Wundervolle Verwandlung, die unseren Toten geschieht

Andacht zum Ewigkeitssonntag
Ein Schmetterling im Flug.
Bild: Rom creator / canva

Der Autor

Landesbischof Ralf Meister Kloster Loccum
Bild: Insa Hagemann
Landesbischof Ralf Meister

Er saß auf keiner Blüte und flog nicht durch die Luft. Der Schmetterling zierte einen Grabstein. Auf dem alten Gartenfriedhof in Hannover kann man ihn finden. Einmal fliegend, einmal sitzend. 

In der Romantik des 19. Jahrhunderts war der Schmetterling als Grabsymbol beliebt und vor Jahrtausenden schon im alten Ägypten. Die Griechen gaben den Schmetterlingen denselben Namen wie der menschlichen Seele. Sie nannten sie „Psyche“ und die gleichnamige Göttin trug Schmetterlingsflügel. Doch damit war die Zeit der schönen Insekten als christliche Hoffnungsboten vorbei. Dass die Seele von sich aus unsterblich sei und sich nach dem Tod des Leibes befreit aufschwingen könnte, war der christlichen Gedankenwelt fremd. 
Die Hoffnung muss durch den Tod hindurch. Menschen, die am Ewigkeitssonntag zum Friedhof gehen, haben das erlebt. Die Hoffnung führt nicht am Tod vorbei, die Trauer darüber taucht immer wieder auf. 

Lässt sich dennoch an ein Neuwerden des Lebens glauben? „Wir werden alle verwandelt“ (1 Kor 15,51), so umschreibt Paulus seine Hoffnung. Er spricht von einem neuen Kleidungsstück, das uns angelegt wird, oder von einem Haus, das neu gebaut wird. Mir scheint, als sei er noch auf der Suche nach einem passenden Bild. Vielleicht wäre er, wenn er von der Biologie mehr gewusst hätte, auch auf die Schmetterlinge gekommen.

Denn ist das nicht ein Wunder? Die Raupe wächst und müht sich, bis sie sich zum letzten Mal häutet, sich verpuppt und stirbt. Was ihr im Innern des Kokons widerfährt, ist ihre Auflösung. Sie stirbt als Raupe ihren endgültigen Tod und ihre Gestalt vergeht zu nahezu formloser Materie. „Erde zu Erde“, fällt mir ein, „Asche zu Asche und Staub zum Staub.“ Doch es bricht der Kokon auf. Flügel entfalten sich. „Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). Eine Verwandlung, in der das Alte in völlig neuer Gestalt ersteht. Ein zartes, federleichtes Wesen, dessen Leben nicht mehr bodenverhaftet ist, sondern sich unter einem weiten Himmel entfaltet. Die Gestalt und der Lebensraum sind völlig andere als zuvor. 

Was für ein schönes Bild, denke ich. Ich könnte mir mehr Schmetterlinge vorstellen auf unseren Friedhöfen. Mehr Glauben an eine wundervolle Verwandlung, die unseren Toten geschieht – und uns Lebenden Hoffnung schenkt. Ich würde mich freuen, wenn es mehr Schmetterlinge gäbe, die im Sommer über unsere Friedhöfe fliegen. Mit ihren bunten Flügeln der Hoffnung. Was für ein Zeichen!

Landesbischof Ralf Meister