst’s nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da Ihr fastet, geht Ihr doch Euren Geschäften nach und bedrückt alle Eure Arbeiter. Siehe, wenn Ihr fastet, hadert und zankt Ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie Ihr jetzt tut, wenn Eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt Ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat? Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die Du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die Du das Joch gelegt hast! Gib frei, die Du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen Dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn Du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh Dich nicht Deinem Fleisch und Blut! Dann wird Dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und Deine Heilung wird schnell voranschreiten, und Deine Gerechtigkeit wird vor Dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird Deinen Zug beschließen. Dann wirst Du rufen und der Herr wird Dir antworten. Wenn Du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Jakob Kampermann