Eigentlich klingt es so einfach. Paulus fasst im Römerbrief passend zum ersten Advent das ganze Evangelium in einem einzigen Satz zusammen. Ein Satz! Nicht mal ChatGPT würde es schaffen, selbst wenn man ihm die ganze Bibel auf einmal füttert. Paulus wirkt hier fast genervt von der ständigen Frage: „Was soll ich tun? Wie soll ich als Christ leben?“ Er sagt nur: Das Wichtigste ist schon gesagt. Jesus selbst hat es gesagt. Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst. Alles andere ergibt sich daraus.
Zuerst dachte ich: Ach, wie schön! Nachfolge Christi ist dann wirklich recht leicht. Lieben? Kein Problem. Ein schönes Gefühl ist das – und ganze Industrien leben davon sehr gut. Online-Dating-Portale, Blumenläden, Schmuckgeschäfte … Rund um Weihnachten wird das Fest der (Nächsten)-liebe ausgiebig gewürdigt und zelebriert. Sogar Baumarkt-Gutscheine tauchen in der Werbung plötzlich als Liebesbeweis auf.
Doch dann merke ich, es ist gar nicht so leicht. Es ist sogar echt schwer. Ich soll ja nicht nur die Menschen lieben, die ich mir ausgesucht habe. Paulus sagt, im Namen Jesu: Liebe Deinen Nächsten.
Und Jesus selbst macht im Gleichnis vom barmherzigen Samariter klar: Der Nächste ist jede und jeder, die/der mir vor die Füße fällt – gesund oder krank, freundlich oder schwierig, angenehm oder anstrengend. Ganz ehrlich… Ich mag ja nicht mal alle Leute, die mir im Alltag begegnen. Die Frau, die mir am Adventssamstag den letzten Parkplatz wegschnappt. Denjenigen, der mir im Supermarkt mit dem vollen Einkaufswagen absichtlich in die Hacken fährt. Den Follower, der das so liebevolle Foto meiner Weihnachtsdeko kritisiert. Liebe ich diese Menschen? Eher nicht. Aber Paulus bleibt klar, dass das Gottes Auftrag an uns ist.
Für mich gibt es ein kleines, ehrliches Schlupfloch. Ich soll doch eher erstmal versuchen, meinen Nächsten zu lieben. Das kann ich. Denn wenn ich es versuche, denke ich darüber nach, warum. Dann erinnere ich mich: Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes. In jedem steckt ein Funke von Gott. Wenn ich mir das vergegenwärtige – besonders dann, wenn ich wieder wie ein Rohrspatz über jemanden schimpfen will – wird es ein kleines bisschen leichter.
Im Advent feiern wir das Kommen der Liebe Gottes in die Welt. Kerze um Kerze, Türchen um Türchen nähern wir uns dem Fest der Liebe. Vielleicht könnten wir gleichzeitig das Wachsen unserer eigenen Liebe zum Nächsten, egal wer er oder sie ist, ein kleines bisschen mitfeiern.
Amen.
Römerbrief 13,8–12