Was? Du hier?

Andacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias
Eine langer gedeckter Tisch im Garten mit weißen Stühlen
Bild: Canva

Der Autor

Ralf Drewes ist Pastor in der Nordstädter Kirchengemeinde in Hannover.

„Im Himmel werden wir uns über drei Dinge wundern. Erstens: Menschen zu treffen, die wir dort nicht erwartet haben. Zweitens: Menschen nicht zu sehen, die wir dort erwartet hätten. Und drittens: uns selbst dort zu treffen.“ Ach, Voltaire, frecher, kluger Kopf. Voltaire war vor 300 Jahren einer der meistgelesenen Autoren der Aufklärung in Europa. Der Mann hieß eigentlich François-Marie Arouet und nahm am 12. Juni 1718 den Namen Voltaire an. Kein Vorname. Denken wir nicht weiter dran, bringt nichts. So pragmatisch ging er an seine Sachen. Und so skeptisch, wenn es um das Reden von Gott ging. Dass er überhaupt etwas über den Himmel sagt, ist schon ein starkes Stück.

Im Himmel ist alles anders als bei uns – anders als im Theater, da sitzen immer die gleichen Abonnentinnen und Abonnenten auf ihren Stammplätzen. Es ist anders als beim Gottesdienst, man ist erstaunt, wer heute alles da ist. Und es ist anders als bei Tanzveranstaltungen, da wünscht mancher sich die Damenwahl zurück. Im Himmel ist es anders. Das hat Voltaire gut erfasst. Keiner sei sich allzu sicher, wer dort dabei ist. Keiner mache vorschnell steile Sätze über den Himmel, wie es da zugehe, auch nicht die Getauften. Hoppla, auch nicht ich! Getauft war Voltaire wohl auch. Aber der Himmel ist Gottes Reich. Und da, wo der Himmel die Erde berührt, da ist ebenfalls Gottes Reich. Da hat Gott das Sagen. Und damit: Hände weg von Gottes Einflusszone, liebe Menschen! Gott entscheidet, wer mit ihm und bei ihm ist, wer also an seinem Tisch sitzt. Und wenn’s auch jemand sei, den ich zur Hölle wünsche. Gott entscheidet.

Diese göttliche Freiheit kennt keine Grenzen. Der Himmel hat keine Richtung. Gottes Gnade kann niemand ausrechnen. Die Großspurigen, die das zu können meinen, führten Voltaire zu seinem Spott. Und so erzählt man sich von einer Begebenheit bei Friedrich, dem Großen, wo Voltaire einst in der Tischrunde Gast war. Er rief: „Ich verkaufe meinen Platz im Himmel für einen preußischen Taler!“ Ein frommer Ratsherr aus Kleve, der ebenfalls zur Tafel des Königs geladen war, soll dazu gesagt haben: „Sie sind hier im Preußischen, und da muss jeder, der etwas verkaufen will, sein Eigentumsrecht daran nachweisen. Können Sie mir nachweisen, dass Sie einen Platz im Himmel haben, und wollen Sie ihn dann noch verkaufen, so will ich jede Summe dafür zahlen!“ Voltaire soll darauf geschwiegen haben. Vielleicht war er sich mit dem Ratsherrn aus Kleve ganz einig. Also stellen wir uns alle schon einmal auf den Satz ein, der im Himmel wohl am häufigsten gesagt wird: „Was? Du hier??“

Wochenspruch,
Lukasevangelium 13,29
Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.
Ralf Drewes